Von Vätern und Töchtern

„Unsere Väter“: Natalie Amiri, Minu Barati, Shila Behjat und Düzen Tekkal haben ein Buch über ihre Väter geschrieben. Es sind einfühlsame und intime Porträts von Männern, deren Leben von ihren Migrationsgeschichten geprägt wurden – und vom Austausch mit ihren Kindern.

Düzen: Also, ich habe mich gerade mit meinem Vater ausgesprochen …

Natalie: Super. Dann ist das Buch ja tot.

So der kurze Messenger-Dialog, zwischen Düzen Tekkal und Natalie Amiri, der das Buch „Unsere Väter“ einleitet, das sie gemeinsam mit Minu Barati und Shila Behjat geschrieben haben. Und obwohl es, natürlich, auch ein Buch über Exil und Heimatverlust, über Zerrissenheit und schwierige Wege der Ichfindung ist, ein Buch auch über die Verbrechen des iranischen Regimes, die Verfolgung der Baha’i, den Genozid an den Jesiden und viele weitere Themen, gelingt es den vier Autorinnen, den Humor dieses Einstiegs nie zu verlieren. Trotz der Schwere, die über Vielem liegt, ist es ein von tiefer Liebe und von einem Gefühl der Hoffnung geprägtes Buch, das das Leben umarmt.

Das muss es sein. Ist schließlich ein Buch über Väter, und wann war es mit Vätern je leicht, nicht wahr?

Vier Töchter, vier Väter, und sehr viel dazwischen

Wenn man die Lebensleistungen der Töchter betrachtet, ihre teils preisgekrönte Arbeit als Journalistinnen, Menschenrechtsaktivistinnen, Filmemacherinnen, Autorinnen, und wie sehr sie ihre jeweiligen Sujets auch prägen, dann könnte man zu dem Schluss kommen: Das müssen gute Väter sein, die eine Menge richtig gemacht haben. Nur gibt es ja auch diese Biografien, die gegen die Väter erfolgreich sind, die sich erst von einem belastenden Elternhaus freikämpfen mussten und gerade daraus ihren Drang und ihre Energie schöpfen. Will sagen: Der erste Eindruck kann täuschen. Und das tut er auch hier, denn was unter der Oberfläche liegt ist stets so viel komplexer als das, was im Augenscheinlichen schimmert. Aber, das sei gesagt: Tyrannische Väter, von denen Töchter sich befreien mussten, um ihren Weg zu gehen, finden wir hier nicht, ganz im Gegenteil.

Wir finden Väter, die abwesend waren (wenn auch im Rückblick aus sehr guten Gründen); Väter, die bis heute nicht gut über Gefühle sprechen können; Väter, die eine große Last mit sich schleppen und diese Last weitergeben. Das ist die eine Seite. Die andere zeigt vier Männer, die unter teils enorm steinigen Umständen etwas aufgebaut haben und sich selbst immer treu geblieben sind; die ihre Kinder unterstützt haben, wo sie nur konnten – auf ihre jeweils ganz eigene Art: Roohollah Amiri, Şeyhmus Tekkal, Mehran Barati und Shahab Behjat. Und falls sich nun jemand die naheliegende Frage stellt: Ja, das Buch konzentriert sich auf die Väter, aber die Mütter bleiben keinesfalls unerwähnt.

Die Männer, die Deutschland mit aufgebaut haben

Es ist diese Generation von Männern, die teils als Flüchtende, teils als Studenten, teils als „Gastarbeiter“ nach Deutschland kamen, meist mit völlig leeren Taschen, bestenfalls geringen Sprachkenntnissen, aber dem unbedingten Willen, etwas aus ihrem Leben zu machen. Obwohl oder gerade weil sie hier in Deutschland einen so schweren Stand hatten (und, leider, oft immer noch haben) und die hiesige Gesellschaft oft heute noch nicht anerkennen will, wie sehr diese Menschen das Land geprägt haben. Das Deutschland von heute wäre ohne sie undenkbar.

