Das wahre Gesicht des Islam

Mit „Muhammad: The Messenger of God“ kam kürzlich der teuerste Film der iranischen Geschichte in die Kinos. Der mit beispielloser staatlicher Förderung gedrehte Film soll „das wahre Gesicht des Islam“ präsentieren und unter Muslimen für Einigkeit sorgen. Das zeichnet sich jedoch nicht ab. Auch Kritiker sind skeptisch.

Ende August wurde der mit Spannung erwartete Film „Muhammad: The Messenger of God“ („Mohammed: Der Gesandte Gottes“) des international bekannten, nicht regierungskritischen iranischen Filmemachers Majid Majidi uraufgeführt – nach mehr als sieben Jahren Produktionszeit.

Der erste Teil einer Trilogie über die Entstehung des Islam beginnt mit den Ereignissen vor der Geburt des Propheten und stellt Mohammeds Leben bis zum Alter von 13 Jahren dar. Das Projekt ist mit Produktionskosten von offiziell über 16 Millionen Euro das teuerste Produkt der iranischen Filmgeschichte – zwanzig Mal teurer als der bislang teuerste iranische Film.

Die Mitwirkenden sind international prominent: Die Filmmusik stammt von dem weltbekannten indischen Komponisten und Oscar-Preisträger A. R. Rahman, der 2009 für die Filmmusik zu Danny Boyles „Slumdog Millionär“ unter anderem den Golden Globe Award und den Oscar gewann. Der dreimal Oscar-prämierte Kameramann Vittorio Storaro aus Italien wurde ebenfalls für den Film engagiert. Er ist unter anderem für seine Mitarbeit an preisgekrönten Werken wie „Apocalypse Now“ (Francis Ford Coppola) bekannt. Seine Aufnahmen für „Muhammad“ wurden von dem italienischen Cutter Roberto Perpignani geschnitten. Der legendäre Autor und Filmregisseur Orson Welles hatte Perpignani 1962 für seinen Film „Der Prozess“ beauftragt. Für visuelle Effekte sorgte der Oscar-Preisträger Scott E. Anderson, der im Iran geborene britische Sänger Sami Yusuf sang einen Teil der Filmmusik.

Staatliches Prestigeprojekt

Der Film „Muhammad: The Messenger of God“ ist damit sicher kein gewöhnliches Filmprojekt des Iran. Die bislang unbekannte Produktionsfirma „Noure Taban“ (auf deutsch etwa: „Helles Licht“) trug die Produktionskosten. Sie ist dem Wirtschaftsriesen „Stiftung der Unterdrückten“ („Bonyad-e Mostazafan“) untergeordnet. Diese Stiftung ist eine der vom geistlichen Oberhaupt des Iran, Ali Khamenei, kontrollierten Wirtschaftsinstitutionen. Khamenei stattete dem Filmset in der Nähe von Teheran sogar einen Überraschungsbesuch ab. Das war das erste und bisher letzte Mal überhaupt, dass der Ayatollah sich die Produktion eines Kinoprojekts vor Ort anschaute.

Der Regisseur Majid Majidi: Der Fim wird das Zehnfache der Kosten einspielen!
Der Regisseur Majid Majidi: Der Fim wird das Zehnfache der Kosten einspielen!

Auch inhaltlich soll der Film den Machthabern in Teheran gefallen. Laut dem Sprecher der parlamentarischen Kommission für Kultur, Ali Taheri, soll Khamenei den Film bereits gesehen haben und mit seinem Inhalt zufrieden sein.

„Muhammad“ wird nun landesweit in 120 Kinos gezeigt. Große Werbeflächen laden die Zuschauer zu dem Film ein. Filme „unabhängiger“ Filmemacher haben dem Prestigefilm weichen müssen. Anfang September zeigten Medien Bilder des jungen Regisseurs Ali Molla Gholipour, der auf der Straße und mitten in einem Ligaspiel auf dem Rasen des landesweit größten Fußballstadions in Teheran Werbung für seinen neuen Film machte. Einige Kinos, die seinen Film zeigen sollten, waren statt dessen „Muhammad: The Messenger of God“ zugeteilt worden.

