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… der Haare wegen?

Die Zeitschrift Emma widmet sich in ihrer aktuellen Ausgabe dem Kampf der „Töchter der Revolutionsstraße“ gegen den Kopftuchzwang im Iran. Eine klare Position ergreift die einst so kämpferische Zeitschrift dabei nicht. mehr »

Von Fahimeh Farsaie

Haare; dichte, lockige und schwarze Haare. Einst inspirierten sie Dichter wie Hafiz zu brillanter Lyrik. Nun sind sie Symbol des Widerstands der Iranerinnen gegen das Mullah-Regime. In der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift EMMA geht es um die Haare der Iranerinnen als feministische Waffe. Der Titel des thematischen Schwerpunkts der April-Ausgabe lautet: „Iran – unser Kampf gegen das Kopftuch“. Es geht um die Kettenproteste der „Töchter der Revolutionsstraße“, die am 27. Dezember 2017 begannen: An diesem Tag stieg Vida Movahed auf einen Stromkasten, band ihr Kopftuch an einen Stock und schwenkte es wie eine Fahne.

Zähne zeigen?

Kämpfen die Frauen gegen ein Stück Stoff oder gegen den frauenverachtenden Apparat der islamischen Regierung?“, fragt man sich beim Lesen des Titels. Falls das Kopftuch ein Synonym für die staatliche Unterdrückung sein soll, warum nennt EMMA das Kind nicht beim Namen? Aus den Gestaltungselementen des Covers ist nicht eindeutig zu entnehmen, ob „Kopftuch“ symbolisch verwendet wird oder nicht: Da ist einfach die dichte, lockige und schwarze Traummähne einer Frau im Stil einer Shampoo-Werbung zu bestaunen. Aus der vagen Beschreibung des Fotos in der Innenseite wird man auch nicht schlau: „Auf dem Titel ist eine der vielen Iranerinnen, die es wagen, mitten in dem Mullah-Regime den Schleier abzulegen.“ Will EMMA als „das politische Magazin für Menschen“ den Verteidigern der frauenfeindlichen Lehre des Islams im Iran keine Zähne mehr zeigen wie einst?

Das könnte vielen Iranerinnen nicht gefallen. Denn sie sehen Alice Schwarzer, die Gründerin der EMMA, als redliche Freundin und Beobachterin der Frauenbewegung des Landes. Sie reiste unmittelbar nach der Revolution 1979 nach Teheran und war empört, dass die Mehrheit der Aktivistinnen nicht nur keine Kritik am von Khomeini errichteten Gottesstaat und der Scharia übten, sondern sich sogar für die Revolution einsetzten. Ihre kritischen und „radikalen“ Ansichten hat Schwarzer unverhohlen in einem Beitrag mit dem Titel „Die Betrogenen“ am 1. Mai 1979 in der EMMA veröffentlicht. Eine klare Stellungnahme, die damals in der iranischen Frauenszene wenig Zustimmung und viel Ablehnung hervorrief.

Der Beginn einer Antikopftuchkamgagne

Vida Movahed, die erste „Tochter der Revolutionsstraße“

Interesse zeigen …

Blättert man in dem Iran-Dossier, stellt man fest, dass die Beiträge dieses Mal in einem ganz anderen Format konzipiert worden sind. Hier geht es weder um eine klare Positionierung noch um irgendeine Art politisch-gesellschaftlicher Analyse, sondern nur darum, Interesse zu zeigen: Die „Emmas sind alle sehr, sehr beeindruckt von dem Mut der Iranerinnen“. Sie interessierten sich für ihre riskanten Aktionen und würden ihre Leserschaft darüber weiter informieren, heißt es im Vorwort des Iran-Dossiers. So habe die Redaktion mithilfe im Exil lebender Iranerinnen mit den protestierenden „Töchtern“ Kontakt aufgenommen und sie über ihr Leben, ihre Aktion und ihre Wünsche befragt. In diesem Rahmen porträtiert EMMA, neben den drei durch die Medien bekannt gewordenen Frauen Vida Movahed, Maryam Shariatmadari und Narges Hosseini, noch sechs Frauen zwischen 21 und 34 Jahren, die sich an der Kopftuch-Aktion in Teheran und Karadsch beteiligt haben. Einige von ihnen erzählen nicht nur von ihrer gewagten Tat und ihrer atheistischen Gesinnung, sondern stellen EMMA auch Fotos in ihren eigenen vier Wänden oder auf der Straße zur Verfügung.

