„Literatur ist wie ein Freund“: Verleger Madjid Mohit im Gespräch
Im September 2026 wurde der Bremer Sujet Verlag 30 Jahre alt. Pünktlich zum Jubiläum wurde er mit dem Deutschen Verlagspreis ausgezeichnet. Gegründet hat ihn der aus Iran geflüchtete Verleger und Autor Madjid Mohit. Hier erzählt dieser von seinen Anfängen im Teheraner Verlag seines Vaters, der Ankunft in Deutschland und einem Leben im Zeichen der Literatur.
Madjid, hast Du damit gerechnet, dass es den Verlag 30 Jahre geben würde? Wie siehst Du dieses Jubiläum?
Madjid Mohit: Am Anfang hatte ich keine Ahnung, ob es überhaupt klappt, und im Laufe der vergangenen 30 Jahre gab es immer wieder Unsicherheit und die Frage, wie es mit dem Verlag weitergeht. Heute bin ich sehr stolz auf alles, was wir geschafft haben, auf unser Programm und die vielen Autor*innen, Übersetzer*innen und all die anderen Menschen, mit denen ich im Laufe der Zeit zusammenarbeiten konnte. Das gibt mir viel Kraft.
Dein Vater war Verleger. Wie kam es dazu, dass auch Du diesen Beruf ergriffen hast?
Madjid Mohit: Mein Vater und vor ihm mein Großvater, der bei meiner Geburt bereits verstorben war. Vielleicht wäre ich selbst nie Verleger geworden, wenn die Situation in Iran eine andere gewesen wäre. Eigentlich war geplant, dass ich nach dem Abi zum Studieren ins Ausland gehe wie alle in der Familie, und dann, wie es damals Mode war, Arzt oder Ingenieur werde. Aber nach meinem Abi waren alle Unis geschlossen, wegen der kulturellen Revolution, alles wurde islamisiert. Und dann begann der Krieg. Sechs Jahre habe ich mich nicht angemeldet, mich dem Wehrdienst entzogen, habe selbständig gearbeitet und auch meinen Vater unterstützt und selbst angefangen, Bücher zu veröffentlichen, kurz nachdem ich ins Verlagsgeschäft eingestiegen bin. Und ich habe gemerkt, wie sehr ich diesen Beruf liebe. Die Arbeit mit Büchern, mit Autor*innen – ich konnte dabei so viel lernen und mich weiterentwickeln. Aber wegen der Zensur mussten sich dann alle Verlage neu registrieren beim Kulturministerium, und da wurde ich dann doch noch eingezogen, musste für zwei Jahre an die Front. Mein Vater war damals sehr krank, ein guter Freund und Mitarbeiter von mir ist im Verlag in dieser Zeit für mich eingesprungen.
Was für Bücher sind bei Entesharat Mohit, dem Verlag Deiner Familie, erschienen?
Madjid Mohit: In der Zeit meines Großvaters und Vaters zum Beispiel das erste Persisch-Deutsche Wörterbuch, das es in Iran gab, zusammengestellt von einem Ingenieur, der in Deutschland studiert und gelebt hatte. Dazu Schulbücher zu einer Zeit, als es in Iran noch kein richtiges Schulbuchsystem gab und die Lehrer selbst entschieden, mit welchen Büchern sie unterrichten. Romane, vor allem Übersetzungen europäischer Klassiker, viel französische Literatur, an Romane von Victor Hugo erinnere ich mich. In meiner Zeit dann eher Gegenwartsliteratur und Werke von Saul Bellow, Henry James, George Orwell, Gabriel Garcia Marquez, Romain Gary, aber auch iranische Literatur wie etwa Seyyed Ali Salehi.
Du bist in den frühen Neunzigern als Flüchtling nach Deutschland gekommen. Wie kam es dazu?
