Wenn iranische Frauen die Kölner Philharmonie erobern

Neun Sängerinnen aus Iran, traditionelle Instrumente, ein transkulturelles Ensemble und das Gürzenich-Orchester: „Female Voices of Resilience“ brachte in der Kölner Philharmonie Musikerinnen zusammen, deren Wege, Sprachen und musikalische Traditionen weit auseinanderliegen. Gerade darin lag die besondere Stärke des Abends.

26. September in der Kölner Philharmonie. Mina Deris steht vorn am Mikrofon, hinter ihr das Gürzenich-Orchester. Schon auf den  Probenbildern des ZDF war diese Konstellation zu sehen: eine einzelne Stimme vor einem großen Sinfonieorchester.

Deris stammt aus Khuzestan im Südwesten Irans. Sie singt auf Arabisch und Persisch, ihre Musik bewegt sich zwischen arabischem Melodiekonzept Maqam, iranischer Musik und zeitgenössischen Formen. In Köln sang sie „Awassy Elmar“ von Saleh Alkoveyti; ein Stück aus einer musikalischen Welt, die sich nicht entlang heutiger Staatsgrenzen erzählen lässt.

Von dort führte das Programm in andere Regionen und Traditionen. Maliheh Moradi brachte mit Ali Tajvidis „Tazarv“ klassische persische Kunstmusik auf die Bühne. Samin Ghorbani sang auf Aserbaidschanisch, Ghazaal Ansari Rad verband musikalische Traditionen der Qashqai und Boyer-Ahmadi. Hura Mirshekari griff mit „Nana“ ein traditionelles Hochzeitslied aus Sistan auf, den Abschied einer Mutter von ihrer Tochter.

In der Kölner Fassung erschien das überlieferte Material in einer elektronisch geprägten Umgebung. Das vollständige Programm dokumentiert das Gürzenich-Orchester.

Tradition ohne Stillstand

Es war einer jener Abende, an denen der Sammelbegriff „iranische Musik“ schnell zu eng wird. Viele der Sängerinnen arbeiten mit musikalischen Formen, die sie aus Iran kennen. Doch sie behandeln sie nicht wie Museumsstücke.

Mahya Hamedi, die heute in New York lebt, verbindet iranische Einflüsse mit Jazz, Alternative Rock und klassischer Musik. Ihre eigene Komposition „Acacia Thorns“ gehörte zu den energischsten Momenten des Abends. Der Kölner Stadt-Anzeiger beschrieb das Stück als vorwärtsdrängend und rebellisch, getragen vom Zusammenspiel zwischen Orchester und eruptivem Gesang.

Sanam Maroufkhani wählte einen anderen Weg. Ihr „Indigo Valley“ wirkte stiller, fast nach innen gekehrt. Die in Amsterdam lebende Musikerin arbeitet mit persischen Texten, westasiatischen Einflüssen und Elementen aus Alternative- und Cinematic-Pop.

Zum Reiz des Abends gehörte, dass sich alte und neue Formen nicht sauber voneinander trennen ließen. Überlieferte Melodien standen neben neuen Kompositionen, regionale Gesangsweisen neben elektronischen Bearbeitungen.

Kurzfristig hatte sich auch die Besetzung geändert: Hani Mojtahedy konnte nicht teilnehmen, Anousha Nazari übernahm André Hosseins „Caravane“.

Das Konzert war der Sängerin Qamar-ol-Moluk Vaziri gewidmet. 1924 trat die damals 19-Jährige im Grand Hotel in Teheran unverschleiert vor Publikum auf. Auch die Konzertkritik des Kölner Stadt-Anzeigers erinnert daran, dass Vaziri zu einer wichtigen Figur in der Geschichte weiblicher Selbstbestimmung in Iran wurde.

Hundert Jahre später wirkt diese Geschichte alles andere als museal.

