Wenn selbst das Nötigste zum Luxus wird – Bericht aus Teheran
Die Regale sind voll, doch das Geld reicht immer weniger. In Teheran entscheiden Familien zwischen Eiern und Milchprodukten. Fleisch bleibt in der Auslage liegen, und selbst eine Zahnbehandlung wird unbezahlbar. Ein Bericht aus einer Stadt, in der steigende Preise den Alltag bestimmen, und der Verzicht längst zum Zwang geworden ist.
Es ist elf Uhr morgens auf dem Basar im Stadtteil Narmak im Osten Teherans. Noch ist wenig los. Ein Fleischer steht hinter seiner Auslage, doch es kommen weniger Kunden als sonst. „Früher war bis mittags die Hälfte meiner Ware weg“, sagt er. „Heute kommen die Leute, fragen nach dem Preis, schauen kurz und gehen wieder.“
Ein Kilo Lammfleisch kostet bei ihm zwei Millionen Toman, das entspricht auf freiem Devisenmarkt etwa 8 Euro. Vor einem Jahr waren es noch 600.000 Toman. Ein Einzelfall ist das nicht. Auf den Straßen Teherans, vor den Bäckereien, in den Supermärkten der Mittelschichtsviertel und in Alltagsgesprächen hört man dieselbe Geschichte: Das Leben wird jeden Monat enorm teurer, die Einkommen wachsen bei weitem nicht im gleichen Maß.
Zahlen, die für sich sprechen
Der Internationale Währungsfonds (IWF) erwartet für 2026 eine Inflation von 68,9 Prozent in Iran, den höchsten Wert seit der Revolution von 1979. Doch diese Zahl bildet die Lage der Privathaushalte nur unzureichend ab. Laut dem staatlichen Statistikzentrum lagen die Preise für Nahrungsmittel und Getränke im Monat Tir 1405 (Juni/Juli 2026) um 128,1 Prozent über dem Vorjahresmonat. Lebensmittel sind binnen eines Jahres mehr als doppelt so teuer geworden.
Nach Berechnungen des Ministeriums für Arbeit, Genossenschaften und soziale Wohlfahrt stiegen die monatlichen Kosten eines standardisierten Lebensmittelkorbs für einen Haushalt im Jahresvergleich um 133 Prozent. Damit sind mehr als 74 Prozent des Mindestlohns für das Jahr 1405 (2026/27) nötig, um eine Familie mit Grundnahrungsmitteln zu versorgen.
Der vom Obersten Arbeitsrat beschlossene Mindestlohn liegt in diesem Jahr unter 17 Millionen Toman (etwa 66 Euro). Die Arbeitervertreter in dem Gremium beziffern die tatsächlichen Lebenshaltungskosten eines Haushalts auf mehr als 80 Millionen; der Rat der Rentner Irans setzt die Armutsgrenze für eine vierköpfige Familie in Teheran bei 90 Millionen Toman an.
Wenn Verzicht zum Zwang wird
Ein Lehrer aus dem vierten Teheraner Stadtbezirk erzählt, dass er einen Großteil seines Monatsgehalts für Miete und Nebenkosten ausgeben müsse, noch bevor er einkaufen könne. „Wir sagen nicht mehr: Wir kaufen weniger. Wir sagen: Kaufen wir diesen Monat Eier oder Milchprodukte?“ Er hat zwei kleine Kinder, um sie sorgt er sich am meisten. „Einem Kind kannst du nicht sagen: Diesen Monat gibt es kein Fleisch.“
Die Statistiken deuten darauf hin, dass er damit nicht allein ist. Schätzungen zufolge ist der Verbrauch von rotem Fleisch, Geflügel und Eiern in iranischen Haushalten um 25 bis 50 Prozent gesunken. Der Pro-Kopf-Verbrauch von Milchprodukten sei von jährlich rund 100 Kilogramm in den 2000er-Jahren auf etwa 40 Kilogramm zurückgegangen.