Madjid Mohit: Der Militärdienst hat mich verändert. Es war eine schlimme Zeit, zugleich habe ich aber auch Menschen aus allen Teilen des Landes kennengelernt, mit ihnen über Politik debattiert und auch viel gelesen, was oft zu Problemen geführt hat. Als ich zurück war, wollte ich verstärkt Bücher über politische Themen machen, aber die Zensur wurde immer heftiger. Damals mussten Bücher noch nicht vorab beim Ministerium eingereicht werden, sondern konnten einfach gedruckt werden. Und wenn sie dann einen Tag später verboten wurden, war das für den Verlag finanziell eine Katastrophe und führte zu Selbstzensur. Dann konnte man auch Papier nur noch über das Ministerium beziehen, das natürlich staatliche Verlage bevorzugt und uns unter Druck gesetzt hat. „Hundert Jahre Einsamkeit“, eins meiner absoluten Lieblingsbücher, wurde unmittelbar nach Veröffentlichung verboten, wir hatten 5.000 Exemplare gedruckt, die wir nun nicht verkaufen konnten. Wir waren oft beim Zensuramt damals. Man kam da eine Treppe hoch, und an der Wand der Prüfungsstelle stand meterhoch: „Das Verlagswesen in diesem Land ist wichtiger als das Blut der Märtyrer.“ Sie wollten, dass die Verlage Propaganda machen, keine Literatur. Wenn man nur einen kleinen Fehler machte, hatten sie einen im Blick, man musste monatelang warten, wurde schikaniert, vor Gericht gestellt. Im Prinzip gab es keine Möglichkeiten mehr, zu arbeiten. Für unabhängige Verlage wurde es unerträglich, es ging nicht mehr weiter.

Und da hast Du entschieden, dass Du gehen musst?
Madjid Mohit: Ja. Ich musste weg. Ein Mittler half mir, über zwei Länder bin ich dann nach Deutschland gekommen, wollte eigentlich nach Kanada, aber die deutschen Behörden ließen mich nicht weiterreisen. Im Nachhinein bin ich froh, dass ich hier geblieben bin. Im Gepäck hatte ich nur den Traum, weiter als Verleger zu arbeiten.
Einer deiner Lieblingsdichter ist Seyyed Ali Salehi, dessen Gedichte ich auch immer wieder lese und dessen Buch „Geboren in ein verworrenes Lied“ Du auf Deutsch publiziert hast. Außerdem bist Du mit ihm befreundet, hältst bis heute Kontakt mit ihm, der noch in Iran lebt. Erzähl mir von dieser Freundschaft.
Madjid Mohit: Ich habe ihn im Verlag meines Vaters kennengelernt, als ich etwa neunzehn war. Er kam zu uns und fragte, ob wir auch Romane verlegen, er wolle das Buch eines Freundes vermitteln. Es ging da um seinen eigenen Roman, aber er hat sich anfangs nicht getraut, das zu sagen; ein sehr politisches Buch über die Islamische Revolution und die iranische Arbeiterbewegung. Meinem Vater und mir gefiel es, und danach haben wir auch drei seiner Gedichtsammlungen publiziert; darunter auch die Briefgedichte, die auf Deutsch in meiner Übersetzung bei Sujet erschienen sind. Außerdem hat er Lyrikanthologien mit klassischer und moderner iranischer Lyrik herausgegeben, allerdings hat dann das Zensuramt eingegriffen, weil er in einem Vorwort über die Rolle der Poesie in der Gesellschaft den Dichter als Propheten beschrieb. Wir mussten die Stelle ersetzen und haben dann zwei Gedichte von Hafez genommen und konnten das Buch machen. Im Laufe dieses Prozesses haben wir uns angefreundet und stehen bis heute in engem Kontakt.
In Deutschland hast Du, bevor Du Verleger wurdest, eine Drucker-Ausbildung gemacht, und wenn ich mich recht erinnere, hast Du deinem Ausbilder viel zu verdanken …
Madjid Mohit: Ja, ich habe in Bremen im Nebenjob in einer Druckerei gearbeitet, die einem Iraner gehörte, dort das Druckhandwerk gelernt und zugleich Deutschkurse besucht. Dann war ich ein Jahr lang Kulturreferent im Dachverband der Ausländerkulturvereine in Bremen. Das war eine so bereichernde Zeit, weil ich unzählige Menschen aus unterschiedlichen Kulturen kennenlernte, was meinen Blick auf die Welt erweitert hat.
