Todesengel, Propheten und Spiegel: Reza Ghassemis „Holzorchester“ auf Deutsch

Seit seinem Erscheinen 1996 hat Reza Ghassemis Roman „Die nächtliche Harmonie des Holzorchesters“ sich zu einem Geheimtipp der modernen persischsprachigen Literatur entwickelt. Mit der längst überfälligen deutschen Übersetzung steht er nun einem größeren Publikum zur Verfügung.

 Es gibt Bücher, die einen vom ersten Satz an für sich einnehmen; Bücher, die so faszinierend sind, dass man sich erschrocken fragt, wie es sein kann, dass sie Jahrzehnte lang unübersetzt blieben. Bücher, über die man schon so viel gehört hat, die man aber mangels Sprachbarriere bislang nicht lesen konnte.

Reza Ghassemis Roman „Die nächtliche Harmonie des Holzorchesters“ ist so ein Buch. Der erste Satz lautet: „Ich glich einem Pferd, das das nahende Eintreten einer Katastrophe wittert.“ Auf Persisch erschien es bereits 1996; ganze dreißig Jahre später liegt es nun in Übersetzung von Sarah Kiyanrad bei C.H. Beck auf Deutsch vor. Endlich! Denn alles, was man über dieses Buch gehört haben mag, ist wahr: der verspielte metafiktionale Humor, der unvergleichliche Sprachwitz, die liebenswert-verkorksten Figuren, die aberwitzige Erzählstruktur und die Liebe zu Leben und Literatur, die aus allen Zeilen dringt. Es ist eines dieser Bücher, die einem vor Augen halten, weshalb das Lesen ein solcher Genuss ist, dass man auf alles im Leben verzichten mag, nur darauf nicht!

Und das von einem Autor, der ja eigentlich Musiker ist und nur ein schmales literarisches Werk vorgelegt hat. Doch dazu gleich mehr. Zuerst die Geschichte. Sie beginnt mit dem Ich-Erzähler Yadollah und die von diesem bereits im ersten Satz gewitterte Katastrophe ist im Grunde längst eingetreten, denn er ist tot. Dabei fühlt er sich jetzt eigentlich recht lebendig, er, der im Leben sein Spiegelbild nicht sehen konnte, was ihn unter anderem beim Zähneputzen zu ziemlichen Verrenkungen zwang. Jetzt aber stehen ihm im Schatten die koranischen Todesengel in Gestalt von Murnaus Faust und dem Indianer aus „Einer flog übers Kuckucksnest“ gegenüber und wollen über ihn richten, indem sie sein Leben durchgehen, das unverständlicherweise deckungsgleich mit seinem zu Lebzeiten unveröffentlichten Roman „Die nächtliche Harmonie des Holzorchesters“ zu sein scheint. Was ja gar nicht sein kann, theoretisch zumindest. Jetzt, wo Yadollah tot ist, ist das Buch natürlich ein Bestseller, den sogar sein 89-jähriger ehemaliger Vermieter Eric-Francois Schmidt liest, wenn er nicht gerade seinen Hund ausführt, dessen Name sich täglich ändert. Was Faust und sein „Nebenmann“ entschlüsseln müssen, ist die Frage, wer Yadollah getötet hat. Er selbst weiß es nicht, aber vielleicht gibt ja das Buch Antwort darauf …

Der 1949 in Isfahan geborene Reza Ghassemi ist vor allem Komponist und Musiker, hat mit Größen wie Shahram Nazeri und Mohammad Reza Shajarian zusammen gearbeitet und nach seiner Umsiedlung nach Frankreich im Jahr 1986 dort das Moshtaq Ensemble gegründet. Zum Schreiben kam er erst vergleichsweise spät und hat dann zwischen 1996 und 2002 drei Romane auf Persisch veröffentlicht, die zum Teil bereits ins Englische und Französische übersetzt sind.

Reza Ghassemi
Reza Ghassemi – Foto: 30book.com

Sein Debüt, das „Holzorchester“, wurde 2002 mit dem renommierten Golshiri-Preis ausgezeichnet. Der Roman spielt in einem heruntergekommenen Mietshaus mitten im Paris der 1990er Jahre. Vermieter Schmidt ist ein Altlinker, der für geringe Mieten nicht nur schrägen Vögeln aus aller Welt ein Dach über dem Kopf bietet, sondern, nicht unbedingt zur Freude der Mieter, im Winter auch Obdachlose auf den Fluren und im Treppenhaus campieren lässt. Yadollah, der Exilant aus Iran, wohnt auf der sechsten Etage, einem Mikrokosmos des sympathischen Irrsinns. Neben ihm ist gerade ein Neuer eingezogen, den alle nur Prophet nennen, weil er dauernd in Bibel und Koran liest, ein Gemälde des Höllenfeuers an seiner Zimmerwand lodern lässt und vermeintlich einen guten Draht nach oben hat. Die Tage sind geprägt vom Versuch, miteinander auszukommen, was vor allem den Iranern nicht ganz so leicht fällt, weil sie einander jeweils für Spione halten, und wann immer Yadollah irgendwo ein gerahmtes Bild sieht, wähnt er sich von Chomeinis stechendem Blick verfolgt. Das titelgebende Holzorchester ist übrigens das Lärmkonzert des Holzbetts seines Zimmernachbars, der quietschenden Türen und Dielen und Dachbalken und alles anderen, was in hölzernen Häusern so knarzt und knackst in schlaflosen Nächten.

Und durch alle Wahrnehmung schimmern Anspielungen auf Yadollahs Erinnerungen. Als dessen Lebensabschnittsgefährtin Rana sich mit Mitbewohner Seyyed ein- und das Haus verlässt, sinniert Yadollah: „Mit ihrem Fortgang hatte etwas sein Ende gefunden. Doch alles deutete darauf hin, dass diese Stille sich mit Neuem schwanger trug. Wie die Stille nach einem Staatsstreich. Erst am folgenden Tag würde klar werden, was die entsetzliche Stille der vorhergegangenen Nacht einen jeden gekostet hatte.“

Ghassemis „Holzorchester“ ist nicht bloß ein Roman über das Exil und die alte Frage, wie man ein neues Leben beginnen soll, wenn man alles hinter sich gelassen und jeden Halt verloren hat. Es ist vor allem ein kunstvoller Roman über das Geschichtenerzählen an sich, über das Leben, das die Kunst imitiert, über Religion, Aberglauben, Liebe und all den Irrsinn des Menschseins. Und es ist eine literarische Wucht auf jeder einzelnen Seite. Für das deutsche Publikum wurden persische Begriffe, Kontexte aus Koran und persischer Literatur sowie ein paar historische Zusammenhänge in einem Anhang eingeordnet, was die Orientierung im Text erleichtert.♦

Reza Ghassemi: Die nächtliche Harmonie des Holzorchesters, Roman, Deutsch von Sarah Kiyanrad, 260 Seiten, C.H. Beck Verlag 2026.

Artikelfoto: KI-generiert