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Der Widerstand ist weiblich

Der 40-jährige Staffellauf der Iranerinnen ist beinahe am Ziel angelangt. Den Staffelstab – eine weiße Flagge - trägt nun eine Frau, die erst nach der Revolution geboren wurde. mehr »

Von Nasrin Bassiri

Sie heißt Vida Movahedi. Die Frauen, mit denen sie aufwuchs, trugen dunkle Umhänge, große Kopftücher, lange, weite Hosen. Als sie lesen lernte, stand auf großen Plakaten etwa in Behörden und Postämtern: „Stöckelschuhe und Parfüm tragen gilt wie zweimal Ehebruch“: also als Todsünde, die mit Steinigung bestraft werden konnte.

Teheran, 27. Dezember 2017

Vida Movahedi steht in der Enghelab-Straße im Zentrum Teherans. Ganz in Schwarz gekleidet steigt sie auf einen Stromkasten. Oben angekommen, löst sie den weißen Schal, den sie als Kopftuch trägt, befestigt ihn an einem Zweig und schwenkt ihn wie eine Fahne über den Köpfen der Passanten, um deren Aufmerksamkeit zu erregen (s. Artikelbild).

Movahedi, 31 Jahre alt und Mutter eines 19 Monate alten Kindes, ist schlicht angezogen und trägt ihr taillenlanges Haar offen. Passanten auf der belebten Hauptstraße, deren Name übersetzt Revolutionsstraße lautet, schauen sie teils mit Bewunderung, teils ungläubig an. Männer auf Motorrädern und Geheimdienstbeamte in Zivil umringen Movahedis Podest. Sie steht ruhig und kerzengerade oben und schwenkt unbeeindruckt ihre Fahne.

Die Beamten beobachten das Schauspiel, sie reagieren – wie Augenzeugen später berichten – zunächst nicht. Nach einer halben Stunde beendet Vida Movahedi ihre Aktion und steigt hinab. Nun wird sie von Sicherheitskräften festgenommen und zur nächstgelegenen Polizeistation gebracht. Tags darauf wird sie freigelassen.

Vida Movahedi, Initiatorin einer Bewegung gegen den Kopftuchzwang

Vida Movahedi, Initiatorin einer einzigartigen Bewegung gegen den Kopftuchzwang

 

Aktion schlägt weltweit Wellen

Die Aktion von Vida Movahedi ist ästhetisch, unschuldig, wortlos, risikoarm und friedlich. Sie ist leicht nachzuahmen und bedarf keiner Vorbereitung; ein Stock oder ein Zweig genügen. Eine Parkbank, einen Stromverteilerkasten oder etwas Ähnliches findet man überall. So wurde sie Hunderte Male im Iran und im Ausland kopiert.

In sozialen Netzwerken kursieren zahlreiche Videos, die die Nachahmerinnen zeigen. Es sind junge Frauen, aber auch ältere, die mit Hilfe eines Gehstocks mühsam auf eine Parkbank steigen, um von dort ihre Kopftücher zu schwenken. Dabei sind sie offensichtlich so stolz und froh, als ob sie sich für die vier Jahrzehnte währende Beleidigung durch die im Iran für sie geltenden Kleidervorschriften rächen.

Die Aktion erfordert nur wenig Mut. Die üblichen Vorwürfe, die jeder Regimekritikerin zuteil werden – „Störung der öffentliche Meinung“, „Verbreitung von Lügen“, „Propaganda gegen die islamische Ordnung“, „Störung der öffentlichen Ordnung“ oder „Verstoß gegen die nationale Sicherheit“ – greifen hier nicht.

Iran , 28. Dezember 2017

Die Proteste beginnen zuerst in der nordostiranischen Stadt Maschhad, wo Ebrahim Raisi, Rivale von Staatspräsident Hassan Rouhani und Irans religiösem Oberhaupt Ali Khamenei nahe stehender Kandidat bei der letzten Präsidentenwahl, die reichste Stiftung des Landes führt.

Einige Tage später erfasst die Protestwelle die kleinen und kleinsten Städte im Iran. Hauptursachen sind die rasanten Preissteigerungen von Grundnahrungsmitteln und die zunehmende Arbeitslosigkeit. Politische Forderungen wie der Ruf nach Freiheit, Demokratisierung und dem Kampf gegen Korruption schwingen zwar mit, stehen aber nicht im Vordergrund.

Dass Vida Movahedi den Gong für den Start der Proteste geschlagen hat, ist mehr oder minder ein Zufall – der aber zeigt, dass Frauen auf die Schwingungen in der Gesellschaft sensibler reagieren.

So alt wie die Islamische Revolution
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