Trauerfeier in der Schockstarre 

Ich bin am ersten Tag der Proteste angekommen, am Freitag, den 15. November. Während des Flugs hatte ich von den Unruhen nichts mitbekommen. Als ich von Freunden am Teheraner Flughafen abgeholt wurde, spürte ich sofort eine bedrückende Atmosphäre. Meine Freunde haben mir von der Schockstarre in der Gesellschaft erzählt – weil die Rationierung und Preiserhöhung des Benzins ohne vorherige Ankündigung bekanntgegeben wurde. Sie erzählten mir von Straßensperren und Tankstellenblockaden durch wütende Bürger*innen. Ich war sprachlos.
Wie haben Sie die Unruhen wahrgenommen?
Es war ein Gefühl, als ob man durch Nebel läuft und weiß, dass hier und dort Gewalt im Gange ist, aber es gab gar keine Möglichkeit, sich richtig über die Ereignisse zu informieren. Das Internet war abgeschaltet worden und die Landesmedien taten so, als wäre alles in Ordnung. Wir waren alle in einer Kommunikationsquarantäne. Es gab vereinzelt Nachrichten über Unruhen in den Randbezirken von Teheran, wo die Demonstrationen am heftigsten waren, über gewaltsame Auseinandersetzungen, Tote, die Zerstörung von Autos, die die Straßen blockierten, durch Polizeibeamte, und über Brandanschläge.

Zur Erklärung dieses Bildes siehe die vorherigen Bilder.
Bei Auseinandersetzungen zwischen den Demonstranten und der Polizei in vielen iranischen Städten wurden Hunderte getötet und Tausende verletzt! 

 
Die Regierung sagt, das war eine kleine Minderheit, angestiftet durch die USA und Israel. Was sagen Sie dazu?
Meiner Beobachtung nach sind die Menschen wütend, viele Menschen, das habe ich auch bei den Diskussionen im Iran erlebt.
Woher kommt diese Wut?
Die Menschen haben Jahrzehnte lang versucht, die Regierung mit legalen Mitteln dazu zu bewegen, die Rechte der Bürger*innen anzuerkennen, die Korruption zu stoppen, die Vetternwirtschaft zu beenden und Maßnahmen gegen die Massenverarmung zu ergreifen, aber leider vergeblich. Das verursacht Wut und explosive Stimmung. Und wenn die Menschen dann auf die Straße gehen, werden sie von Polizisten verprügelt und verhaftet. Natürlich sorgt das für eine Gegenreaktion, für gewaltsame Auseinandersetzungen. Die Gefahr, dass die Gesellschaft sich dadurch radikalisiert, ist groß.
Haben Sie selber etwas davon mitbekommen?
Die massive Präsenz der Sicherheitskräfte war überall zu spüren. Überall, wo es Menschenansammlungen gab, in den Hauptstraßen, auf großen Plätzen und an Kreuzungen, standen sie reihenweise. Eine Szene hat mich besonders stutzig gemacht: An einer großen Kreuzung standen die sogenannten Antiterroreinheiten, Schulter an Schulter, Hunderte, hinter ihnen eine Reihe der paramilitärischen Basijis, und neben ihnen fand der ganz normale Alltag statt: Die Geschäfte waren offen, die Menschen gingen wie gewohnt hin und her. Es war wie eine Kollage von gleichzeitiger Existenz des Alltags und der Unterdrückungsmaschinerie.
Apropos Kollage: Wie ist die Haltung der Künstler*innen und Kulturschaffenden im Iran, mit denen Sie in Kontakt stehen?
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