Ein Plädoyer für Solidarität
In ihrem neuen Buch „Wenn ihr wegseht werden wir getötet“ wirft die Berliner Aktivistin und Journalistin Daniela Sepehri ein Schlaglicht auf die Menschenrechtslage in Iran, zeigt auf, wie ziviler Widerstand gegen das Regime innerhalb und außerhalb des Landes funktioniert und legt fundiert die politischen, medialen und gesellschaftlichen Versäumnisse im Umgang damit in Deutschland dar. Ihr Aufruf zur Solidarität ist eine Pflichtlektüre in Zeiten, in denen zivilgesellschaftliches Engagement weltweit unter Druck gerät.
Erst relativ spät im Buch erzählt Daniela Sepehri die Geschichte einer Siebzehnjährigen und ihrer Großmutter, die beide an den ‚Frau, Leben, Freiheit‘-Protesten in Iran teilnahmen und dann aus dem Land flüchten mussten. Denn Teilnehmer*innen dieser und anderer Proteste sind in Iran der Gefahr von willkürlicher Inhaftierung, Folter und Ermordung ausgesetzt. Das Regime geht seit Jahrzehnten gnadenlos und brutal gegen jegliche Opposition vor, eine vielfach belegte Tatsache. Wer deshalb flüchtet, tut es, um sein Leben zu retten. Und Frauen sind noch einmal stärker bedroht als Männer.
Die beiden schaffen es, über die Türkei nach Berlin zu kommen, wo sie noch am Flughafen vom BAMF angehört werden. Ihre Situation ist eindeutig, es liegt ein unzweifelhafter Asylgrund vor. Dennoch entscheidet das BAMF gegen sie und will sie in die Türkei zurückschicken, von wo ihnen Abschiebung nach Teheran droht. Eine solche Abschiebung wäre eine fundamentale Missachtung von Menschenrechten durch eine deutsche Behörde.
Daniela Sepehri erfährt davon, mobilisiert Kontakte und fährt zu der Abschiebehafteinrichtung, in der die beiden festgehalten werden. Die Großmutter ist krank und braucht medizinische Betreuung. Den anwesenden Polizisten, die die Abschiebung durchführen sollen, ist die Angelegenheit Sepehris Bericht zufolge sichtlich lästig, weder die furchtbare Lage der beiden Frauen noch deren Gesundheitszustand interessieren sie, der zivilgesellschaftliche Protest, der sich zum Schutz der Frauen formiert, scheint ihnen keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Ärgernis. Ohne zu verallgemeinern wird hier wieder einmal überdeutlich, dass es in Deutschland Menschen in Polizeiuniform gibt, die dafür nicht geeignet sind.
Das Glück der Solidarität
Mit Mitteln des zivilen friedlichen Widerstands und der Mobilisierung öffentlicher, medialer und politischer Aufmerksamkeit gelingt es Daniela Sepehri und weiteren Aktivist*innen schließlich, die Abschiebung zu verhindern. Die beiden Frauen können Asyl beantragen, was von Anfang an ihr Recht war. Sie hatten das Glück, dass ihr Fall rechtzeitig publik wurde und viele Menschen sich solidarisch für sie eingesetzt haben. Unzählige andere haben dieses Glück nicht. Womit wir beim programmatischen Titel von Daniela Sepehris Buch sind: „Wenn ihr wegseht werden wir getötet. Ein Aufruf zu echter Solidarität mit den Menschen in Iran“.

Der Titel mag manchem wie eine Dramatisierung erscheinen, aber das ist er keineswegs. Er drückt eine Tatsache aus. Jeden Tag werden Menschen von Regimen wie dem in Teheran ermordet, einzig und allein, weil sie für ihre Rechte eintreten. Jedes Wegsehen unterstützt diese Regimes. Jedes Hinsehen wirft ihnen Steine in den Weg. Und rettet Leben. Es geht nicht zuletzt darum, einen demokratischen Staat daran zu erinnern, seine Werte nicht nur zu propagieren, sondern an seine Pflicht, für diese Werte einzustehen, so schwierig das manchmal auch sein mag. 2012 veröffentlichte Bahman Niroumand sein lesenswertes Buch „Menschenrechte als Alibi. Die Nahostpolitik des Westens muss glaubwürdig werden“. Wie Daniela Sepehri und auch andere zeigen, ist sie seither nur noch unglaubwürdiger geworden.
Anhand zahlreicher Beispiele zeigt Sepehri, wie der iranische Staat versucht, demokratische Ambitionen zu untergraben, zu diskreditieren und zu bekämpfen. Sie dokumentiert Fälle von Menschen, die aufgrund der Teilnahme an Demonstrationen, öffentlicher Äußerungen, ihrer Herkunft oder ihres Glaubens drangsaliert und marginalisiert oder in Schauprozessen zu teils jahrelangen Haftstrafen verurteilt werden, denen unter Folter falsche Geständnisse abgerungen und an denen dann Todesstrafen vollstreckt werden. Irans Haftanstalten für politische Gefangene sind voll mit den klügsten und progressivsten Köpfen des Landes.
