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Krisen und Predigten des Ali Khamenei

Vier Tage lang propagierten die staatlichen Medien, Revolutionsführer Ali Khamenei persönlich werde diese Woche die Teheraner Freitagspredigt halten. Eine historische Ansprache wurde versprochen, in der er zu den dramatischen Ereignissen der vergangenen Tage Stellung nehmen werde. Doch das Versprechen wurde nicht eingelöst.  mehr »

Von Ali Sadrzadeh

Drei nationale Krisen und drei Freitagspredigten: Das sind die Meilensteine von Ali Khameneis Herrschaft. Seit dreißig Jahren ist er der Revolutionsführer und damit auch der höchste Geistliche des Iran, und in dieser Zeit sah sich Khamenei dreimal genötigt, selbst als Freitagsprediger in Teheran aufzutreten. In normalen Zeiten sind es andere, die dort stellvertretend für ihn predigen.

Erzählt man Geschichte und Gründe, warum Khamenei jeweils selbst als Freitagsprediger Teherans auftreten musste und was er dann predigte, hat man praktisch das Wesentliche, ja fast alles über die Geschichte seiner Herrschaft erzählt. Seine Predigten sind zudem auch eine Art Charakterstudie.

Die erste hielt der Revolutionsführer Mitte der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts nach den so genannten Kettenmorden – eine systematische Mordserie an 80 Schriftsteller*innen, Übersetzer*innen, Dichter*innen und bekannten Intellektuellen, die sich über mehrere Jahre erstreckte. Die Lage spitzte sich Ende 1998 zu, als innerhalb von drei Monaten drei landesweit bekannte Schriftsteller und Dichter sowie der ehemalige Arbeitsminister Dariush Forouhar und dessen Ehefrau Parvaneh Eskandari ermordet wurden.

Es war die Zeit des Reformpräsidenten Mohammad Khatami und einer relativen Meinungsfreiheit im Iran. Die spektakulären Morde konnten nicht verschwiegen werden. Fast jeder ahnte, dass für die Verbrechen jene Geheim- und Sicherheitsdienste verantwortlich waren, die Ali Khamenei befehligt. Khatami forderte Aufklärung. Schließlich erklärte das Geheimdienstministerium, einige „irregeleitete“ Agenten hätten diese Morde begangen. Der Vizeminister wurde verhaftet und starb unter ungeklärten Umständen im Gefängnis. Die Morde und das Geständnis erschütterten das Land wie ein politisches Erdbeben. Eine nationale Krise war geboren.

Zum ersten Mal seit seiner Wahl zum Revolutionsführer sah sich Khamenei gezwungen, als Teheraner Freitagsprediger aufzutreten. In seiner Predigt bezichtigte er dann „Zionisten“, die Morde organisiert zu haben, und nannte jene Zeitungen im Land, die mehr über die Mordserie aufdecken wollten, die „fünfte Kolonne“ der Feinde. Tags darauf wurden 60 Zeitungen verboten, die kurze relative Pressefreiheit war beendet. Für Journalist*innen begann eine Eiszeit, die immer noch andauert.

„Die Grünen Bewegung“

Die zweite nationale Krise, die Khamenei zwang, als Freitagsprediger aufzutreten, entstand 2009 während der so genannten „Grünen Bewegung“. Wochenlang protestierten damals Millionen Menschen in iranischen Großstädten gegen die umstrittene Wiederwahl des damaligen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad. Auf dem Höhepunkt dieser Proteste trat Khamenei wieder als Freitagsprediger auf und drohte den Demonstrant*innen, sie müssten einen hohen Preis zahlen, falls sie ihre Proteste nicht nicht beendeten. Unmittelbar danach folgten eine Verhaftungswelle aller bekannten Oppositionellen und die brutale und blutige Niederschlagung der Proteste.

Präsident Rouhani (1. v. rechts) verließ den Gebetsraum frühzeitig

Präsident Rouhani (1. v. rechts) verließ den Gebetsraum frühzeitig

 

Nun die dritte Freitagspredigt. Auch diesmal befindet sich die Islamische Republik in einer schwerwiegenden internationalen Krise, die Khameneis Macht ernsthaft gefährdet. Er musste am Ende einer Woche sprechen, in der weltweit über einen möglichen Krieg zwischen den USA und dem Iran debattiert wird, nach den dramatischen Tagen nach der Ermordung Qasem Soleimanis, nach dem Abschuss eines ukrainischen Passagierflugzeugs durch die iranische Revolutionsgarde und darauf folgenden landesweiten Unruhen. Tagelang hatten die Medien propagiert, eine historische Predigt des Revolutionsführers stehe bevor.

Gefühllos, eiskalt und zynisch

Doch auch diesmal zeigte sich Khamenei unerbittlich. Im seiner fast fünfzigminütigen Ansprache standen der Mord an Qasem Soleimani und die Trauerfeierlichkeiten für den General im Mittelpunkt.

Gefühllos, eiskalt und zynisch erwähnte Khamenei den Abschuss des ukrainischen Flugzeuges nur beiläufig. Kein Wort darüber, dass die Passagiermaschine von den Revolutionsgarden abgeschossen wurde, kein Wort davon, dass er selbst Oberbefehlshaber der Garden ist. Khamenei sprach zudem von einem „Absturz“, nicht von einem Abschuss. Und natürlich auch nichts darüber, dass die gesamte Staatsspitze nach diesem Abschuss drei Tage lang gelogen hat. Als diese Zeit der Vertuschung endete, hatten in den iranischen Großstädten Hunderttausende gegen die staatliche Lüge protestiert.

Der Freitagsprediger Khamenei bezeichnet diese Menschen als „Feinde des Iran“: Der „Feind“ wolle die Opfer des „Flugzeugabsturzes“ in den Mittelpunkt stellen, um von der Größe der Trauerfeierlichkeiten für Soleimani abzulenken. Mehr hatte Ali Khamenei über die Flugzeugkatastrophe nicht zu sagen.

Doch jenseits dieser Redeakrobatik war unüberhörbar, dass auch er eine sehr schwere Zeit kommen sieht. „Geduld“ und „Widerstand“ waren die Begriffe, die er an verschiedenen Stellen seiner Predigt wiederholte. Und immer, wenn Khamenei betonte, dass der Iran weder den USA noch Europa trauen könne und deshalb Verhandlungen mit dem Westen nutzlos seien, zoomte die Kamera des staatlichen Fernsehens auf Präsident Hassan Rouhani.

Khameneis Gebet war noch nicht zu Ende, seine Stirn berührte den Boden noch, als Rouhani die Gebetszeremonie verließ – eine vielsagende Geste, für den Vorbeter und für den Betenden.

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