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Exil als Chance oder Sackgasse?

Die im Exil lebende iranische Aktivistin für Frauenrechte Mahboubeh Abbasgholizade analysiert für das Iran Journal, welchen Einfluss exilierte Feministinnen auf die Frauenbewegung im Iran haben. Ihr dritter Beitrag widmet sich dem Umstand, dass die Führungsfiguren der Frauenbewegung im Ausland nur wenig zur Änderung der Situation im Iran beitragen konnten. mehr »

Im Dezember 2010 demonstrierten Shirin Ebadi, Khadijeh Moghadam, Mansoureh Shodjaie, Assieh Amini, Parvin Ardalan und andere im Exil lebende iranische Frauenaktivistinnen vor dem UN-Gebäude in Genf mit einem Sitzstreik für die Freilassung der Juristin und Frauenrechtlerin Nasrin Sotoudeh aus dem Teheraner Evin-Gefängnis.

Die in Genf Streikenden waren diejenigen, die bei fast allen Protestbewegungen zwischen 2003 und 2009 im Iran eine wichtige Rolle gespielt hatten und deshalb verhört, verhaftet und beruflichen Restriktionen unterworfen waren. Alle hatten aus Angst vor Repressalien das Land verlassen müssen.

Hat die Zwangsmigration eines großen Teils der iranischen Frauenrechtsbewegung in der zweiten Amtszeit von Präsident Mahmoud Ahmadinedschad die Führung der Bewegung gespalten oder zu Synergie geführt?

Die iranische Frauenrechtsbewegung vom Höhepunkt bis zum Exil

Die feministischen und frauenrechtlerischen Aktivitäten im Iran entwickelten sich nach dem Irak-Iran-Krieg (1980 – 1988), da sich damals die politische und gesellschaftliche Lage entspannt hatte. Die zivilgesellschaftlichen Aktivistinnen, Journalistinnen und Juristinnen trafen sich anfangs in kleinen und verschlossenen Gruppen. Zwischen 1990 und 1995 wurden Publizistinnen aktiv und es erschienen feministische Zeitschriften. Dann kamen Nichtregierungsorganisationen (NGOs) dazu. Mit dem wachsenden Internetzugang seit der Jahrtausendwende bekamen die radikaleren Feministinnen die Möglichkeit, sich auf Webseiten und in Blogs frei zu äußern. Dies löste die zweite Welle der Frauenbewegung aus und machten Zivilgesellschaft und Politik auf diese und ihre Führung aufmerksam.

Als sich die Aktivitäten nach und nach bündelten, wurde die Notwendigkeit einer kooperierenden Führung zu einem der wichtigsten Themen der Frauenbewegung. Die zahlreichen ambitionierten Studierenden, die sich der Bewegung anschlossen, organisierten kleine und große Kampagnen, die auf eine gemeinsame Aktivität setzten. Die Kampagne „Eine Million Unterschriften“ beispielsweise ebnete den Weg der jüngeren Gesichter in die Führung der Frauenbewegung und verschaffte dieser somit eine alternative Führung. Der enorme politische Druck nach den umstrittenen Präsidentschaftswahlen 2009 vertrieb jedoch einen Großteil der AktivistInnen aus unterschiedlichen Ebenen der Bewegung mit unterschiedlichen Überzeugungen ins Ausland, auch die neuen Gesichter.

Die Haltung der Daheimgebliebenen gegenüber den Exil-Feministinnen

In dieser Zeit verfolgte die internationale Gemeinschaft die Entwicklungen im Iran mit großer Neugier. Unterschiedliche internationale Organisationen wie Amnesty International und Reporter ohne Grenzen, aber auch Organisationen der iranischstämmigen Exilanten boten den neu angekommen Exil-Feministinnen zahlreiche Möglichkeiten und Bühnen. Sie wurden mit zahlreichen international anerkannten Preisen ausgezeichnet. Damit traten sie im Vergleich zu den inländischen Aktivistinnen mehr in Erscheinung und wurden zum Symbol der Frauenrechts- und Protestbewegung des Iran.

Die Reaktionen im Iran darauf waren unterschiedlich. Die einen zeigten Verständnis und wollten die Entwicklungen im Ausland nicht weiter kommentieren, verlangten jedoch mehr Unterstützung für die inländischen Aktivistinnen. Die anderen waren der Meinung, dass im Ausland lebende Aktivistinnen nach und nach an Einfluss verlieren würden. Es gab auch Feministinnen, die die Exil-Aktivistinnen vollständig aufgaben und sich auf die Unterstützung im Inland konzentrierten.

Fakt ist, dass die bekannten Führungsgestalten der Frauenbewegung über die Ausreise ihrer Mitstreiterinnen nicht glücklich waren und sie nicht mehr als Mitkämpferinnen anerkannten.

Iranische Frauenaktivistinnen in der ganzen Welt unterstützen seit 2009 die Frauenbewegung innerhalb des Iran stärker als je zuvor

Iranische Frauenaktivistinnen in der ganzen Welt unterstützen seit 2009 die Frauenbewegung innerhalb des Iran stärker als je zuvor

 

Wie definieren Exil-Feministinnen ihre Rolle?

Die Exil-Aktivistinnen sind jedoch der Meinung, dass man auch aus der Entfernung Einfluss ausüben kann. „Wir müssen die Erfolge und Erfahrungen im Ausland in den Iran transferieren. Wie eine Brücke sollen wir die zwei Welten zusammenbringen“, sagt eine Feministin, die im Ausland eine Organisation im Bildungsbereich leitet – sie möchte nicht namentlich genannt werden.

Auch eine Exilantin aus dem kurdischen Teil des Iran bestätigt den Einfluss der Aktivitäten im Ausland auf die iranische Zivilgesellschaft: „Durch unsere Verbindung zu den ethnischen Gruppen anderer Länder haben wir den Weg des Widerstands gefunden und an unsere FreundInnen im Inland weitergeleitet. So verschafften wir zum Beispiel den kurdischen Frauen des Iran Gehör im Ausland.“

Tatsächlich hat sich seit 2010 die Zahl der Organisationen von im Ausland lebenden IranerInnen, die sich um Frauen- und Menschenrechte im Iran kümmern, erheblich erhöht. Trotzdem konnte sich im Iran bislang keine zivilgesellschaftliche Bestrebung, darunter auch die Frauenbewegung, von den repressiven Folgen der Präsidentschaftswahlen 2009 erholen. „Wären wir im Iran geblieben, wären wir nicht weitergekommen als unsere FreundInnen. Im Ausland können wir zumindest etwas unternehmen.“

  MAHBOUBEH ABBASGHOLIZADEH

Aus dem Persischen übersetzt und überarbeitet von IMAN ASLANI

*Die iranische Frauenrechtlerin Mahboubeh Abbasgholizadeh ist Gründerin und Leiterin des Fernsehsenders Zanan TV (Frauen TV) und des daran angeschlossenen NGO-Trainingscenters. Wegen ihres Engagements in der iranischen Frauenbewegung wurde sie mehrfach inhaftiert und nach ihrer Ausreise aus dem Iran in Abwesenheit zu 30 Monaten Zuchthaus und 30 Peitschenhieben verurteilt. Seither setzt sie ihre Aktivitäten für Frauenrechte und demokratische Entwicklung der Zivilbevölkerung des Mittleren Ostens vom Ausland aus fort.

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