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Wem nützt ein Krieg gegen Iran?

Geht es bei den aktuellen amerikanisch-israelischen Schulterschluss nur um den Iran oder ist er Teil eines  viel größeren Plans? Spielt dabei der israelisch-palästinensische Konflikt eine Rolle? Und wo stehen die Golfstaaten angesichts der Kriegsdrohung in der Region? Eine Analyse des Nahostexperten Khaled Hroub. mehr »

Der Golan ist seitdem kein Thema mehr. Um die „iranischen Bedrohung“ bestmöglich auszuschlachten, richten sich israelische und amerikanische Bemühungen nun auf die Schaffung eines „Iran-Kriegsprozesses“, der auf der Behauptung gründet, zusammen mit den arabischen Golfstaaten „einem gemeinsamen Feind“ gegenüberzustehen.

Dieser Prozess befördert die Iran-Phobie in der gesamten Golfregion und nutzt die angeblich drohende Kriegsgefahr dazu, die Reihen regional enger zu schließen und die Beziehungen zu den Golfstaaten zu normalisieren. Zwar werden weiterhin Stellvertreterkonflikte befeuert, die die Angst wachhalten sollen, Israel und der Iran werden dennoch höchstwahrscheinlich nie einen ausgewachsenen Krieg gegeneinander führen. Hier leistet der besagte „Prozess“ bessere Arbeit und wird auch in den kommenden Jahren noch erfolgreich sein.

Irans Vorteile

Paradoxerweise verschafft der „Iran-Kriegsprozess“ auch dem Iran erhebliche Vorteile. Teherans aggressive Rhetorik gegen Israel ist fester Bestandteil des Ringens um regionalen Einfluss. Der Iran als selbsternannter „Anführer der Widerstandsachse“ rechtfertigt seine Interventionen im Irak, in Syrien, im Libanon und im Jemen ebenso wie die Unterstützung der Hamas und des Islamischen Dschihads in Palästina mit eben jenem Anspruch auf Widerstand.

Entgegen dem Ziel „Israel wegzufegen“ besteht die Position des Iran im Israel-Palästina-Konflikt darin, letztlich das zu akzeptieren, was die Palästinenser akzeptieren würden. Kurz gesagt: Der Iran erkennt ebenso wie die arabischen Staaten die Zweistaatenlösung gemäß der Arabischen Friedensinitiative von 2002 an. Diese beinhaltete das Angebot zur Anerkennung Israels und Normalisierung der Beziehungen im Gegenzug für die Anerkennung eines unabhängigen palästinensischen Staates und den Rückzug Israels aus allen 1967 besetzten Gebieten.

Auf dem Gipfeltreffen der „Organisation für Islamische Zusammenarbeit“ 2017 in Istanbul, das als Reaktion auf die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels durch Trump stattfand, äußerten weder Irans Präsident Hassan Rohani noch Außenminister Mohammed Dschawad Sarif Einwände gegen eine Erklärung des Treffens, in der eine Zweistaatenlösung gefordert wurde.

Ironischerweise verfolgen Israel und der Iran eine nahezu identische Strategie: Kriegsrhetorik verbunden mit dem Ausfechten von Stellvertreterkonflikten zur Vergrößerung ihres Einflusses in der Region und zur Erreichung ihrer jeweiligen strategischen Ziele. In Wirklichkeit ist keine der beiden Parteien daran interessiert, sich direkt zu bekämpfen oder gar der „Bedrohung“ durch den anderen ein Ende zu setzen.

Würde die „iranische Bedrohung“ vollständig beseitigt, verlöre Tel Aviv seinen bevorzugten Vorwand zur Durchsetzung seiner innenpolitischen, regionalen und internationalen Agenda. Und wenn der iranische Diskurs auf die „israelische Bedrohung“ und den „Widerstand“ verzichten müsste, verlöre Teheran in diesem regionalen Schachspiel seine wichtigste Figur.

Die USA rüsten im Persischen Golf auf - Foto: www.yjc.ir

Die USA rüsten im Persischen Golf auf – Foto: www.yjc.ir

 

Das Schreckgespenst des Krieges füttern

Der „Iran-Kriegsprozess“ soll vor allem Israel mit den Ländern des Arabischen Golfs zusammenbringen. Im Kern manipuliert dieser Prozess saudische und emiratische Ängste und nutzt dabei deren Ressentiments gegenüber dem Iran und die Furcht vor dessen wachsenden regionalen Einfluss. Diesem Prozess liegt die unausgesprochene Prämisse zugrunde, dass Israel – und allein Israel – sich gegen den Iran behaupten könne, weshalb sich die arabischen Golfstaaten dem Führungsanspruch dankbar fügen mögen!

Gegenleistung für Israel ist die schrittweise und öffentliche Normalisierung der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen mit der gesamten Golfregion. Der israelische Beitrag zu dieser Gegenleistung ist kaum nennenswert. Realistischerweise würde Israel niemals einen Krieg im Namen und für die Golfstaaten führen, noch würde es seine Ressourcen zur Durchsetzung von deren Interessen riskieren.

All dies wird durch die kurzsichtige Politik sowohl der Golfstaaten als auch des Iran unterstützt, was den Interessen Israels in die Hände spielt. Würde ein Bruchteil der in regionalen Rivalitäten vergeudeten Kräfte in einen ernsthaften diplomatischen Dialog zur Schaffung von Sicherheitsmaßnahmen zur Wahrung der gegenseitigen Interessen investiert, dann wären die Rivalen nicht von den USA gegeneinander ausgespielt worden. Die enormen Mittel für die Errichtung militärischer Arsenale kommen keinem anderen außer amerikanischen und westlichen Herstellern zugute.

Den vorliegenden Zahlen zufolge geben die Golfstaaten in diesem Jahr mehr als 100 Milliarden Dollar für Waffen aus. Hinzu kommen Militärabkommen im Gegenwert von sage und schreibe 450 Milliarden Dollar, die die Saudis 2017 mit Trump abgeschlossen haben. Man darf ohne Übertreibung behaupten, dass es ein zentrales Anliegen der USA ist, die Region durch Spannungen in Atem zu halten.

Dank der hohen Rüstungsausgaben fließt das Geld weiterhin in die Kassen der US-Banken. Der beste Weg, diese gewaltigen Investitionen auf Jahre abzusichern, besteht darin, in einen Prozess zu investieren, der das Gespenst eines vom Krieg heimgesuchten Nahen Ostens aufrechterhält.♦

  KHALED HROUB

Der Autor ist Professor für Nahostpolitik an der Northwestern University in Qatar. Er war Berater des „Oxford Research Group’s (ORG) Middle East Programme“ und Direktor des „Cambridge Arab Media Project“ an der Cambridge University. Hroub zählt gegenwärtig zu den wichtigsten Meinungsmachern im arabischen Raum.

© Qantara

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