Was, wenn das Internet nicht mehr zurückkommt?
Warum es realistisch ist, dass der Zugang zum globalen Internet in Iran kein Recht mehr ist, sondern zu einem kontrollierten Privileg wird: Das Regime plant offenbar, das weltweite Netz dauerhaft zu beschränken und nur ausgewählten Personen, die vom Regime geprüft und freigeschaltet werden, Zugang zu gewähren.
Der Blackout in Iran war keine spontane Reaktion auf die Proteste. Das iranische Regime ist geübt: Bereits während der Massenproteste im November 2019, bei der sogenannten Frau-Leben-Freiheit-Bewegung von 2022 und den israelischen Angriffen im Sommer 2025 hat es den Zugang zum globalen Internet für einige Tage abgeschaltet. Dass es dazu in der Lage ist, ist systematisch vorbereitet. Dieses Mal unterscheidet sich der Blackout jedoch in einem entscheidenden Punkt.
Iran wurde nicht nur von der Außenwelt isoliert, auch das sogenannte Nationale Internet, also das interne Netzwerk des Landes, wurde zeitweise abgeschaltet. Damit waren sämtliche Kontaktmöglichkeiten und die Nutzung digitaler Dienste innerhalb des Landes unterbrochen – eine komplette technische Disruption. Inzwischen ist es laut ZEIT wieder möglich, per Smartphone zu bezahlen oder über Divar, eine Art iranisches eBay, einzukaufen. Auch Anrufe aus Iran ins Ausland funktionieren teilweise wieder. Dennoch bleiben alle Kommunikationswege stark eingeschränkt, sodass der Datenfluss weiterhin vollständig überwacht werden kann.
Der Blackout verhindert, dass es von innen wie von außen gelingt, einen Überblick über die aktuelle Situation in Iran zu bekommen. Wie viele Menschen wurden bei den jüngsten Protesten verhaftet, verletzt oder getötet? Ohne Internet ist es schwer, sich untereinander zu koordinieren. Was in Iran geschieht, richtet sich auch gegen jene, die gezwungen sind, von außen zuzusehen. Iran hat eine große Diaspora, Menschen im In- und Ausland wissen nicht, ob ihre Verwandten oder Freund*innen noch leben.
Absolute digitale Isolation
Die technische Disruption eines Blackouts ist nicht neu. Neu ist jedoch das Ausmaß, in dem sie diesmal angewendet wurde. Damit wird bewiesen: Eine vollständige digitale Abschaltung ist möglich. Das verändert alle zukünftigen Informationskriege.
Und es wirft eine bislang kaum diskutierte Frage auf: Was, wenn das Internet nicht mehr angeschaltet wird? Diese Möglichkeit ist real. Laut einem aktuellen Bericht von der Gruppe Filter.Watch, die die Internetblockierungen in Iran beobachtet, betrachtet das iranische Regime Internetzugang nicht länger als Grundrecht, sondern als vom Staat kontrolliertes Privileg. Das Regime ziele darauf ab, die nationale Internetinfrastruktur in ein streng abgeschottetes „Kasernen-Internet“ zu verwandeln. Nur wer eine Sicherheitsfreigabe besitze und auf einer offiziellen „White List“ stehe, habe dann Zugriff auf die Außenwelt.
Das aktuelle Verhalten des Regimes zeigt, dass sich die Befürchtungen von Filter.Watch bewahrheiten könnten. Die staatsnahe Nachrichtenagentur Tasnim kündigte an, dass das Internet schrittweise wieder zugelassen werden soll. Berichten zufolge gab es am 18. Januar kurze, stark gefilterte Zugänge zu ausgewählten Onlinediensten wie Google. Diese Verbindung wurde jedoch wieder unterbrochen. Wie es weitergeht, ist nicht bekannt.
Keine Entwarnung
Medienrecherchen deuten darauf hin, dass der Staat intensiver denn je daran arbeitet, die digitale Grundversorgung des Landes so umzustrukturieren, dass sie auch langfristig unabhängig vom globalen Internet funktioniert. Damit wäre es möglich, internationale Verbindungen vollständig zu kappen, ohne zentrale staatliche, wirtschaftliche oder administrative Prozesse im Inneren zu beeinträchtigen.
Dass dieser Zustand auf Dauer angelegt ist, zeigt sich auch politisch. Regimenahe Medien rechtfertigen die anhaltenden Einschränkungen offen mit Sicherheitsargumenten, während interne Informationen auf einen grundlegenden Kurswechsel hindeuten: weg von zeitlich begrenzter Sperrung, hin zu einer strukturellen Abschottung. Signale aus Regierungskreisen, wonach freier Internetzugang frühestens im Frühjahr und selbst dann nur eingeschränkt zurückkehren könnte, stützen die Annahme, dass Iran in eine Phase permanenter digitaler Isolation eintritt.
Ob weitere Ankündigungen strategisch gesteuert oder nur symbolisch erfolgen, bleibt abzuwarten. Selbst wenn die Rückkehr irgendwann tatsächlich erfolgt, hat der Blackout etwas für immer verändert. Er kann jederzeit in diesem Ausmaß wiederkehren. Das Regime hat seine Bevölkerung in digitale Isolation versetzt und damit die Kontrolle über Information und Kommunikation neu definiert. Diese Isolation betrifft nicht nur das tägliche Leben der Menschen, sondern erschwert auch die Dokumentation von Gewalt, die Koordination von Protesten und die Verbindung der Diaspora mit dem Land.
Die Folgen der absoluten Isolation
Der Internet-Blackout verursacht zudem bereits massive wirtschaftliche Schäden. Die E-Commerce-Branche ist zusammengebrochen, zahlreiche Jobs stehen auf dem Spiel, darunter auch solche, die trotz Sanktionen die Iraner*innen mit der Außenwelt verbunden hielten. Vor allem sind Iraner*innen betroffen, die als Programmierer*innen für europäische oder südostasiatische Firmen arbeiten.
Der Internet-Blackout erschwert zudem, dass diverse politische Stimmen aus Iran gehört werden können. Das war bereits zuvor der Fall, wird nun aber durch die Isolation weiter verschärft. Einzelne Narrative, die in der Diaspora besonders viel Unterstützung erfahren oder von Exilmedien überproportional aufgegriffen werden, gewinnen dadurch an Dominanz. Das kann den Eindruck erwecken, es gebe im Land selbst keine Alternativen mehr.
Wie tiefgreifend und umfassend die Folgen dieser absoluten digitalen Isolation sind, wird erst noch begreifbar werden.
Foto: Radio Zamaneh
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