Die Verteidigerin

Um ihrer Informationspflicht zu genügen, führt die Redaktion auch ein umfassendes Interview mit Nasrin Sotoudeh, einer der berühmtesten Menschenrechtlerinnen des Iran. Sie verteidigt die couragierten „Töchter“, die der „Verdorbenheit“ bezichtigt werden. Sotoudeh saß selbst wegen ihres Engagements für die AktivistInnen der „Grünen Bewegung“ zwei Jahre lang im Gefängnis. Ursprünglich wurde die Mutter zweier Kinder zu elf Jahren Haft, 20 Jahren Ausreiseverbot und lebenslänglichem Berufsverbot verurteilt. Das hindert sie aber nicht daran, sich als Anwältin weiter für die Gerechtigkeit einzusetzen: „Solange ich frei bin, ist es meine Aufgabe, dass Menschen zu ihrem gesetzlich festgeschriebenen Recht kommen“, sagt sie im Interview.

Die Erste

Inzwischen protestieren noch mehr Frauen in aller Öffentlichkeit. Laut EMMA sind sie bis dato 36 Mitstreiterinnen. Die Erste hat nicht im Iran, sondern in London demonstriert: Masih Alinejad. Trotzdem löste ein Foto von der 41-jährigen Aktivistin, das bei Facebook gepostet wurde, eine Protestwelle aus. Auf dem Foto sieht man sie unverschleiert auf einer Straße laufen, blühende Kirschbäume im Hintergrund. Der Wind weht durch ihre langen Haare. Im Gespräch mit einer EMMA-Redakteurin spricht sie über die Entwicklung ihrer Initiative „My Stealthy Freedom“, die die „Töchter“ zu ihren aktuellen Aktionen inspirierte. „Sie war die Erste“, lautet der Titel des Interviews, bei dem Alinejad auch Kritik an westlichen Politikerinnen ausübt, die auf ihren Reisen in den Iran Kopftuch tragen. Sie bezeichnet sie als Heuchlerinnen und verlangt unter anderem, dass sie „die Zwangsverschleierung auf ihren Besuchen endlich in Frage stellen“.

Alinejads Forderung ist nicht neu. Die Kampagne „Nein zur Zwangsverschleierung“, die seit 2009 gegen den Hijab in der Diaspora kämpft, appellierte in ihrer ersten „Erklärung“ an westliche PolitikerInnen: „Macht jeden Dialog mit den religiösen Regierungen wie der iranischen von der Einhaltung der Rechte der Frauen und Kinder abhängig!“

Die Nächsten

EMMA setzt ihr Iran-Dossier fort und verspricht, in der nächsten Ausgabe „die Geschichten der Iranerinnen im Exil“ zu erzählen. Die ältere Generation iranischer Aktivistinnen ebenfalls zu Wort kommen zu lassen, ist ein begrüßenswertes Vorhaben. Nicht nur, weil sie und ihre Stories in der gegenwärtigen Geschichtsschreibung kaum erwähnt werden, sondern auch, weil es das Geschichtsbewusstsein der Generation der „Töchter der Revolutionsstraße“ fördert und poliert. Vielleicht gibt es unter ihnen Frauen, die am 8. März 1979 an der ersten und einzigen Demonstration gegen Zwangsverschleierung in Teheran teilgenommen haben – weil sie den Glanz ihrer Haare nicht mit einem Stück Stoff verhüllen wollten.♦

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