Warum musste Soleimani sterben?

Bereits 2017 hatte Mike Pompeo als Chef der CIA einen Brief an Soleimani geschrieben, dessen Inhalt am 03. Januar dieses Jahres Bedeutung gewann. Pompeo hatte Soleimani mitgeteilt, dass die USA für jeden Angriff der vom Iran kontrollierten Milizen auf US-Interessen im Irak ihn und sein Land verantwortlich machen würden. Soleimani wies den Überbringer des Briefes an, Pompeo zu sagen: „Ich empfange und lese Ihren Brief nicht und habe kein Interesse an einem Gespräch mit Leuten wie Ihnen.“
Die Islamische Republik hat die Trump-Administration und die Drohungen der US-Regierung, die sich offen gegen das iranische Regime stellte, nicht richtig verstanden. Das regellose und teure Machtspiel der Islamischen Republik und ihre fehlende Vision für die Regionalpolitik vermischte sich immer mehr mit der Illusion, die Präsenz und der Einfluss des Iran in der Region habe einen idealen Stand erreicht. Teherans Verhalten ließ vermuten, dass die islamischen Machthaber glaubten, die Vereinigten Staaten und Israel müssten sich zurückziehen und eine islamische Allianz in der Region und den islamischen Ländern außerhalb der Region unter der Führung des Iran akzeptieren.
Dies ließ sie nicht erkennen, dass in den USA eine Regierung die Ruder übernommen hat, die sich – ähnlich wie die Islamische Republik und weniger als ihre Vorgängerregierungen in Washington – nicht an die Spielregeln hält. Sie waren ihren eigenen Parolen und Illusionen derart erlegen, dass sie nicht einsehen wollten, die neue US-Regierung hält sich nicht immer an internationale Normen und Standards und keine Grenzen kennt, wenn es darum geht, von internationalen Verträgen abzuweichen und Verbündeten wie Israel oder anderen Staaten beispiellose Privilegien einzuräumen.
Sie nahmen es auch nicht ernst, dass die Revolutionsgarde auf die Terror-Liste der Vereinigten Staaten gesetzt wurde. Sie waren so tief in ihrer Illusion versunken, dass sie die zurückhaltende militärische Reaktion der USA auf die jüngsten Ereignisse am Persischen Golf sowie Trumps Nachdruck auf den Wunsch, einen Krieg zu vermeiden, als eine goldene Möglichkeit für ihre Ziele sahen.
Und als die US-Regierung von Warnungen zu Drohungen überging, wollten sie den Ernst der Lage immer noch nicht erkennen.
Einen Tag, nachdem die politischen und militärischen Führer des Iran den Vorwurf aus dem Ausland, der Iran würde regionale Konflikte anheizen, als „grundlose Behauptungen“ bezeichneten, fliegt Qasem Soleimani nach Bagdad. Wahrscheinlich in der Hoffnung, die USA würde die „roten Linien“ des Iran, zu denen ihrer Meinung auch die Unversehrtheit des Chefs der Quds-Brigaden zählt, nicht übertreten.
Was nun?
Nun wollen die Machthaber in Teheran den für sie überraschenden Angriff mit Racheaktionen beantworten. Der harte Kern der Islamischen Republik mag sich die Hoffnung bewahrt haben, dass verschiedene irakische Gruppen sich für die Vertreibung der US-Truppen einsetzen. Doch selbst wenn die Amerikaner den Irak verlassen, gibt es keine Garantie, dass das Problem der Regionalpolitik des iranischen Regimes aus der Welt geschaffen wird. Denn Irans Probleme mit den Regionalmächten blieben auch in den Jahren 2011 bis 2014 bestehen, als die amerikanischen Truppen nicht mehr im Irak waren.
Die Islamische Republik könnte den Tod des „großen Heeresführers“ – wie Soleimani im Iran genannt wird – dafür nutzen, aus dem vierzigjährigen Teufelskreis herauszutreten und dieses Ereignis als Basis für eine Wende in ihrer Außenpolitik verwenden. Sie kann auch ihre bisherige Politik verfolgen, sich mit Vergeltung befriedigen und mit einem Kontrahenten das Machtspiel weiterführen, dessen Aktionen und Reaktionen unvorhersehbar sind.
Die nächsten Wochen und Monaten sind schicksalsbestimmend für den harten Kern des Machtzirkels im islamischen Gottesstaat.♦
  *Habib Husseinifard ist Journalist und politischer Analyst und häufiger Gast bei den Sendern wie BBC und Radio Farda (Radio Free Europe). Er gilt als einer der exponierten Iran-Experten.

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