Nach den Protesten ist vor der nächsten Krise

Was bleibt von einer Protestwelle, wenn die Straßen wieder leer sind – aber das Land im digitalen Dunkel steckt? Während die Justiz erste Prozesse eröffnet und Sicherheitskräfte weiter Menschen festnehmen, driften Opferzahlen, Gerüchte und Fakten auseinander. Und mit jedem Tag stellt sich dringlicher die Frage: Hat das Regime wirklich wieder Kontrolle – oder beginnt erst jetzt der gefährliche Teil?

Auf dem Bildschirm im Gerichtssaal ist ein blutüberströmter Körper zu sehen. Die Justiz der Islamischen Republik hat die Szene nicht aus Versehen zugelassen – sie hat sie ins Zentrum gerückt. In Malard, westlich von Teheran, hat die iranische Justiz nach eigenen Angaben den ersten Prozess gegen einen Beschuldigten→ in Zusammenhang mit den Protesten im Januar eröffnet: Es geht um den Tod von Shahin Dehghani, einem angeblichen Polizeibeamten. Der erste Angeklagte, Mohammad Abbasi, soll ihn mit Messerstichen getötet haben. Staatsmedien nennen das Verfahren „öffentlich“ – und inszenieren es zugleich als Lehrstück: der tote Sicherheitsmann, großformatig, als Beweis, als Drohung, als Botschaft.

Doch selbst innerhalb dieses streng kontrollierten Rahmens tauchen Risse auf. Die Zeitung Etemad berichtet, der Anwalt des Angeklagten habe vor Gericht darauf hingewiesen, der Getötete habe zahlreiche Verletzungen erlitten, die nicht alle von der Waffe des Beschuldigten stammen könnten. Menschenrechtsorganisationen kritisieren seit Jahren, dass Verfahren in Iran – gerade in politisch aufgeladenen Fällen – elementare Standards fairer Prozesses verfehlten. Und während in Malard die Justiz die Erzählung vom „Mörder“ und „Märtyrer“ festschreibt, läuft im Hintergrund die zweite, größere Geschichte: die des Staates, der nach den Protesten die Kontrolle nicht nur auf der Straße, sondern über Körper, Daten, Geld und Sprache zurückholen will.

 

Eine Republik im Dunkeln – und in Quoten

Iran erlebt seit dem 8. Januar 2026 einen Internet-Blackout, der in dieser Schärfe und Dauer beispiellos ist. Am 27. Januar sprechen Beobachter bereits vom nahenden 20. Tag. NetBlocks, eine NGO, die die Internetkonnektivität global beobachtet, meldet, trotz zunehmender Verbindungen könne von Normalität keine Rede sein: Websites blieben massiv gefiltert, Umgehung sei weiterhin nötig. Was sichtbar wird, ist eher eine neue Form der Kontrolle: nicht die Rückkehr des Netzes, sondern ein begrenzter, selektiver und überwachbarer Zugang.

Ein Bild dafür ging in den vergangenen Tagen viral: Händler, Importeure und Exporteure stehen Schlange in der Teheraner Handelskammer, um täglich 20 Minuten Internet zu bekommen – nur mit Mitgliedskarte, Ausweis und unterschriebener Verpflichtungserklärung, unter Aufsicht. Wer in 20 Minuten seine E-Mails nicht schafft, muss den gesamten Identifikationsprozess erneut durchlaufen. Der Staat hat das Netz in Zeitscheiben portioniert; das Internet wird zu einem Raum, in den man eintreten darf – kurz, kontrolliert, dokumentiert.

 

Parallel wird die Alternative kriminalisiert. Die Polizei meldet die Beschlagnahmung von 108 Starlink-Geräten; Starlink gilt nun als „anti-sicherheitsrelevante“ Ware, Besitzer sollen „hart verfolgt“ werden. In einem Land, in dem das internationale Netz abgeschnitten ist, wird Satelliteninternet nicht als Notlösung betrachtet, sondern als Bedrohung der staatlichen Souveränität über Information.