Der „wahre Islam“

„The Messenger of God“ ist nach dem 1976 von dem mittlerweile verstorbenen sunnitischen und syrisch-amerikanischen Regisseur Moustapha Akkad gedrehten „The Message“ die zweite Verfilmung des Lebens des Propheten. Akkads Film zeige nur „Jihad und Krieg“ und stelle ein „unfaires Bild“ vom Leben des Propheten dar, sagte Majidi Ende 2013: Das Bild des Islam in „The Message“ – gedreht mit Anthony Quinn – sei „das Bild des Schwertes“. Sein Film soll nun „das wahre Gesicht des Islam“ zeigen.

Das iranische Regime sieht sich in der sunnitisch dominierten Region als Flaggschiff des Schiismus. Das geistliche Oberhaupt des Landes wird von seinen Anhängern sogar „Führer der Muslime auf der ganzen Welt“ genannt. Doch der Film stieß wegen der zum Teil unterschiedlichen religiösen Auffassungen von Sunniten und Schiiten auf heftige Kritik sunnitischer Muslime – obwohl der Regisseur betont, das Drehbuch in Absprache mit Gelehrten beider Glaubensrichtungen aus der ganzen islamischen Welt verfasst zu haben. Zudem behandele der Film die frühen Lebensjahre des Propheten, über die sich Sunniten und Schiiten einig seien.

Doch das angesehene islamische Seminar Al-Azhar in Kairo forderte den Iran auf, den Film nicht zu zeigen, „damit kein verzerrtes Bild des Propheten in den Köpfen der Muslime entsteht“. Im Film sind allerdings nur der Körper des jungen Darstellers von hinten und seine Hände zu sehen. Auch der Großmufti von Saudi-Arabien Abdul Aziz al Scheich hält den Film aus religiöser Sicht für verboten und bezeichnete ihn als „Sakrileg“. Die sunnitische Organisation der Muslime in Indien „Raza Academy“ forderte in einer Fatwa (religiöses Rechtsgutachten) gar den Boykott des Films.

Der sunnitische Kleinstaat Katar am persischen Golf kündigte laut Guardian im März 2013 an, Vorbereitungen für ein Projekt in Höhe von einer Milliarde Dollar treffen zu wollen. Es gehe um mehrere Kinofilme über das Leben des Propheten Mohammed. Für das Projekt wollte die Produktionsfirma, die lustigerweise „Alnoor Holdings“ (etwa Licht Holdings) heißt, unter anderem den Produzenten der Hollywood-Kinotrilogie „Herr der Ringe“ engagieren.

Kaum Aussichten auf Erfolg

Vielerorts in der iranischen Hauptstadt Teheran sieht man derzeit überdimensionale Plakate für den Film!
Vielerorts in der iranischen Hauptstadt Teheran sieht man derzeit überdimensionale Plakate für den Film!

Angesichts der breiten Unterstützung durch die Machthaber im Iran beschränkten sich die wenigen fachlichen Kritiken in der iranischen Presse auf die Technik des Films, der im Frühjahr 2014 für Kritiker und Filmemacher uraufgeführt wurde. Der landesweit renommierte Filmkritiker Masoud Farsati nannte den Film „schlecht“, „verwirrend“ und „verunstaltet“. Kostüme, Lichtgestaltung und Szenenbilder passten nicht zur damaligen Kultur. Aus diesen Gründen werde der Film keinen großen Einfluss auf die ZuschauerInnen verbuchen können. Der Kritiker Mehrzad Danesh, der an der Universität „islamische Bildung“ studiert hat, findet die im Film dem jungen Mohammed zugeordnete Wunderkraft übertrieben und realitätsfremd. Einige Kritiker sehen den Film jedoch als Wegbereiter weiterer großer Investitionen in die nationale Kunst und weiterer Zusammenarbeit mit weltbekannten Crews. Dies werde die Ansprüche der Zuschauer steigern und die Messlatte für inländische Produktionen anheben.

Regisseur Majidi, dessen Film „Kinder des Himmels“ 1999 als erster iranischer Film für den Oscar in der Kategorie bester fremdsprachiger Film nominiert wurde, ist dennoch vom Erfolg seiner jüngsten Arbeit überzeugt. Er prophezeite vergangene Woche, sein Film werde das Zehnfache der Kosten einspielen: „Obwohl er nicht für kommerzielle Zwecke gedreht wurde“, so Majidi.

Laut iranischen Medien soll der Film mittlerweile mehr als eine Million Euro eingespielt haben.

  IMAN ASLANI