Wenn ein Orchester Platz machen muss

Das Gürzenich-Orchester stand an diesem Abend vor einer ungewöhnlichen Aufgabe. Kamancheh, Santur, Oud oder Ney lassen sich nicht einfach in einen europäischen Orchesterklang einfügen, ohne Eigenheiten zu verlieren. Dabei geht es nicht nur um Lautstärke und Klangfarbe, sondern auch um Verzierungen, Rhythmus und den Umgang mit notierter Musik.

Eine wichtige Rolle spielte deshalb das Inner Unity Ensemble unter Leitung des Gitarristen und Arrangeurs Mahan Mirarab. Mit Ney, Klarinette, Bassklarinette, Cello, Percussion und Gitarre bildete es eine bewegliche Verbindung zwischen den Sängerinnen und dem Orchester. Hinzu kamen Sara Hasti an der Kamancheh, Mehrnoosh Zolfaghari am Santur und Avin Ahmadi an der Oud.

Die Arrangements versuchten nicht, alles in einen einheitlichen sinfonischen Klang zu überführen. Gerade daraus entstanden viele der stärksten Passagen. Der Kölner Stadt-Anzeiger hob hervor, dass Sinfonik und sogenannte „Weltmusik“ hier nicht bloß nebeneinandergestellt wurden. Besonders auffällig war ein Dialog zwischen Santur und Marimba. Juya Shin leitete das Orchester mit viel Gespür für die Balance zwischen den unterschiedlichen Klangkörpern.

Eine Bühne, die in Iran nicht selbstverständlich ist

Der Untertitel des Konzerts, „Iranian Women Singing for Freedom“, setzte einen politischen Rahmen. Ganz ausblenden lässt sich dieser bei einem solchen Projekt ohnehin nicht.

Öffentliche Soloauftritte von Frauen vor gemischtem Publikum sind in der Islamischen Republik stark eingeschränkt. Sängerinnen dürfen solo vor rein weiblichem Publikum auftreten; vor gemischtem Publikum werden solche Auftritte nicht regulär zugelassen.

Wie gegenwärtig diese Einschränkungen sind, zeigt der Fall der Sängerin Hiwa Seyfizadeh. Im August 2026 wurde bekannt, dass sie wegen eines nur wenige Minuten dauernden Soloauftritts in Teheran zu vier Jahren Haft verurteilt worden war. Zwei weitere Beteiligte erhielten nach Angaben der Verteidigung sieben beziehungsweise zehn Jahre Haft. Ende August waren die Urteile noch nicht rechtskräftig. IranJournal berichtete ausführlich über den Fall.

Mehrere Sängerinnen des Kölner Projekts leben inzwischen außerhalb Irans. Der Abend wäre dennoch missverstanden, würde man ihn nur als Geschichte von Repression und Exil lesen. Dafür war die Musik zu vielfältig.

Hier sang keine einheitliche „Stimme der iranischen Frauen“. Zu hören waren arabische, persische und aserbaidschanische Texte, regionale Traditionen, Kunstmusik, Pop, Jazz, elektronische Musik und neue Kompositionen. Manche Musikerinnen arbeiten nah an überlieferten Formen, andere entfernen sich weit davon.

Die Philharmonie war nahezu ausverkauft. Unter den Gästen waren viele Menschen aus der iranischen Community, die aus verschiedenen Teilen Deutschlands und aus Nachbarländern angereist waren. Zum Abschluss kamen alle neun Sängerinnen gemeinsam auf die Bühne. Im Saal herrschte eine festliche Stimmung. Wie der Kölner Stadt-Anzeiger schrieb, sollte die Veranstaltung bewusst mehr sein als ein reines Protestkonzert.

Das war für diesen Abend entscheidend: Seine politische Bedeutung musste nicht eigens behauptet werden. Sie war ohnehin präsent.

Am Ende standen die Sängerinnen gemeinsam vor dem Gürzenich-Orchester. Dass sie dort sangen, war politisch; was und wie sie sangen, ließ sich darauf nicht reduzieren.♦

Foto: KI-generiert