„The Salesman“ gewinnt Oscar

Der iranische Regisseur Asghar Farhadi gewinnt erneut einen Academy Award. Auch der Fotojournalist Hossein Fatemi darf sich über eine internationale Auszeichnung freuen. Weniger glücklich zeigt sich eine iranische Musikerin. Sie kritisiert die vielen Konzertverbote im Iran. Kulturminister Salehi Amiri spricht dagegen von einer „offenen Atmosphäre“ in seinem Land. Kultur-News aus dem Gottesstaat.
Riesenerfolg für Asghar Farhadi und die iranische Filmindustrie: Zum zweiten Mal nach 2012 gewann der iranische Star-Regisseur einen Academy Award für den besten ausländischen Film. Dabei setzte sich „The Salesman“ gegen den deutschen Oscar-Favoriten „Toni Erdmann“, das schwedische Drama „A Man Called Ove“, „Land of Mine“ des Dänen Martin Zandvliet und das australische Liebesdrama „Tanna“ durch. In „The Salesman“ geht es um den Lehrer Emad und seine Frau Rana. Sie wird im Badezimmer der gemeinsamen Wohnung von einem Mann überfallen und schwer verletzt – offenbar ein Freier, der eigentlich die Vormieterin der Wohnung aufsuchen wollte. Während Emad nach dem Täter sucht, gerät die Beziehung des Paares in eine Krise.
Farhadi war aus Protest gegen Donald Trumps Einreisepolitik nicht zur Gala nach Los Angeles angereist. Statt dessen hatte der Regisseur die US-iranische Unternehmerin und Weltraumtouristin Anousheh Ansari sowie den iranoamerikanischen ehemaligen NASA-Professor Firouz Naderi zur Preisverleihung geschickt. Sie nahmen an seiner Stelle die Auszeichnung entgegen und verlasen eine Stellungnahme des Regisseurs. Darin hieß es: „Wer die Welt in Kategorien von Wir und unsere Feinde einteilt, schafft Angst. (…) Filmemacher erzeugen Empathie zwischen uns und anderen. Und Empathie ist das, was wir heute mehr brauchen denn je.“
So groß die Reputation Farhadis unter Filmfans und -expertInnen im In- und Ausland ist, so kritisch wird der Regisseur, Produzent und Drehbuchautor von den Zensoren des iranischen Regimes beäugt. Mehrfach wurden Farhadis sozialkritische Filme in der Vergangenheit entweder ganz von den Kinoleinwänden des Iran verbannt oder erst nach zähem Ringen zugelassen.

Szenenfoto: Salesman von Asghar Farhadi
Szenenfoto: Salesman von Asghar Farhadi

Kulturminister zieht positive Bilanz
Der iranische Kulturminister Reza Salehi Amiri hat sich jüngst in einer Pressekonferenz zur vermeintlichen Freiheit in Kunst und Kultur im Iran geäußert. In der Geschichte der Islamischen Republik habe es nie bessere Arbeitsbedingungen für KünstlerInnen und SchriftstellerInnen gegeben als derzeit, so Salehi Amiris Fazit. Sein Ministerium habe im vergangenen Jahr eine Rekordzahl an Veröffentlichungsgenehmigungen erteilt: „Wir sind nicht darauf aus, jemandem Ärger zu machen oder zu schikanieren. Das bedeutet jedoch nicht, dass es von unserer Seite keine Kontrollen gäbe. Aber wir glauben, dass die Gesellschaft die Reife erreicht hat, rote Linien nicht zu überschreiten.“ Die Akteure der Kultur- und Kunstszene verstünden besser denn je, was erlaubt und was nicht erlaubt sei, so der Nachfolger des vor einigen Monaten entlassenen Ali Jannati.
Sein Ministerium habe im vergangenen Jahr 67.000 Bücherveröffentlichungen, davon 45.000 Erstausgaben, zugestimmt, so der Minister. 556 Veröffentlichungsanträge seien abgelehnt worden. „Diese Bücher hatten einen gewalttätigen Inhalt oder schürten Zwietracht zwischen ethnischen und religiösen Gruppen“, sagte Salehi Amiri gegenüber VertreterInnen der iranischen Presse.
Trotz der hohen Veröffentlichungszahlen warten viele AutorInnen seit Jahren auf die Genehmigung ihrer Werke. Ein Beispiel ist das Buch „The Colonel“ des berühmten iranischen Schriftstellers Mahmoud Dowlatabadi. Als der moderate iranische Staatspräsident Hassan Rouhani vor vier Jahren ins Amt kam, sprach er sich deutlich für mehr Freiheit in Kunst und Kultur aus und versprach unter anderem, dass Dowlatabadis Buch „bald“ die Genehmigung zur Veröffentlichung erhalten würde. Bis heute wurde dieses Versprechen nicht eingelöst.
Musikerin kritisiert Konzertverbote
Mahsa Vahdat wird aus Protest gegen die Diskriminierung der Sängerinnen nicht mehr im Iran auftreten
Auch Mahsa Vahdat wird aus Protest gegen die Diskriminierung der Sängerinnen nicht mehr im Iran auftreten