Und in dieser Zeit, 1996, hast Du den Verlag gegründet?
Madjid Mohit: Genau. Es begann mit der Zeitschrift „Sujet Presse“ auf Deutsch und Persisch, an einem kleinen Schreibtisch bei einem Kriegsgegnerverein, über den ich ein Gedicht von Seyyed Ali gehängt hatte. Und um das zu finanzieren, habe ich Auftragsarbeiten als Drucker erledigt. Das erste Buch erschien ungefähr 2001, Mahmood Falakis Roman „Die Schatten“. Von ihm haben wir seither viele weitere Romane, Kurzgeschichten, einen Lyrikband und seine Persisch-Lehrbücher publiziert.
Als Du den Sujet Verlag 1996 gegründet hast, gab es kaum deutsche Übersetzungen aus dem Persischen. Es gab die Lyrikanthologien von Kurt Scharf, es gab ein paar Bücher von Bozorg Alavi und natürlich die Klassiker wie Hafez (Hafis), Saadi, Rumi, aber sonst nicht viel. Wie hast Du das damals wahrgenommen?
Madjid Mohit: Ja, ich habe damals wirklich gesucht, was nicht einfach war, denn es gab ja noch kein Internet, zumindest nicht so wie heute. Ich wollte eine Broschüre machen mit Bio- und Bibliografien aller nichtdeutschen, nichtwestlichen Autoren, aber es gab ja kaum welche auf dem deutschen Buchmarkt. Rafik Schami und Suleman Taufiq entdeckte ich damals und ich traf mich mit Mostafa Arki, der sehr aktiv war und persische Literatur auf Deutsch publizierte. Aber das wurde leider kaum wahrgenommen. Bei der Dame, bei der ich ein Zimmer bewohnte, entdeckte ich die von Kurt Scharf herausgegebene Anthologie „Noch immer denke ich an jenen Raben“ mit Lyrik von Nima, Sohrab Sepehri, Forough, Schamlu und vielen weiteren, und konnte kaum glauben, dass es sie auf Deutsch gab. Ich fuhr Anfang der Neunziger zum ersten Mal nach Frankfurt zur Buchmesse und hatte 500 Broschüren dabei. Ich besuchte den Radius Verlag und fragte nach der Anthologie von Kurt Scharf, und der Verleger fragte mich ganz entgeistert, woher ich es kenne. Es hatte sich wohl schlecht verkauft. Irgendwo hab ich dann ein Exemplar aufgetrieben, das habe ich heute noch.
Ich habe das Buch auch, eine wunderbare Sammlung. Und seither hast Du mehrere Lyrikanthologien zusammen mit Kurt Scharf im Sujet Verlag gemacht …
Madjid Mohit: Ja. Mir ist sehr wichtig, dass diese Gedichte verfügbar sind. Als ich kurz vor meiner Zwangsausreise aus Iran Abbas Maroufis frisch erschienenen Roman „Symphonie der Toten“ las, wollte ich ihn nach meiner Ankunft unbedingt übersetzen. Da war mir noch nicht so ganz klar, wie schwer die deutsche Sprache ist. Er erschien dann bei Suhrkamp, und aktuell haben wir ihn bei Sujet im Programm; einer der wichtigsten iranischen Romane des 20. Jahrhunderts.
Heute gibt es sehr viel mehr, aber insgesamt ist es noch immer wenig. Und locker die Hälfte der iranischen Bücher auf Deutsch hast Du im Sujet Verlag herausgebracht. War dir das immer ein Kernanliegen, die iranische Literatur sichtbarer zu machen?
Madjid Mohit: Ja, natürlich. Die Literatur ist wie ein Freund, er kann Verbundenheit herstellen. Durch Lesen entsteht Vertrautheit. Wer iranische Literatur liest, verliert das Gefühl der Fremdheit. Das gilt auch für alle anderen Länder. Und es gibt noch so viele gute Autoren, die auf Persisch schreiben, nicht nur aus Iran, auch aus Afghanistan, wie zum Beispiel Zia Qasemi, dessen Roman „Mitternachtssammler“ letztes Jahr bei uns erschienen ist. Wir machen auch deutsche, arabische, französische Literatur, aber iranische bildet den Kern des Verlagsprogramms.