Der Preis der Stille: Märkte, Währung, Alltag

Draußen, jenseits des Blackouts, messen sich die Folgen in Zahlen, die selbst das Regime nicht mehr kaschieren kann. Der Kommunikationsminister beziffert den Schaden der Abschaltung auf umgerechnet 38 Millionen Euro pro Tag für die Gesamtwirtschaft; allein die „Kernwirtschaft“ des Digitalen verliere täglich rund 40 Millionen Euro. Der Chef der iranischen IT-Gewerkschaften nennt 2,3 Millionen Euro direkten Effekt pro Tag – und verweist auf Folgeschäden: Vertrauensverlust, internationaler Abstieg, beschleunigte Abwanderung von Fachkräften. Selbst in der Sprache dieser Funktionäre steckt ein Alarm: Die „Resilienz“ vieler Online-Geschäfte liege bei etwa 20 Tagen – genau an dieser Schwelle bewegt sich das Land jetzt.

Gleichzeitig kippt die ökonomische Statik. Der Dollar stieg am 27. Januar auf über 150.000 Toman, der Euro auf etwa 180.000, das Pfund auf über 207.000; Gold und Münzen markieren neue Rekorde. Die Teheraner Börse fällt den vierten Tag in Folge deutlich, der Index verliert über 100.000 Punkte und rutscht in Richtung 4-Millionen-Marke. Auffällig ist der Widerspruch, auf den ein Wirtschaftsjournalist hinweist: Normalerweise profitieren exportstarke Konzerne von einem schwachen Rial – diesmal fällt der Markt trotz teuren Dollars. Das ist, in nüchterner Marktsprache, der Ausdruck einer politischen Erwartung: Angst vor Instabilität, vor Gewalt, vor einer Eskalation nach außen.

  

Dazu kommt die Inflation, nun auch offiziell: Das Statistikzentrum meldet für diesen Monat eine Punkt-zu-Punkt-Inflation von 60 Prozent, eine Monatsinflation von 7,9 Prozent und eine 12-Monats-Rate von 44,6 Prozent – Werte, die als Rekorde beschrieben werden. Auslöser ist auch eine politische Entscheidung: Die Regierung von Masoud Pezeshkian stoppte zu Beginn des Monats die bevorzugte Wechselkurszuteilung (den „28.500-Toman-Dollar“) für zentrale Güter und setzt auf Gutscheinsysteme. Die Folge: sprunghafte Preissteigerungen bei Lebensmitteln wie Speiseöl, Huhn und Eiern – und ein weiterer Schub für das Gefühl, dass das Regime nicht stabilisiert, sondern improvisiert.

Körper als Schlachtfeld: Schüsse, Kliniken, Festnahmen

Was an Informationen aus dem Land dringt, wirkt bruchstückhaft – und gerade deshalb präzise in den Momenten, in denen es konkret wird. Ein Video zeigt am Abend des 9. Januar in Teheran Sicherheitskräfte, die „Allahu Akbar“ rufen und „Khamenei Rahbar“ skandieren, während einer von ihnen mit einer Pistole auf Protestierende zielt. Andere Aufnahmen aus Mashhad zeigen Menschen, die sich gegen Dauerfeuer verschanzen; ein Mann trägt einen Verletzten über der Schulter. In Behbahan ist zu sehen, wie ein Regierungsbanner mit Khomeinis Bild brennt – im Hintergrund sind Schüsse zu hören.

Die Gewalt setzt sich im medizinischen Raum fort. Die Organisation Iran Human Rights berichtet von Festnahmen von Ärzt*innen und freiwilligen Helfer*innen, die Verletzte behandelt haben sollen: Razzien in Häusern und Kliniken, Zerstörung von Eigentum, Verschleppungen ohne bekannte Haftorte. Namentlich wird eine Ärztin in Ardabil genannt, die nach der Behandlung von Verwundeten festgenommen worden sei; ein freiwilliger Helfer, der sein Haus als Zufluchtsort genutzt habe, wird als weiteres Beispiel beschrieben.

 

Die Augenklinik Farabi in Teheran liefert dazu eine Zahl, die wie eine eigene Chronik der Repression wirkt: Der Klinikdirektor sagt, rund 1.000 Menschen seien im Zuge der Proteste mit Augapfelrupturen in die Klinik gekommen – Verletzungen, die Notoperationen erfordern. Allein ab dem Morgen des 9. Januar habe es einen massiven Zustrom gegeben; 17 Patienten seien an beiden Augen verletzt gewesen. Die Klinik spricht von überfüllten Stationen, von jungen Patientinnen und Patienten, von Zweitoperationen, bei denen Schrotkugeln entfernt werden – und von der offenen Frage, wie viele Augen sich retten lassen.

