Gefeiert in Venedig, bedrängt in Teheran

Ein iranischer Film im Wettbewerb um den Goldenen Löwen, ein Schauspielpreis für eine Iranerin: Beim Filmfestival von Venedig hat das iranische Kino erneut internationale Aufmerksamkeit bekommen. Doch während seine Filme weltweit präsent sind, werden die Bedingungen für Filmschaffende und Publikum im Iran selbst immer schwieriger.

Wieder Venedig, wieder iranisches Kino. Ali Asgaris A Bit of Light lief beim 83. Filmfestival im Wettbewerb um den Goldenen Löwen. Laleh Marzban wurde für ihre Rolle in Mohsen Gharaeis Falling House als beste Schauspielerin der Sektion Orizzonti ausgezeichnet.

Solche Erfolge sind für das iranische Kino nichts Neues. Seit Jahrzehnten gehören iranische Regisseur:innen zu den festen Größen der großen Festivals. Abbas Kiarostami, Jafar Panahi, Asghar Farhadi oder Mohsen Makhmalbaf haben eine Filmkultur geprägt, deren internationale Bedeutung weit über die Größe ihrer Produktionsmittel hinausgeht.

Der eigentliche Widerspruch liegt deshalb nicht in den Preisen. Er liegt darin, unter welchen Bedingungen diese Filme entstehen.

Filme ohne Kinos

Noch Angaben iranischer Medien verfügen von 1.221 Städten des Landes zwischen 193 und 305 über ein Kino. Bei einer Bevölkerung von mehr als 90 Millionen Menschen zeigt sich damit, wie lückenhaft die Kino-Infrastruktur außerhalb der großen Städte ist. Doch fehlende Kinos sind nicht nur ein logistisches Problem. Eine Filmkultur braucht Orte, an denen Filme ihr Publikum erreichen, diskutiert werden und Teil des gesellschaftlichen Lebens werden.

Fehlen diese Orte, verliert das Kino allmählich die Verbindung zu seinem eigenen Publikum.

Gerade bei international erfolgreichen iranischen Autorenfilmen zeigt sich dieses Problem besonders deutlich. Manche erhalten im Iran keine Aufführungsgenehmigung, andere laufen nur eingeschränkt. Ein Film aus Teheran kann deshalb in Venedig Premiere feiern, während viele Menschen in Teheran ihn nicht regulär im Kino sehen können.

Ein Kino unter Aufsicht

Zu der schwachen Infrastruktur kommt ein seit Jahrzehnten bestehendes System staatlicher Kontrolle. Drehbücher müssen genehmigt werden, Dreharbeiten benötigen Erlaubnisse, und auch fertige Filme brauchen eine Freigabe für die öffentliche Aufführung. Produktionen können also abgeschlossen sein und trotzdem nie regulär ins Kino kommen.

Iranische Filmschaffende haben gelernt, innerhalb dieser Grenzen eigene Ausdrucksformen zu entwickeln. Die berühmte indirekte Erzählweise des iranischen Kinos ist auch aus diesen Bedingungen entstanden: Andeutungen statt direkter Aussagen, private Räume als Spiegel gesellschaftlicher Konflikte, kleine Geschichten als Bilder für größere politische und soziale Fragen.

Doch die ästhetische Kraft, die daraus entstanden ist, darf nicht darüber hinwegtäuschen, was Zensur bedeutet: Filme werden verhindert, Karrieren unterbrochen und Künstler zum Schweigen oder ins Exil gedrängt.

Der internationale Ruhm schützt nicht

Jafar Panahi verkörpert diesen Widerspruch besonders deutlich. Im Jahr 2000 gewann er mit The Circle den Goldenen Löwen in Venedig. 2022 wurde No Bears dort mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet. Während der Film auf dem Lido lief, saß Panahi im Iran im Gefängnis. Das Bild wurde zum Symbol für die Lage vieler iranischer Filmschaffender: internationale Anerkennung auf der einen Seite, staatlicher Druck auf der anderen.