Du hast große Namen wie Fariba Vafi und Amir Hassan Cheheltan im Programm, aber auch jüngere, hierzulande kaum bekannte Autor*innen wie Maryam Djahani oder den Dichter Garous Abdolmalekian. Ist so etwas nicht ein enormes verlegerisches Risiko?
Madjid Mohit: Ja, aber es ist so wichtig. Literatur aus als „fremd“ wahrgenommen Ländern und von hierzulande unbekannten Autor*innen hat es sehr schwer, und als kleiner Verlag haben wir oft nicht die Mittel, die Bücher groß am Markt zu platzieren. Aber wenn wir es nicht machen, wer dann? Wie Du eben sagtest: Es erscheint ja kaum persische Literatur in Deutschland. Auch die Autor*innen haben es sehr schwer, vor allem, wenn sie nach Deutschland geflüchtet sind und sich hier etwas aufbauen wollen. Und da haben wir Verlage auch eine Verantwortung, nicht immer nur auf das Verkaufbare zu schielen, sondern literarische Qualität an erste Stelle zu setzen. Wann immer ein Autor aus einem Kleinverlag wie Sujet zu einem großen Verlag wechselt, also endlich breiter wahrgenommen wird, freue ich mich.
In den letzten Jahren ist es für kleine Verlage schwieriger geworden. Die Kosten steigen, während das Publikum wegbricht. Immer weniger Menschen lesen und kaufen Bücher, viele Kleinverlage mussten schon dichtmachen. Wie gehst Du damit um?
Madjid Mohit: Ich kämpfe, es geht ja nicht anders. Leicht war es nie. Aber irgendwie haben wir es bis jetzt immer geschafft, weiterzumachen, sei es durch Preise oder durch institutionelle oder private Unterstützung. Man muss das ganz klar sagen: Anders ginge es nicht. Die Kosten sind zu hoch. Aber das Problem haben fast alle Kleinverlage.
Du bist selbst mehrfach für Deine Arbeit ausgezeichnet worden, hast den Hermann-Kesten-Preis und den Bremer Integrationspreis erhalten, 2026 ist der Sujet Verlag nun zum zweiten Mal mit dem Deutschen Verlagspreis geehrt worden. Was bedeuten dir diese Ehrungen?
Madjid Mohit: Sehr viel. Sie geben Kraft, gerade wenn man wieder zu zweifeln beginnt. Sie helfen nicht nur finanziell, sondern erhöhen auch die Sichtbarkeit des Verlages – und folglich auch der Bücher und Autor*innen.
Gibt es ein Traumprojekt, das Du unbedingt noch realisieren möchtest?
Madjid Mohit: Viele. Aber eins ganz besonders: Schon seit gut sechs Jahren haben wir ein Projekt in Planung, kleine, erschwingliche Ausgaben unserer Bücher zu machen, eine Pocketbooks-Reihe. Aber bislang konnten wir das noch nicht umsetzen. Und es wäre schön, wenigstens mal eine Zeit lang entspannt und ohne Druck arbeiten zu können. Ein bereits realisiertes Traumprojekt, das auch sehr für die ganze Idee des Verlags steht, ist der bald erscheinende zweite zweisprachig deutsch-persische Lyrikband „Diese Tage werden geschrieben werden“, den ich gemeinsam mit der Bremer Lyrikerin Inge Buck geschrieben habe. Das ist quasi ein west-östlicher, persisch-deutscher Dialog in Form von Gedichten.♦
Transparenzhinweis: Madjid Mohit und Gerrit Wustmann sind befreundet, im Sujet Verlag sind sechs Bücher von Gerrit Wustmann erschienen, darunter die Anthologie „Hier ist Iran! Persische Lyrik im deutschsprachigen Raum“.