Dass die vom iranischen Kulturminister angesprochene „offene Atmosphäre“ nicht von jedem empfunden wird, zeigt ein Interview der derzeit angesagtesten Sängerin für traditionelle iranische Musik Mahdieh Mohammadkhani mit der Tageszeitung Shargh, in der sie sich zu den vielen Auftrittsverboten der vergangenen Jahre äußert. „Wenn ich höre, dass wieder irgendwo ein Konzert verboten wurde, werde ich wütend und mir geht es schlecht. Konzerte zu verbieten ist ein Akt der Respektlosigkeit sowohl gegenüber den MusikerInnen wie auch den KonzertbesucherInnen“, so Mohammadkhani. Zwar hörten viele Menschen zuhause Musik oder schauten sich Konzertauftritte online an, aber der Besuch eines Konzerts sei ein „komplett anderes Erlebnis“. MusikerInnen und SängerInnen live zu sehen sei „wichtig“, so Mohammadkhani. „Konzerte sind wesentlich für eine dynamische Kultur“, so die 30-Jährige.
Seit der Revolution von 1979 sehen sich iranische MusikerInnen und SängerInnen mit einer repressiven Gesetzgebung konfrontiert. Musikinstrumente dürfen im Fernsehen nicht gezeigt werden, Frauen dürfen vor Publikum nicht alleine singen, auf Universitätsgelände sind Konzerte ganz verboten. Persönliche Schikanen gegen MusikerInnen und SängerInnen reichen von Auftrittsverboten bis zu Festnahmen.
Auch während der Präsidentschaft Hassan Rouhanis hat sich die Lage für die Musikszene nicht entspannt. So müssen MusikerInnen und SängerInnen sich immer noch vor jedem Auftritt eine Konzertgenehmigung beim Kulturministerium einholen. Zwar hatten die meisten Konzerte, die in den vergangenen zwei Jahren verboten wurden, diese offizielle Genehmigung. Doch mobilisierten lokale konservative Autoritäten und Freitagsprediger ihre Anhängerschaft, damit diese die Konzerte verhinderten, oder sie forderten deren Verbot von der örtlichen Polizei.
Erfolg bei World-Press-Photo-Wettbewerb
Hossein Fatemi hatte 2011 den ersten Preis beim Fotowettbewerb in Nantong, China, gewonnen
Hossein Fatemi hatte 2011 den ersten Preis beim Fotowettbewerb in Nantong, China, gewonnen

Der iranische Fotojournalist Hossein Fatemi ist beim diesjährigen World-Press-Photo-Wettbewerb in der Kategorie Bestes Langzeitprojekt ausgezeichnet worden. Der 37-Jährige, der seit einigen Jahren in Chicago lebt, belegte den zweiten Preis für seine im Jahr 2004 begonnene Fotoreihe „An Iranian Journey“.
Zu den wiederkehrenden Motiven Fatemis, der das Fotografieren im Alter von 17 Jahren für sich entdeckte, gehören die iranische Jugend und politische Ereignisse. Die Fotos des bereits mehrfach ausgezeichneten Fotojournalisten wurden in Zeitungen und Magazinen wie der New York Times, Newsweek, The Guardian, National Geographic, Washington Post und dem Time-Magazine veröffentlicht.
Die World Press Photo Foundation veranstaltet jährlich den weltweit größten Wettbewerb für Pressefotografie. Die preisgekrönten Fotos werden in mehr als 80 Städten weltweit gezeigt. Die Wahl zum Pressefoto des Jahres gilt unter FotografInnen als höchste Auszeichnung. Der Wettbewerb ist der einzige dieser Art, an dem Fotografen aus der ganzen Welt teilnehmen.
  JASHAR ERFANIAN