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Trauerfeier für Qasem SoleimaniDie Meister der Inszenierung

Stehen der Iran und die USA vor einem großen Krieg? Bei den mehrtägigen Trauerfeierlichkeiten für den von den Amerikanern getöteten General Qasem Soleimani bestimmt ein Wort die Zeremonien: Rache. Und die Amerikaner deuten an, sie würden sogar Khamenei töten. mehr »

Von Ali Sadrzadeh

Gostakhaneh (گستاخانه). Vieldeutig ist dieses persische Wort, man könnte es mit „ehrenrührig“, „schmutzig“, „verletzend“ oder aber auch „rotzfrech“ übersetzen. Und wenn es in einer Erklärung des iranischen Außenministeriums auftaucht, nimmt das Wort noch andere Bedeutungen an, nämlich „sündigen“, „schänden“ oder „entweihen“.

Seit der Tötung des iranischen Generals Qasem Soleimani durch einen gezielten Angriff des US-Militärs war der Schweizer Botschafter bereits drei Mal im iranischen Außenministerium. Die Schweiz vertritt die diplomatischen Interessen der USA im Iran, denn Teheran und Washington haben seit über 40 Jahren keine diplomatischen Beziehungen mehr.

Was bei diesen Besuchen genau geschah, wissen wir nicht. Beängstigend ist aber, was der Iran offiziell darüber verlauten ließ. Beim ersten Mal wird der Botschafter einbestellt, um eine iranische Protestnote an Washington weiterzuleiten. Der Iran sehe sich berechtigt, Soleimanis Ermordung zu rächen, und man werde dies tun, so der Sprecher des iranischen Außenamts. Beim zweiten Besuch einige Stunden später kehrt der Botschafter mit der amerikanischen Antwort zurück. Es ist eine Antwort, die alles befürchten lässt – den großen Krieg eingeschlossen. Ihren Wortlaut kennen wir nicht.

Der Botschafter kommt zum dritten Mal, um die iranische Antwort entgegenzunehmen. Auch ihren genauen Text kennen wir nicht. Aber hier kommt das oben erwähnte vieldeutige persische Wort ins Spiel: Man habe die Haltung der USA, die „gostakhaneh“ gewesen sei, scharf zurückgewiesen, heißt es später in einer Erklärung des iranischen Außenministeriums.

Immerhin erfahren wir jetzt also, in welcher Sprache die US-Regierung mit Teheran redet. Offenbar beleidigend hat sie den Iran davor gewarnt, auf Soleimanis Tod zu reagieren. Kurz nach diesem dritten Besuch des Schweizer Botschafters im iranischen Außenministerium erklärt US-Außenminister Mike Pompeo in einem TV-Interview, man werde diesmal diejenigen angreifen, die an höchster Stelle im Iran Befehle erteilten.

Und wer gibt im Iran an höchster Stelle Befehle? Revolutionsführer Ali Khamenei. Will heißen: Die USA sind bereit, auch ihn zu töten. Hier verstehen wir, warum in der iranischen Erklärung das Wort „gostakhaneh“ mit seinen Bedeutungen „beleidigend“, „ehrenrührig“, „sündigen“ oder „entweihen“ auftaucht.

Der Feind kann Gutes bewirken

Gleich nach diesem dramatischen Schlagabtausch eilen Mohammed bin Abdolrahman Al Thani, der Außenministers Qatars, sowie eine hochrangige Delegation aus Oman, die beide gute Beziehung zum Iran pflegen, nach Teheran. Doch sie kehren ohne Erfolg zurück: Der Iran lehne Gespräche mit den USA ebenso ab wie Meditation, melden später die Nachrichtenagenturen. Die Tür der Diplomatie scheint momentan vollkommen verriegelt zu sein. Doch andere Türen sind offen. Nun gilt es, sie zu nutzen, nach dem Motto des persischen Sprichworts: „ Der Feind kann Gutes bewirken, wenn Gott es will“ عدوشود سبب خیر اگر خدا خواهد.

Zeichen von Soleimanis Wichtigkeit für die Islamische Republik: Staatsoberhaupt Ayatollah Khamenei besucht Soleimanis Familie, um ihr sein Beileid persönlich auszusprechen!

Zeichen von Soleimanis Wichtigkeit für die Islamische Republik: Staatsoberhaupt Ayatollah Khamenei besucht Soleimanis Familie, um ihr sein Beileid persönlich auszusprechen!

 

Der Feind hat hier zwar nicht Gutes bewirkt, dennoch ist das „Gute“ voll im Gange. Eine Trauerfeier überzieht das Land, die Tage, Wochen, Jahre, ja Generationen lang wirken soll. Sie soll am besten für immer das Bewusstsein der Iraner*innen prägen. Drei Tage steht das ganze Land im Dienste einer Leichenprozession. Soleimanis „Märtyrertod“ sei ein Markstein, der sich einreihe in die historische Kette der Verbrechen der USA im Iran, vergleichbar mit dem Militärputsch von 1953, sagt Irans Präsident Hassan Rouhani in gedämpftem Ton in Soleimanis Haus zu dessen trauernder Tochter und seiner trauernden Ehefrau.

Man muss kein ausgewiesener Kenner der iranischen Geschichte sein, um zu begreifen, was dieser Vergleich bedeutet: Der von der CIA inszenierte Militärputsch sei die Quelle aller Übel, bestimmend für alles, was im Iran danach geschah. Falsch oder richtig: Unauslöschlich, wie in Stein gemeißelt, hat sich das im Bewusstsein fast aller Iraner*innen für immer festgesetzt. Ohne diesen Putsch hätte es die islamische Revolution nicht gegeben, meinen viele Historiker.

Historischer Leichenzug

Viel ist von Soleimanis Körper nicht übrig geblieben, das lassen jedenfalls die Bilder seines ausgebrannten Autos vermuten. Doch wie klein diese Reste auch sein mögen: Sie sollen von Millionen weinenden Menschen im ganzen Iran bis zum Geburtsort des Generals begleitet werden. Der gesamte Staat hat sich aufgemacht, um einen historisch beispiellosen Trauerzug durch das Land zu veranstalten, der genau so groß und ebenso gewaltig sein soll wie jener bei der Beerdigung von Ayatollah Khomeini, dem Gründer der Islamischen Republik. Khomeini war es, der immer wieder predigte, ohne Trauerzüge gebe es keine Revolution. Er hatte recht, denn er meinte eine schiitische Revolution.

Ohne Trauer keine Revolution
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