Wenn ein Staat nach Protesten nicht nur verhaftet, sondern auch die Behandlung der Verwundeten kriminalisiert, dann ist das nicht „Ordnungspolitik“. Dann ist es die Ausdehnung der Strafe in den Alltag hinein: Wer hilft, wird Teil der Ermittlungen.

 

Zahlen, die sich widersprechen – und gerade deshalb erzählen

Über die Opferzahlen liegen mehrere, teils unvereinbare Angaben vor, und jede erzählt etwas anderes über Macht und Ohnmacht.

Das Innenministerium der Islamischen Republik nennt offiziell 3.117 Tote. Menschenrechtsgruppen wie HRANA sprechen – Stand 27. Januar – von 6.126 bestätigten Toten, darunter 86 Minderjährige; zusätzlich würden 17.091 Fälle noch geprüft. Andere Berichte gehen weit darüber hinaus: Das US-Magazin Time→ zitiert zwei ranghohe Beamte des Gesundheitsministeriums und spricht von „bis zu 30.000“ Toten allein in zwei Tagen (8. und 9. Januar), als die Gewalt ihren Höhepunkt erreicht habe – eine Zahl, die aufgrund von Zensur und Internetabschaltung von außen nicht unabhängig verifiziert werden könne. Die UN-Sonderberichterstatterin Mai Sato wird in einem weiteren Bericht mit Schätzungen genannt, die über 20.000 Tote nicht ausschließen; Reuters zitiert sie zudem mit Berichten, wonach Sicherheitskräfte Verwundete aus Krankenhäusern abholen würden und Familien für die Herausgabe der Leichen ihrer getöteten Angehörigen 5.000 bis 7.000 Dollar zahlen sollen.

Es sind diese Überlagerungen – offizielle Untertreibung, menschenrechtliche Dokumentation, investigative Hinweise, nicht verifizierbare Extremwerte –, die das Klima nach den Protesten prägen: eine Gesellschaft, die weiß, dass sie nicht alles weiß, und ein Staat, der weiß, dass genau das sein Vorteil sein könnte.

Die Erzählung des Regimes: „Schutz des Lebens“ – und die Drohung der „Gnade“

Das Regime versucht, die Kontrolle auch sprachlich zurückzugewinnen. Regierungssprecherin Fatemeh Mohajerani sagt, das Internet sei „zum Schutz von Menschenleben“ abgeschaltet worden; gleichzeitig räumt sie ein, Sicherheitsorgane verhinderten die Wiederherstellung. An anderer Stelle betonte sie, man müsse „berechtigt Protestierende“ von jenen trennen, die „Abweichung und Unruhe“ suchten – ein klassischer Rahmen, der Protest nicht als politisches Signal, sondern als Sicherheitsproblem definiert.

Dass diese Rhetorik nicht nur erklärend ist, sondern vorbereitend, zeigt ein Kommentar der Zeitung Kayhan, die dem Büro des Obersten Führers zugerechnet wird: Man höre Gerüchte über eine mögliche Begnadigung Festgenommener ohne Waffen – und warnt davor. Die Botschaft ist doppelt: Erstens gibt es Zehntausende, über deren Schicksal überhaupt verhandelt werden kann. Zweitens will das Hardliner-Lager verhindern, dass der Staat Schwäche zeigt. Begnadigung wäre dann nicht Humanität, sondern Kontrollverlust.

Stimmen aus dem Inneren: Wut, Moral, Erschöpfung

Während der Staat Prozesse eröffnet, melden sich auch Personen zu Wort, die der Staat nicht vollständig zum Schweigen bringen konnte: aus Gefängnissen, aus der Zivilgesellschaft, aus der akademischen Welt.

Der prominente politische Gefangene Abolfazl Ghadiani nennt die Repression „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ und macht Ali Khamenei persönlich verantwortlich; er bezieht sich auf Khameneis Rede am 3. Januar, in der dieser zwischen „Protestierenden“ und „Randalierern“ unterschied und sagte, mit letzteren zu reden sei nutzlos – man müsse sie „an ihren Platz setzen“. Ghadiani liest diesen Satz als Freibrief zur Tötung.

