Humor als letzter Ausweg: Bahram Moradis Roman „Das Gewicht der anderen“
Gefängnisromane aus Iran gibt es viele. Aber selten wurde die Geschichte eines jungen Menschen, der in die Willkürmaschinerie eines brutalen Regimes gerät, so eindrücklich erzählt wie in Bahram Moradis von Sarah Rauchfuß meisterhaft übersetztem Roman „Das Gewicht der anderen“, der auf der Shortlist des diesjährigen Internationalen Literaturpreises steht.
Die Literaturen aus diktatorisch regierten Staaten sind naturgemäß reich an Gefängnisberichten, landet doch früher oder später fast jeder dort, der in Opposition zu den Herrschenden steht und es nicht rechtzeitig zu flüchten schafft. In Iran hat das eine lange Tradition. Bereits das Schah-Regime ging brutal gegen seine Gegner vor, das Mullah-Regime knüpft seit 1979 nahtlos daran an. Die schlimmste Phase spielte sich in den 1980er Jahren ab, als willkürliche Verhaftungen, Folter und Massenmorde an der Tagesordnung waren.
Der Schriftsteller Bahram Moradi, Jahrgang 1960, hat diese Zeit hautnah miterlebt und mit „Das Gewicht der anderen“ einen ebenso verstörenden wie atemberaubenden und literarisch ausgefeilten Roman darüber geschrieben.
Moradi, damals Schauspieler und Theaterregisseur, gelang in den Achtzigern die Flucht nach Deutschland, seit 1994 lebt er in Berlin. Erst jetzt ist erstmals eines seiner Bücher auf Deutsch erschienen. Es erzählt die Geschichte von Peyman Bamshad, der, gerade dreizehn Jahre alt, in die Mühlen der iranischen Gesinnungsjustiz gerät, weil er sich zufällig am Ort eines Anschlags auf Regimekräfte befindet. Obendrein wird er mit seinem älteren Bruder Pirouz verwechselt, der tatsächlich gegen das Khomeini-Regime kämpft, Peyman aber später verrät. Was folgt, ist eine neun Jahre währende Odyssee durch das Vakilabad-Gefängnis in Mashhad, bei der er zwischenzeitlich auch ins berüchtigte Evin-Gefängnis nach Teheran verlegt wird. Nicht alle verlassen diese Höllengruben zu jener Zeit lebend. Nach der Freilassung verbarrikadiert sich Peyman, seiner Jugend beraubt, im Keller seines Elternhauses, und versucht, das Durchlebte zu verarbeiten. Doch stattdessen verschmilzt er mit den traumatischen Erfahrungen, und der Keller, die Einsamkeit, die Haltlosigkeit werden zum Sinnbild seiner Existenz.

Er, der sich nie mit dem Regime angelegt hat, ein Kind noch, wird in engen, überbelegten Zellen erwachsen, wird wieder und wieder verhört und wochenlang gefoltert – von Menschen, die an der Wahrheit gar kein Interesse haben, sondern einerseits nur ihre Treue zu den Machthabern beweisen, andererseits ihren Sadismus ausleben wollen an Gefangenen, die sich nicht wehren können und denen kaum etwas bleibt als das innere Exil. Oder der ewige innere Widerstand: „In Vakilabad trug jeder Wunden mit sich herum, das wusste man. Sie wurden frisch gehalten, immer wieder ein Finger hineingelegt, um nicht zu vergessen. Niemalsjemals.“
Es sind aber gar nicht so sehr die zermürbenden Berichte über Folter und den alltäglichen Irrsinn, über Gewalt, Unterdrückung und Machtmissbrauch hinter Gittern, die diesen Roman so außergewöhnlich stark machen. Es sind zum einen die vielen kleinen Geschichten von Inhaftierten und darüber, wie sie mit ihrer Situation umzugehen versuchen; zum anderen ist es der unvergleichliche Humor, mit dem es Moradi wieder und wieder gelingt, dieses pseudoreligiöse Regime und seine Pervertierung alles Menschlichen ohne Kleider dastehen zu lassen. Er zeichnet das Regime und seine Handlanger in all ihrer grandiosen Lächerlichkeit und zeigt, dass diejenigen, die entmenschlichen wollen, tatsächlich selbst keinerlei Menschlichkeit mehr haben. Und auch sonst nichts im Leben.
Vor allem sprachlich entwickelt der Roman schon nach wenigen Seiten einen atemlosen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Moradi findet stets den richtigen Ton, zieht uns zusammen mit Peyman in einen stotternden, delirierenden Albtraum, als dieser beispielsweise einen Monat lang in eine winzige Kiste gepfercht wird und dabei jedes Gespür für sich und die Welt verliert. Er trifft die Stimmen all der so unterschiedlichen Charaktere und ihrer Marotten, die Peyman im Laufe der Jahre kennenlernt, und schafft es durch Satzbau und Wortwahl, selbst die Lesegeschwindigkeit vorzugeben wie ein Dirigent, dessen Orchester die Leserinnen und Leser sind. Man kann nur ahnen, welch gewaltige Aufgabe es war, dieses Buch aus dem Persischen ins Deutsche zu übertragen, und Übersetzerin Sarah Rauchfuß gelingt es virtuos. Die deutsche Übersetzung dieses Romans ist eine Meisterleistung für sich und hätte Literaturpreise verdient.
„Das Gewicht der anderen“ ist nicht nur hohe Kunst, ein Sprachmeisterwerk, sondern auch eine schallende Ohrfeige aus dem Exil gegen ein Regime, das seit mehr als 45 Jahren ein Land zu knebeln versucht, das für die Männer mit den Turbanen nur Verachtung übrig hat – und das sich nicht zum Schweigen bringen lässt, egal, wie sehr das Regime auch um sich schlägt. Es ist aber auch ein Roman, der etwas Allgemeingültiges hat, über sich selbst hinaus weist, denn letztlich ist ja nicht nur die iranische, sondern jede Diktatur so: ein nackter Kaiser mit nichts als einem primitiven Knüppel. Es sind Bücher wie dieses, die gemeint sind, wenn wir von Weltliteratur sprechen.
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