Und Sepehri dokumentiert in zahlreichen Interviews, dass viele dieser Menschen einen unglaublichen Mut beweisen und sich teils unter widrigsten Bedingungen nicht brechen lassen, sondern selbst in Haft noch Widerstand leisten. Außerdem zeigt sie, wie wichtig das Engagement im Exil und dessen Unterstützung ist, und aus vielen Beispielen wird deutlich, wie kontraproduktiv das Regime agiert, wenn es Menschen im In- und Ausland angreift und zum Schweigen bringen will. Denn diese Methoden führen in aller Regel zum gegenteiligen Ergebnis: Sie bestätigen die Regimegegner nur darin, wie richtig und wichtig ihr Einsatz ist, und motivieren sie, sich noch stärker zu engagieren.
Kritik an deutschen Medien
Daniela Sepehri zeigt aber auch die Schwierigkeiten solchen Engagements auf und übt eine dringend notwendige fundamentale Kritik an hiesigen Medien, deren Berichterstattung oft genug unzureichend ist und verzerrte Bilder liefere. Zwar gibt es in der deutschen Medienlandschaft kompetente und kenntnisreiche Stimmen zum Thema Iran. Daniela Sepehri selbst zum Beispiel, aber auch Mina Khani, Farhad Payar oder Omid Rezaee liefern zuverlässig Einblicke in die komplexe Lage in Iran. Gelegentlich kommen auch Schriftsteller*innen im Exil zu Wort, allerdings viel zu selten. Die Regel ist aber eine eher oberflächliche Berichterstattung von Journalist*innen, die sich unzureichend auskennen und auf wenige schlagzeilenträchtige Ereignisse wie Großdemos oder Atomverhandlungen konzentrieren und dabei viel wichtigere Zwischentöne ausblenden oder zu oft gar nicht erst mitbekommen. Neben einer größeren Sensibilisierung braucht es noch öfter das Bewusstsein und die Bereitschaft, sich selbst zurückzunehmen und jenen das Wort zu geben, die den nötigen Einblick haben.
Sie demonstriert das an einigen Beispielen. Etwa, dass sie selbst und andere regelmäßig darauf hinweisen, dass Druck von außen, wie er zuletzt auch im US-israelischen Kriegseinsatz kumuliert, das Regime zwar punktuell treffen kann, dieses sich aber vor der eigenen Bevölkerung viel mehr fürchtet als vor äußeren Druck, selbst wenn er militärisch ist. Was sich seit fast fünfzig Jahren wiederholt daran zeigt, dass solche Situationen genutzt werden, um den Druck gegen die Opposition im Landesinneren zu erhöhen: Verhaftungen und Hinrichtungen nehmen zu. Und jedes Mal werden die auf Kenntnis und Erfahrung basierenden Warnungen in Deutschland nicht ernst genommen – bis sie sich abermals als richtig erweisen. Aktuell, im August 2026, gibt es gelegentliche Berichte in deutschen Medien über einzelne Hinrichtungen von Demonstrierenden in Iran. Beim deutschen Publikum wird der Eindruck erweckt, als seien das Einzelfälle. Tatsächlich finden aktuell fast täglich mehrere Hinrichtungen statt, ein andauerndes Massaker an Menschen, deren einziger Fehler es war, sich dem Regime friedlich entgegen zu stellen. Über deren viele große und kleine, oft gar sehr leise Protestformen im Alltag zu berichten, sagt Sepehri, könnte eher dazu beitragen, dass Menschen hierzulande verstehen, inwiefern der Konflikt zwischen iranischer Bevölkerung und dem Regime ein seit 1979 anhaltender Dauerkonflikt ist, und nicht etwas, das nur punktuell mal in größeren, fernsehtauglichen Demos ausbricht.
Bildung als Schlüssel
Iran bildet den Schwerpunkt des Buches. Daniela Sepehri nimmt sich aber auch die Zeit, auf die Unterdrückung in anderen Ländern und die darauf bezogenen Proteste und Engagements gegen Regime und Menschenrechtsverletzungen einzugehen, zum Beispiel in Syrien, wo sich die Gesamtlage seit Assads Sturz zwar verbessert hat, nun aber Islamisten an der Macht sind, die brutal gegen Kurden, Drusen und Alawiten vorgehen – was wiederum oft von deutschen Medien unzureichend betrachtet oder falsch eingeordnet wird. Ein Schlüsselsatz von Daniela Sepehris Buch lautet: „Bildung ist politisch. Nichts fürchten autoritäre Regime so sehr wie gebildete Menschen.“ Und, das schwingt darin natürlich mit, damit solche Regime gar nicht erst entstehen braucht es auch in demokratischen Staaten viel mehr Bildung, auch hier in Deutschland. Sepehris Buch trägt dazu bei, und es fordert zum Handeln auf. Im Großen ebenso wie im Kleinen. Das macht es zu weit mehr als einem kurzlebigen Debattenbeitrag, denn seine Botschaft, sich immer und überall für Menschenrechte und demokratische Werte einzusetzen, ist so zeitlos wie universell und ungebrochen wichtig.♦
Daniela Sepehri: Wenn ihr wegseht werden wir getötet. Ein Aufruf zu echter Solidarität mit den Menschen in Iran, 317 Seiten, Penguin Random House, München 2026.