In einem Supermarkt nahe dem Enghelab-Platz beschreibt der Inhaber, wie sich das Verhalten seiner Kunden verändert hat: „Wer früher jede Woche kam, kommt jetzt einmal im Monat. Wer früher einmal im Monat kam, kommt gar nicht mehr. Die erste Frage ist immer: Was ist das Günstigere?“

Macht in den Medien, Armut auf dem Mark
Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen schreibt in seinem jüngsten Bericht zu Iran: „Das Kernproblem ist nicht mehr die Knappheit von Gütern, sondern der rapide Verfall der Kaufkraft.“
In Teheran hat dieser Satz eine konkrete Bedeutung. Die Waren liegen in den Regalen, aber immer weniger Hände greifen danach. Bürger berichten immer wieder von der Kluft zwischen den offiziellen Nachrichten und ihrem Alltag.
Ein Büroangestellter sagt: „Ständig hören wir, Iran sei zur Supermacht geworden, habe den Krieg gewonnen, sei eine Regionalmacht. Aber wir fragen uns: Wenn wir so stark sind, warum bekommen wir dann nicht einmal unsere Wirtschaft in den Griff?“ Er habe ein festes Gehalt, aber: „Jeden Monat sehe ich, wie viel weniger ich dafür kaufen kann. Das lässt sich mit keiner Parole verdecken.“
Einer Einschätzung des Forschungszentrums des iranischen Parlaments zufolge, veröffentlicht in der Tageszeitung Ettelaat, ist die Armutsquote in der iranischen Bevölkerung im Jahr 1405 (2026/27) auf 41 Prozent gestiegen. Setzt sich der Trend fort, soll sie bis 1407 (2028/29) auf 45,5 Prozent wachsen, also auf fast die Hälfte der Bevölkerung.
Wenn selbst der Zahnarzt zum Luxus wird
Berichten aus Teheran zufolge sind die Zahnarztkosten so hoch, dass manche Arbeiter sich einen kranken Zahn lieber ziehen lassen, als ihn behandeln zu lassen. Die Behandlungskosten übersteigen schlicht ihre Möglichkeiten.
Dass medizinische Versorgung zu einer Frage des Geldbeutels geworden ist, zeigt: Der wirtschaftliche Druck beschränkt sich längst nicht mehr auf den Einkaufskorb. Die Lebensmittelkarte über eine Million Toman, die die Regierung im Monat Dey 1404 (Dezember 2025/Januar 2026) verteilte, deckt inzwischen nur noch 18 Prozent des vom Wohlfahrtsministerium definierten Standard-Warenkorbs ab. Die Hilfe, die eine Stütze sein sollte, hat die Inflation selbst aufgezehrt.
Wie lange noch?
Auf den Bürgersteigen Teherans geht es unter den Menschen weniger um Wirtschaft als um die Frage, wie viel man noch aushalten kann. Ein Rentner im Laleh-Park sagt: „Wir protestieren nicht mehr, weil wir müde sind. Aber auch diese Müdigkeit hat ein Ende.“
Laut Hossein Rasouli, Vorsitzender des „Hauses der Arbeiter“ in der Provinz Razavi-Chorasan, kann sich ein iranischer Arbeiter mit einem Monatslohn von rund 82 Dollar „viele Güter des Grundbedarfs nicht mehr leisten“.
Die Kluft zwischen dem, was die staatlichen Medien über Stärke und Macht verkünden, und dem, was man täglich vor der Bäckerei und am Supermarktregal erlebt, wird jeden Monat spürbarer. Wie lange sich dieser Druck aushalten lässt, ist unklar. Die Zahlen zeigen: Die Preise für Nahrungsmittel haben sich binnen eines Jahres mehr als verdoppelt, und für den Lebensmittelkorb einer Familie braucht es nun rund drei Viertel des Mindestlohns. Dieser Trend ist bislang nicht gestoppt.♦