Panahi ist kein Einzelfall. Auch Mohammad Rasoulof und andere Regisseure und Schauspieler wurden festgenommen, mit Berufsverboten belegt oder an der Ausreise gehindert.

Der Ruhm eines Films schützt seine Macher nicht unbedingt. Im Gegenteil: Internationale Sichtbarkeit kann politische Aufmerksamkeit verstärken.

Video – Kurdischer Tanz auf dem Lido: Mitglieder des Filmteams von „A Bit of Light“ tanzen bei der Vorstellung des Films beim Filmfestival von Venedig.

 

Frauen verändern die Bilder

Besonders sichtbar wurde der Konflikt zwischen Gesellschaft und Staat nach dem Tod von Jina Mahsa Amini im September 2022. Während der Protestbewegung „Frau, Leben, Freiheit“ stellten sich auch zahlreiche Künstlerinnen und Künstler gegen staatliche Vorgaben. Schauspielerinnen erschienen öffentlich ohne den vorgeschriebenen Hidschab und nahmen berufliche Konsequenzen in Kauf.

Doch Frauen hatten das iranische Kino schon lange zuvor entscheidend geprägt. Regisseurinnen wie Rakhshan Banietemad und Manijeh Hekmat erzählen seit Jahrzehnten von Armut, sozialen Spannungen, Familien und den Lebensbedingungen von Frauen. Ihre Filme zeigen eine Gesellschaft, in der weibliche Lebenswirklichkeit häufig weit komplexer ist als das Bild, das staatliche Regeln vermitteln wollen.

Auch deshalb hat der diesjährige Schauspielpreis für Laleh Marzban eine besondere Bedeutung. Er steht nicht nur für die Leistung einer einzelnen Schauspielerin, sondern für die anhaltende Präsenz iranischer Frauen im internationalen Kino.

Für wen entsteht dieses Kino?

Im Westen ist häufig vom iranischen „Festivalfilm“ die Rede. Das klingt, als seien diese Werke vor allem für Jurys und ein internationales Kunstpublikum gemacht.

Tatsächlich sind viele von ihnen tief in der iranischen Gesellschaft verwurzelt. Sie erzählen von Familienkonflikten, Armut, Liebe, Bürokratie, Generationenunterschieden und gesellschaftlichen Zwängen. Ihre Schauplätze sind iranische Städte, Wohnungen, Straßen und Landschaften.

Ihr erstes Publikum müsste deshalb eigentlich im Iran selbst sitzen. Doch genau dort bleibt der Zugang häufig beschränkt.

Damit entsteht langfristig eine gefährliche Trennung: Auf der einen Seite ein international anerkanntes Autorenkino, auf der anderen ein heimischer Kinomarkt, der politisch reguliert und wirtschaftlich schwach ist.

Das iranische Kino droht damit nicht seine internationale Bedeutung zu verlieren, sondern etwas anderes: den unmittelbaren Kontakt zu einem Teil seines eigenen Publikums.

Die Kunst des Überlebens

Dass trotzdem immer neue Filme entstehen, gehört zu den besonderen Stärken dieser Filmkultur. Iranische Regisseur:innen haben immer wieder Wege gefunden, mit kleinen Teams, begrenzten Mitteln und ungewöhnlichen Produktionsformen zu arbeiten. Internationale Koproduktionen sind für viele wichtiger geworden. Andere drehen unabhängig von offiziellen Strukturen.

Diese Anpassungsfähigkeit erklärt einen Teil der außergewöhnlichen Lebensdauer des iranischen Autorenkinos. Aber sie hat ihren Preis. Ein Kino kann auf Dauer nicht nur von Widerstand, Improvisation und internationaler Anerkennung leben. Es braucht Produktionsmöglichkeiten, künstlerische Freiheit und ein heimisches Publikum.

Venedig hat auch in diesem Jahr gezeigt, dass die Welt iranische Filme weiterhin sehen will. Die schwierigere Frage lautet deshalb: Wie lange kann eine international gefeierte Filmkultur bestehen, wenn ihr im eigenen Land immer weniger Raum bleibt?♦