Historischer Hilferuf in Corona-Zeiten

Das Schreiben liest sich zunächst wie eine Melange aus Selbstverständlichem und Selbstlob, doch unüberhörbar ist das Alarmierende, das den Verfasser zu diesem ungewöhnlichen Schritt bewog. Nach der höflichen Anrede kommt der Ayatollah aus Qom gleich zur Sache: „Die Verbreitung des Coronavirus hat in vielen Ländern der Welt viel Leid und Trauer verursacht und die religiösen Führer der islamischen Welt in Schmerz und Unglück versetzt“, schreibt Aarafi und beschreibt in der nächsten Passage, wie besorgt die schiitische Geistlichkeit, an der Spitze natürlich Revolutionsführer Ayatollah Khamenei, sei und wie intensiv man sich im Iran mit Gebet Gott zuwende.

Sehr schnell kommt der schiitische Chefmissionar zu der religiösen Gemeinsamkeit, jener alten Hiobsbotschaft, die für Muslime ebenso gilt wie für andere Monotheisten dieser Welt: Bei Corona hätten wir es mit einer göttlichen Prüfung zu tun, der Mensch sei Sünder und werde auf diese Weise von Gott bestraft, damit er wieder auf den rechten Weg zurück finde.

Wörtlich schreibt der Ayatollah: „Im geliebten Islam sind die natürlichen Heimsuchungen und Katastrophen Phänomene voller Bedeutung für die Prüfung des Menschen.“ Das verursachte Elend werde die Menschen mit Sicherheit schließlich wachrütteln, damit sie sich mit Hingebung der Quelle des Göttlichen zuwenden. Dann erinnert er seinen sunnitischen Kollegen in Kairo daran, dass die Aufgabe der religiösen Führer des Islams darin bestehe, gerade in diesen Tagen verstärkt und gemeinsam für die Festigung des islamischen Glaubens zu kämpfen.

Das westliche Ungeheuer und der Islam

Der Ayatollah zählt dann auf, was die Geistlichkeit im Iran derzeit alles tue, und kommt dann zum Eigentlichen, zu seiner wahren Sorge, zu dem Grund, warum er den sunnitischen Mufti in Kairo um Hilfe bittet: „Es ist klar, dass wir die Machenschaften und Feindseligkeiten der satanischen Großmächte nicht vergessen dürfen, die für so viel Elend und Verderben auf der Erde verantwortlich sind. Mit aller Klugheit sollten wir gemeinsam nicht zulassen, wie dieses Ungeheuer von Reichtum, Macht und Medien den Glauben, die Moral und den Geist verdirbt und zerstört.“

ِِEin Geistlicher bei der „Hilfeleistung“ gegen das Coronavirus mit einem „heiligen Öl“:

Das ist DIE Hauptbotschaft aus Qom. Corona verursache weltweites Elend und das mächtige Ungeheuer aus dem Westen nutze diese Epidemie aus, um mit seiner Macht und seinen Medien die Grundfesten des Islam zu erschüttern.

Dass Corona zweifellos Zweifel gesät hat, damit hat der Ayatollah vollkommen recht. Auch seine Sorge, die Fundamente des Glaubens begännen hier und da zu wanken, ist begründet und nachvollziehbar.

Der Ayatollah lügt

Doch über das Warum, das Wer und Wie in diesem Erschütterungsprozess, sagt der Ayatollah offenkundig nicht die Wahrheit. Warum und wie sich der Zweifel an der Allmächtigkeit Gottes in diesen Corona-Tagen verbreitete, und vor allem, wer am wirkungsvollsten daran beteiligt war: Darüber gibt es eine andere, eine wahre Erzählung.

Zu Beginn der Corona-Krise in der Islamischen Republik gab es offiziell Lüge und Leugnen, dann folgte das staatlich organisierte Kleinreden, und schließlich, als das Vertuschen nicht mehr möglich war, offenbarte sich die Unfähigkeit der Mächtigen, die Krise zu managen. So weit, so kurz die Geschichte über das Warum und Wie des Vertrauensverlustes.

Der einflussreiche Dissident

Und nun zu der sehr interessanten Geschichte, wer an der Entstehung dieses Zweifels maßgeblich beteiligt war. Es war keineswegs das „Ungeheuer“ aus dem Westen, das die Corona-Krise ausnutzte, um den Glauben an die Allmächtigkeit Gottes zu erschüttern, wie der Ayatollah es behauptet. Ganz im Gegenteil.

Den ersten und aufsehenerregendsten Anstoß zu diesem Zweifel gab der weltbekannte schiitische Denker und Philosoph Abdolkarim Soroush. Der 75-Jährige ist im gegenwärtigen Schiismus ein Gelehrter, an dem niemand vorbeikommt, der sich mit dieser Religion befasst. Manche nennen Soroush den Martin Luther des Islam, für das Time Magazin gehört er zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt. Bis zum Beginn seines erzwungenen Exils vor mehr als zwanzig Jahren war er DER Philosoph der Islamischen Republik.

Republikgründer Ayatollah Ruhollah Khomeini lobte Soroushs Bücher und berief ihn zum Mitglied des „Stabs für die Kulturrevolution“. Solange er im Iran war, hielt Soroush seine Vorlesungen nicht nur an den normalen Universitäten, sondern auch in den Lehrseminaren für die Geistlichkeit. Studenten der Orientalistik und Islamwissenschaft schreiben über ihn und seine Ansichten Abschlussarbeiten. Und im Zeitalter des Internets wird alles, was er im Exil sagt, von den herrschenden Geistlichen im Iran genau registriert und kommentiert.

Nachdenken über das Böse
Fortsetzung auf Seite 3