Rassismus: Was die Väter wegstecken, macht die Töchter wütend

Hier zeigt sich der vielleicht wesentlichste Unterschied zwischen den vier Vätern und ihren Töchtern, und dieser Generationenunterschied dürfte durchaus repräsentativ sein. Während die Väter teils abstreiten, überhaupt Rassismus erlebt zu haben oder ihn schulterzuckend an sich abperlen lassen (nach dem Motto: Das ist Dummheit, sie wissen es nicht besser, was soll ich mich darüber aufregen?), lassen die Töchter die Bestürzung und das Entsetzen darüber, wie tief dieser Rassismus in der Gesellschaft verwurzelt ist, zu, ebenso wie die Wut darüber – und verwandeln sie wiederum selbst in Energie. Um etwas zu verändern. Dasselbe hat auch bereits Maryam Aras in ihrem hervorragenden literarischen Vater-Tochter-Essay „Dinosaurierkind“ (2025) beschrieben.

Man darf sich, um einmal ein Beispiel für diesen Einfluss auf die jüngere deutsche Geschichte anzubringen, durchaus ein Stück aus dem Fenster lehnen und sagen: Hätten die deutschen 68er nicht von den iranischen Studierenden, die von hier aus das Pahlavi-Regime bekämpften, gelernt, wie man demonstriert, dann wäre das damals anders gelaufen, hätte wahrscheinlich einen deutlich geringeren Impact gehabt.

Bildung als Versprechen an die nächste Generation

Gemeinsam ist diesen Vätern auch, wie wichtig ihnen Bildung ist. Natalie Amiris Vater wuchs in Armut auf, konnte die Schule nur bis zur sechsten Klasse besuchen. Dass seine Tochter studieren sollte, stand für ihn außer Frage. Als sie ihn darauf anspricht, erzählt er, wie er sich selbst als junger Mensch mit einem Abiturienten verglich: „Ich wusste, dass sein allgemeines und wissenschaftliches Wissen viel größer ist als meins. Und ich wollte, dass meine Kinder weiterkommen als ich, (…) dass sie frei sind.“

Wenn Gefühle im „Na ja“ verschwinden

Es gibt viele Fragen, die die Töchter ihren Vätern im Zuge der Arbeit an diesem Buch zum ersten Mal stellen. Nicht auf alle bekommen sie eine zufriedenstellende oder überhaupt eine Antwort. „Mein Vater wirkt immer sehr gefasst“, erzählt Minu Barati, „seine politischen Einordnungen sind unemotional, sachlich und pragmatisch. Die großen Gefühle sind in Sprachlosigkeit gehüllt.“ Das ist nicht unbedingt eine spezifische Eigenschaft iranischer Väter, sondern vielleicht ein Generationen-Ding, das auch mit bestimmten Bildern von Männlichkeit zu tun hat, in denen Emotionen einen schwierigen Stand haben – egal, wo auf der Welt diese Männer aufgewachsen sind. Baratis Vater hat dafür das „Codewort ‚Na Ja’“. Das heißt: Ich will darüber nicht sprechen. Oder kann es nicht, je nachdem.

Ein Vater für viele

Im Laufe der Jahrzehnte habe ihr Vater „wahrscheinlich Tausenden von Menschen geholfen. Die Kehrseite seines Engagements war auch, dass meine arme Mutter das auffangen musste, indem sie Tag für Tag alles für mich und meinen Bruder gab.“ Später lernt die Tochter, teils zufällig, einige dieser Menschen kennen, denen ihr Vater geholfen hat, und für die er gewissermaßen ebenfalls zur Vaterfigur wurde: junge Migranten, die er dabei unterstützte, in Deutschland anzukommen und Fuß zu fassen, und sei es nur, indem er ein Auge drauf hatte, dass sie regelmäßig zur Schule gingen.

Am Ende sitzt man mit ihnen am Küchentisch

Unterbrochen werden diese Berichte, Überlegungen, Gespräche, Erinnerungen durch Einblicke in den Gruppenchat der vier Autorinnen, die auch enge Freundinnen sind, und in dem sie Ängsten und Sorgen Ausdruck verleihen, viele Schwierigkeiten mit Humor nehmen und einander stützen. Und am Ende hat man das Gefühl, diese vier Männer kennengelernt, mit ihnen bei Orangenschnitzen im ICE oder bei Schwarztee am Küchentisch gesessen, ihnen mit den Ohren ihrer Töchter gelauscht zu haben, und man möchte sie umarmen, alle vier, und ihnen Danke sagen. Wofür? Für alles. Dafür, dass es sie gibt und dass sie sind, wer sie sind, mit all ihren Ecken und Kanten.♦

 Natalie Amiri, Minu Barati, Düzen Tekkal & Shila Behjat: Unsere Väter, Hanser Verlag, München 2026, 288 Seiten, 24 Euro

Foto: KI-generiert