Der inhaftierte Anwalt Mohammad Najafi spricht in einer veröffentlichten Audionachricht von Blut, das „im Namen des Islam“ vergossen werde. Und der Aktivist Zia Nabavi schreibt einen Satz, der hängen bleibt, weil er nicht mit Zahlen argumentiert, sondern mit Geruch: „So viele haben sie getötet, dass der Wind nach Blut riecht.“

Auch institutionelle Stimmen melden sich. Die iranische Gesellschaft für Soziologie warnt, die Normalisierung massenhaften Sterbens zerstöre langfristig Vertrauen, Sicherheit und die Möglichkeit eines friedlichen Zusammenlebens – keine politische oder militärische „Notwendigkeit“ könne dieses Maß an Leid rechtfertigen.

Außenpolitischer Druck – und seine Grenzen

Nach außen verschiebt sich der Ton ebenfalls. Italien kündigte an, bei einem Treffen der EU-Außenminister*innen in Brüssel die Einstufung der Revolutionsgarden als Terrororganisation zu unterstützen und andere Staaten zu drängen, sich anzuschließen; Teheran reagierte mit der Einbestellung des italienischen Botschafters. Bislang galten Italien, Spanien und Frankreich als Bremser – weil eine solche Einstufung in der EU Einstimmigkeit braucht. Wenn Rom tatsächlich kippt, wächst der Druck auf die anderen.

Gleichzeitig kommen aus Washington Signale, die nach Drohung und Deal klingen. Das Nachrichtenportal Axios zitiert Donald Trump mit der Aussage, Iran wolle verhandeln, man habe mehrfach Kontakt gesucht; zugleich werde eine „riesige“ militärische Präsenz in Richtung Iran bewegt, darunter eine Trägerkampfgruppe um die Abraham Lincoln. Parallel positionieren sich iranische Verbündete: Der Hisbollah-Generalsekretär Naim Qassem warnt, ein Angriff auf Iran sei ein Angriff auf die Hisbollah; selbst die Vorstellung, Khamenei zu töten, sei „Terror“ gegen die Stabilität der Region und der Welt.

 

Und dann gibt es eine dritte Ebene: Sport. Eine Gruppe von Personen aus der iranischen Fußballwelt – Spieler, Trainer, Schiedsrichter, Sportjournalisten – richtet einen offenen Brief an FIFA-Präsident Gianni Infantino. Sie fordern, die Repression zu verurteilen und den iranischen Verband zu suspendieren, bis überprüfbare Menschenrechtsgarantien vorliegen. Im Brief werden auch Opfer aus der Fußballwelt namentlich genannt – etwa ein 19-jähriger Spieler, Amirhossein Ghaderzadeh, der wegen der Teilnahme an den Protesten akut von der Vollstreckung eines Todesurteils bedroht sei.

Was nach den Protesten bleibt

Wenn man aus all dem einen Lagebericht formt, dann ergibt sich kein „Danach“ im Sinne eines Endes. Es ergibt sich eine Phase der Umcodierung: Protest wird in Kriminalität übersetzt; Verletzung wird in Schuld übersetzt; Internet wird in Sicherheitsarchitektur übersetzt; Ökonomie wird zur Anzeige der politischen Angst.

Der Prozess in Malard ist darin nur ein Auftakt. Ein Staat, der den Körper eines angeblich toten Polizisten auf einen Bildschirm hebt, zeigt nicht nur Beweisstücke – er zeigt, wie er die kommenden Monate erzählen will. Die Gegenerzählung, die aus Kliniken, Gefängnissen, Wirtschaftsindikatoren und den wenigen verbliebenen Datenkanälen entsteht, erzählt etwas anderes: dass die Proteste zwar von der Straße verschwunden sein mögen, aber in den Institutionen weiterlaufen – im Gerichtssaal, im Netz, in der Währung, in den Krankenhäusern.

Und vielleicht ist das das präziseste Bild dieser Wochen: ein Land, das im digitalen Dunkel steckt, aber nicht still ist. Nur schwerer zu hören.

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