Tahirih: Dichtung, Wahrheit und der abgelegte Schleier

Man kann eine Kausalverbindung ziehen von der 1852 hingerichteten iranischen Dichterin Tahirih bis zu Jina Amini und dem Widerstand der Frauen gegen das herrschende Regime im heutigen Iran. Genau das tut Shila Behjat in ihrem Buch „Tahirih. Die Dichterin und der Preis der Freiheit“ und zeichnet das Porträt einer beeindruckenden Frau, die eigentlich weltweit Schulstoff sein müsste.

Bevor die Dichterin und Revolutionärin Tahirih (طاهره قرّةالعین) 1852 im Alter von gerade mal 38 Jahren in Teheran hingerichtet wurde, indem der Henker sie mit ihrem Schleier erdrosselte, sprach sie standhaft ihre letzten Worte. „Ihr könnt mich töten, aber ihr könnt den Fortschritt der Frauen nicht aufhalten.“

Es ist derselbe Fortschritt, den machthungrige Männer bis heute teils brutal bekämpfen – jene Männer etwa, die 2022 Jina Amini ermordeten, was die Frau, Leben, Freiheit-Bewegung in Iran auslöste. Jene Männer, die Anfang 2026 in ganz Iran ein beispielloses Massaker an Demonstrierenden anrichtete, unter denen auch unzählige Frauen waren. Vielen, wenn nicht den meisten von ihnen dürfte Tahirih ein Begriff gewesen sein.

Viel Literatur gibt es über sie auf Persisch und Englisch, auf Deutsch sieht es bislang dagegen mager aus. Das ändert sich mit dem neuen Buch der Journalistin Shila Behjat, die Tahirihs Biografie nicht nur nachzeichnet, sondern sie lebendig macht, diese beeindruckende und höchst moderne Persönlichkeit, die ihrer Zeit weit voraus war. Diese Frau, die kein Grab hat, weil ihre Leiche nach der Hinrichtung in einen Brunnen geworfen und mit Steinen bedeckt wurde. Dort liegen ihre Knochen bis heute. Behjat ordnet ihr Leben und Wirken ein, zieht Parallelen zu den europäischen Demokratie- und Frauenrechtsbewegungen jener Zeit und merkt zurecht an, dass man von 1848 nicht sprechen kann, ohne Tahirih zu erwähnen, die im selben Jahr einen Skandal auslöste, als sie unverschleiert auf einer hauptsächlich von Männern besuchten Konferenz auftrat.

Buchcover: "Tahirih", von Shila Behjat - Foto: Elisabeth Sandmann Verlag,
Es wird Zeit, dass der Name Tahirih auch in Deutschland nicht mehr nur Literatur- und Islamwissenschaftler*innen ein Begriff ist

Tahirih wurde 1814 als Fatemeh Baraghani in Qazvin geboren. Ihr Vater war der einflussreiche Geistliche Saleh Baraghani. Schon früh las sie sich quer durch die Familienbibliothek und war den männlichen Schülern ihres Vaters bald ebenso voraus wie wenig später ihrer Zeit.

Fast absurd klingt es, wenn man liest, wie sie am Unterricht ihres Vaters teilnahm: Nur als Stimme, hinter einem Vorhang. Das war der erste Schleier ihres Lebens. Nicht nur diesen, sondern auch alle weiteren wollte und sollte sie bald ablegen.

Sie war Muslima, aber die starren, männlich geprägten Machtverhältnisse der Qadjarendynastie und des zutiefst korrupten Klerus waren ihr ein Dorn im Auge. Sie vertiefte sich in die Theologie ihrer Zeit und begann, eigene Ideen zu entwickeln, trat in regen Briefkontakt mit renommierten Theologen, lebte mehrere Jahre im irakischen Karbala und unterrichtete dort Frauen, während sie sich zugleich zu einer unvergleichlichen Stimme der persischen Dichtung entwickelte, die nicht nur sprachlich faszinierend war, sondern inhaltlich ähnlich gewaltig wie knapp hundert Jahre später die Verse von Forough Farrokhsad.

Die gesellschaftlichen Fragen, die Tahirih bewegten, verarbeitete sie auch literarisch, so wie hier:

Ich löse mein Haar, schwer vom Duft der Ambergis
über der Ebene der Wüste.
Eine einzige Locke genügt,
um die Gazelle in die Irre zu führen.

Mit Khol verdunkle ich meine narzissengleichen Augen
und mit ihnen verdunkle ich den Tag selbst.
Ich bin der Untergang der Welt.

Jeden Morgen neigt sich das Himmelsgewölbe,
um mein Antlitz zu schauen.
Es hebt seinen goldenen Spiegel empor.

Das ist vielleicht eins der stärksten Gedichte, die je gegen die Verschleierung geschrieben wurden. Behjat weist folgerichtig auch darauf hin, dass die Verschleierung von Frauen keineswegs eine islamische Erfindung ist, sondern schon mehr als 2.500 Jahre zuvor eine gesellschaftliche Konvention war, wenn auch gänzlich anders verstanden als heute, und dass sich aus den gerade mal zwei Stellen im Koran, die sich überhaupt mit dem Thema befassen, ein Schleierzwang auch gar nicht herauslesen lasse. Das sei lediglich eine weit hergeholte Interpretation von Fundamentalisten.

„Sie war Gelehrte und Mystikerin zugleich“, schreibt Shila Behjat, „prüfte mit der Strenge einer Theologin und dichtete mit der Sprache der Sehnsucht. Für sie widersprachen sich beide Wege nicht, im Gegenteil.“ Und so wurde sie zu einer der tragenden Säulen des frühen Babismus, einer Glaubensströmung, aus denen die Baha‘i hervorgingen, die bis heute in Iran verfolgt und nicht minder brutal bekämpft werden wie Tahirih und der Bab genannte Begründer des Babismus Seyyed Ali Muhammad Schirazi damals.
Behjat geht auf Babs Leben und Wirken ebenfalls intensiv ein, weil Tahirihs Leben so eng mit ihm verflochten war. Und das nicht, weil die Baha‘i von der herrschenden schiitischen Lehre abweichen. Das tun auch andere Gruppen und ziehen dabei nicht ansatzweise so viel Zorn auf sich. Nein, ihr Denken, ihre Philosophie steht gegen alles, wofür der in Iran herrschende Klerus heute wie damals steht, der ohne die damaligen Kämpfe gegen die Babis und die Zugeständnisse, die das Königshaus im Zuge dessen den Mullahs machen musste, vielleicht nie so mächtig geworden wäre. Deshalb werden sie von den Mächtigen als Bedrohung wahrgenommen. Das Teheraner Regime bekämpft sie aus demselben Grund, aus dem es Frauen bekämpft, die für ihre Rechte einstehen: aus panischer Angst.

Man lernt sehr viel, wenn man Shila Behjats Buch liest, und es gelingt ihr, diese und viele weitere komplexe Fragen, die bis ins Heute wirken, mit einer sehr lesbaren Leichtigkeit zu vermitteln, was gut ist, denn es wird Zeit, dass der Name Tahirih auch in Deutschland nicht mehr nur Literatur- und Islamwissenschaftler*innen ein Begriff ist.
Bleibt zum Schluss die Frage: Gibt es in deutscher Übersetzung eine Sammlung von Tahirihs Gedichten? Wieso nicht? Es wird Zeit …♦

Shila Behjat: Tahirih. Die Dichterin und der Preis der Freiheit / Elisabeth Sandmann Verlag /
128 Seiten, 23 Euro