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Der Waffengang der Schlafwandler

Niemandem wird ein Krieg zwischen dem Iran und Saudi-Arabien nutzen, nicht einmal den Mächtigen Mohammad Ben Salman in Riad und Ayatollah Ali Khamenei in Teheran. Im Gegenteil: Diese beide Männer werden dabei möglicherweise sogar ihre Macht verlieren. Doch es gibt mächtige Kreise inner- und außerhalb dieser Länder, die einen Krieg wollen. In Teheran ist die Tageszeitung Keyhan Sprachrohr der Kriegstreiber. mehr »

Der libanesische Konflikt kann sich zu einem Flächenbrand für die gesamte Region entwickeln. Er kann zu einem ganz großen Krieg verkommen, in den Syrien, Israel und der Iran direkt involviert werden. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat nie Zweifel daran gelassen, wo er in diesem Drama stehen will. „Ich habe unsere Freunde, in erster Linie Washington sowie unsere Freunde in Moskau, darüber informiert, dass wir in Syrien, auch in Südsyrien, in Übereinstimmung mit unserer Vorstellung und den Bedürfnissen unserer Sicherheit handeln werden“, zitierte der staatliche israelische Radiosender Kan Netanjahu, der am vergangenen Montag vor den Mitgliedern der Parlamentsfraktion der Regierungspartei Likud gesprochen hatte.

Lest Keyhan!

Was tut nun die Islamische Republik? Gibt es eine iranische Außenpolitik? Die Antwort ist: Wir wissen es nicht. Welche Signale kommen aus Teheran? Unterschiedliche und widersprüchliche. Und welches dieser Signale sollte man ernst nehmen? Die Antwort lautet: Lest Keyhan! Sie ist die Stimme des harten Kerns der iranischen Macht.

Am Tage nach dem Raketenbeschuss lobte Keyhan auf ihrer Titelseite den Raketenangriff auf Riad und kündigte als nächstes Ziel Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten an.

Die Schlagzeile, die Kriegsstimmung

Nach dieser Schlagzeile der Zeitung diskutierten Millionen in den sozialen Medien plötzlich nicht mehr über das Ob, sondern über das Wann des großen Krieges. Denn Keyhan nimmt man aus Erfahrung sehr ernst. Kriegsgefahr spürte man überall, Nervosität war greifbar, auf dem Teheraner Schwarzmarkt stieg der Kurs des Dollars.

Das war zu viel und zu früh, selbst für iranische Verhältnisse. Ein Sprecher des iranischen Außenministeriums sah sich gezwungen einzugreifen. Keyhans Schlagzeile gefährde das nationale Interesse, erklärte er, doch Herausgeber Shariatmadari fragte am nächsten Tag in seinem Leitartikel süffisant, was mehr im nationalen Interesse sei: die Unterstützung des unterdrückten jemenitischen Volkes oder die Hochhäuser in Dubai?

Keyhan: Nächstes Ziel Dubai!

Keyhan: Nächstes Ziel Dubai!

 

Noch bestimmt Keyhan die Reise

 Nach einer Entscheidung des nationalen Sicherheitsrats durfte Keyhan dann zwar zwei Tage lang nicht erscheinen, doch die Frage, die die Zeitung gestellt hatte, ist für die Islamische Republik eine lebenswichtige. Um jeglichen Verdacht der Schwäche von sich zu weisen, schickte einen Tag später Irans Präsident Hassan Rouhani eine deutliche Warnung an Saudi-Arabien: „Ihr kennt die Macht und die Stellung der Islamischen Republik. Mächtigere Leute als ihr haben nichts gegen das iranische Volk ausrichten können.“ Die USA und ihre Verbündeten hätten „alle ihre Kräfte mobilisiert“ und doch nichts erreichen können.

Schlafwandelnd in Richtung Krieg

In Teheran wie in Riad befeuern mächtige Kreise Kriegszüge, die aufeinander zurasen. Und äußere Mächte wie USA und Israel heizen mit. Ob ein Krieg die mächtigen Männer – Mohammad Ben Salman in Riad und Ali Khamenei in Teheran – tatsächlich mächtiger macht, ist mehr als zweifelhaft. Sie könnten mit dem Krieg auch ihre ganze Macht verlieren.

Es waren Tage der Schlafwandler – so werden höchstwahrscheinlich künftige Historiker unsere Tage beschreiben. Originell wird diese Idee nicht sein. Denn schon einmal nannte man einen weltzerstörerischen Krieg den Waffengang der Schlafwandler. Das war 1914, einhundert Jahre zuvor.

„Schlafwandler – Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“, lautet der deutsche Titel eines Sachbuchs des australischen Historikers Christopher Clark. Clarks Kernthese lautet: Keine europäische Macht wollte damals tatsächlich den Krieg, alle kriegsführenden Mächte glitten wie Schlafwandler hinein.

Ein Krieg mit dem Iran wird all Pläne zunichte machen, die der ehrgeizige saudische Prinz Mohammad Ben Salman für sich selbst und für sein Land entworfen hat. Und in Teheran mag Khamenei omnipotent sein, doch das Land ist weder wirtschaftlich noch militärisch in der Lage, einen Krieg gegen Saudi-Arabien zu überstehen. Nicht nur, weil die Saudis modernste Waffen im Wert von Hunderten Milliarden Dollar aus allen Teilen der Welt horten. Auch halten Israel und die USA demonstrativ ihre schützenden Hände über die Saudis. Wenn Mohammad Ben Salman und Ali Khamenei trotzdem in den Krieg ziehen, dann tun sie das als Getriebene.

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