Entlassungswelle von Professor*innen; Einstellung „revolutionärer“ Lehrkräfte

Zeitgleich mit der Entlassungswelle und Zwangspensionierung von Universitätsprofessor*innen im Iran hat die aus einem vertraulichen Schreiben hervorgegangene Einstellung von 15.000 neuen „revolutionären“ Hochschullehrer*innen Besorgnis ausgelöst.

Telegram-Kanäle und Online-Portale, die mit Universitäten und Hochschulen verbunden sind, verbreiten Nachrichten, die darauf hindeuten, dass die Entlassungswelle von Professor*innen im Iran fortgesetzt und sogar noch verstärkt werden soll. Im Telegram-Kanal der Studentenvereinigungen des Landes, der Nachrichten aus dem Hochschulbereich verbreitet, wurden mehrere Professoren und Professorinnen erwähnt, die entweder entlassen wurden oder deren Entlassung bevorsteht. Von dieser Welle sollen Universitäten in verschiedenen Städten betroffen sein, von Teheran bis Mashhad und von Kunstuniversitäten bis zu Rechts- und Politikwissenschaften.

Die Entlassungen an der Allameh-Tabataba’i-Universität fielen offensichtlich härter aus als an anderen Universitäten. Die Vereinigung der Soziologie-Student*innen dieser Universität hat erklärt: „Wir Student*innen der Sozialwissenschaften an der Allameh-Tabataba’i-Universität haben zahlreiche Drohungen erlebt, einschließlich der Entlassung von Professor*innen, der Erstickung und der Unterdrückung ihrer Stimmen durch den Leiter der Fakultät für Sozialwissenschaften der Allameh-Tabataba’i-Universität.“

Die Verfasser*innen dieser Erklärung verweisen auf Mehdi Khoei, einen Soziologieprofessor der Universität, der seine Entlassung am 17. August über X (Twitter) bekannt gab: „Ich bin Mehdi Khoei, ein Soziologieprofessor an der Allameh-Tabataba’i-Universität, der sich von niemandem hat erpressen lassen und Gott weiß, dass er sich nur für die Menschen und Studenten eingesetzt hat. Nach sieben Jahren Lehrtätigkeit habe ich ein Schreiben über die Beendigung der Zusammenarbeit (Entlassung) erhalten und werde aus meinem Zuhause, der Universität, hinausgeworfen, und ich bin verzweifelt, wo ich mich über diese Ungerechtigkeit beschweren kann.“ Die Vereinigung der Soziologie-Student*innen betont, dass sie angesichts des Ausschlusses und der Absetzung dieses Professors „nicht schweigen wird“.

Azin Movahed, Professorin der Musikabteilung der Fakultät für Bildende Künste der Universität Teheran, wurde bis zur Entscheidung des Disziplinarausschusses der Fakultätsmitglieder vom Unterricht suspendiert. Movahed gehörte zu den Professor*innen, die sich während der Studentenproteste der Bewegung „Frauen-Leben-Freiheit“ dem Streik angeschlossen haben und sich geweigert hatten, zu unterrichten . Sie verfügt über 29 Jahre Lehrerfahrung an der Universität.

Zahlreiche Telegram-Kanäle und Online-Portale haben ein vertrauliches Schreiben veröffentlicht, in dem der Innenminister den Präsidenten gebeten hat, einen „infrastrukturellen und revolutionären Plan für die strukturelle Umgestaltung der Universitäten und Hochschulzentren“ in Auftrag zu geben. Das Schreiben soll bereits am 10. Januar verfasst worden sein. 

In diesem vertraulichen Schreiben wird das Vorhaben erwähnt, bis zum Ende dieser  Regierung (Sommer 2025) im Rahmen der „Rekrutierung revolutionärer Professoren“ 10.000 Lehrkräfte im Wissenschaftsministerium und 5.000 Lehrkräfte im Gesundheitsministerium einzustellen.

Die Veröffentlichung dieses Schreibens stieß auf ein breites Echo unter den Professor*innen. Mohsen Renani, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Isfahan, hat einen offenen Brief an den Wissenschaftsminister veröffentlicht und um eine Erklärung für diese Nachricht gebeten.
Er forderte auch seine Universitätskollegen auf, zu diesem Thema nicht zu schweigen und dagegen zu protestieren.
In diesem Brief mit dem Titel „Von der Institution der Wissenschaft zur Institution der Macht“ bezeichnete Renani diese Maßnahmen, falls sie stimmen sollten, als ein Coup d’etats.

Der Sprecher des Ministerium für Wissenschaften bestreitet weiterhin das Vorhaben.

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