Krieg, Öl und die zerstörte Zukunft der Fischer von Jask

Jask sollte eine der großen Zukunftsregionen Irans werden. Politiker sprachen von einem „geopolitischen Schlüsselpunkt“, von Ölterminals, internationalen Handelsrouten und einem wirtschaftlichen Aufbruch an der Makran-Küste. Heute steht die Hafenstadt in der südiranischen Provinz Hormuzgan am Golf von Oman vor einer anderen Realität: verbrannte Fischereiboote, arbeitslose Seeleute und ein Meer, das vielen nur noch Angst macht. 

Von Farhad Fatemi

Nach Berichten des iranischen Nachrichtenportals Asr-e Iran wurden beim Raketenangriff auf den Hafen von Jask am 2. März rund 90 bis 100 Fischereiboote zerstört. Augenzeugen berichteten von vier Tage anhaltendem Feuer. Abdollah, ein Fischer aus Jask, stand am Abend des Angriffs auf dem Deck seines kleinen Bootes, als auf der anderen Seite des Hafens die ersten Explosionen zu hören waren. „Der Wind trieb das Feuer von Boot zu Boot“, erzählte er Asr-e Iran. „Die Schiffe explodierten nacheinander.“

Vier Tage lang brannten die Lenjs, die traditionellen Hochsee-Fischerboote aus Holz. Schwarzer Rauch lag über dem Hafen, verkohlte Wracks sanken auf den Meeresgrund. Die meisten Boote waren erst wenige Tage zuvor von ihren Fangfahrten aus den Gewässern vor Somalia und Indien zurückgekehrt. Die Kühlräume waren geleert, die Mannschaften nach Hause gefahren. Für viele Fischer bedeutete der Angriff das Ende ihrer wirtschaftlichen Existenz.

Milliardenverluste und tausende Arbeitslose

Mahmoud, Besitzer eines der größten Lenjs in Jask, hatte kurz zuvor rund 25 Milliarden Toman – umgerechnet etwa 167.000 Euro – in Motoren, Netze und Kühltechnik investiert, so berichtet Asr-e Iran. Sein Schiff konnte bis zu 2.500 Kilometer weit aufs offene Meer fahren. Wenige Tage vor dem Angriff war seine Crew mit 160 Tonnen Fisch zurückgekehrt. Kurz darauf wurde das Schiff zerstört. „Mein ganzes Leben ist in diesem Feuer verbrannt“, sagt Mahmoud.

Nach lokalen Schätzungen lag vor dem aktuellen Krieg der Wert eines modernen Hochsee-Lenjs bei rund 150 Milliarden Toman – etwa einer Million Euro. Hinzu kommen Netze und technische Ausrüstung im Wert von weiteren fünf Milliarden Toman. Viele Boote waren über Kredite finanziert.

Ein anderer Bootsbesitzer berichtet von einem Verlust von insgesamt rund 400 Milliarden Toman – etwa 2,7 Millionen Euro. Allein zwei Schiffsmotoren hätten ihn rund 60 Milliarden Toman gekostet. 

Mit den zerstörten Schiffen verschwanden auch Tausende Arbeitsplätze. Jedes Lenj beschäftigt etwa 30 bis 45 Seeleute. Viele von ihnen stammen aus armen Regionen wie Konarak, Chabahar oder Bashagard. „Wenn es keine Boote gibt, gibt es kein Brot“, sagt Abdollah.

Nach Angaben lokaler Fischer verloren mehr als 3.000 Seeleute ihre Einkommensquelle. Werkstätten, Kühlhäuser, Netzbauer, Elektriker, Transporteure und Händler entlang der Küste wurden ebenfalls in die Krise gerissen.

Das „geschlossene Meer“

An der Küste Hormuzgans sprechen die Menschen seitdem von „Daryabast“ – einem „geschlossenen Meer“. Über Wochen fuhr kaum noch ein Boot hinaus. Besonders hart trifft die Krise die kleinen Küstenfischer. Viele besitzen keine offizielle Lizenz und erhalten deshalb keinen subventionierten Treibstoff. Benzin muss auf dem Schwarzmarkt gekauft werden, inzwischen zu Preisen, die jede Fangfahrt zum Verlustgeschäft machen.

Ein Fischer aus Bandar Hosseineh berichtet, dass sich die Benzinkosten dort seit dem Krieg vervierfacht hätten. Gleichzeitig seien die Ankaufspreise für Fisch stark gefallen.

Viele Fischer verkaufen inzwischen ihre Boote oder Motoren auf Onlineplattformen – oft weit unter Wert. „Warum sollte jemand ein Boot kaufen?“, fragt ein Fischer bitter. „Ohne Benzin kann niemand arbeiten.“

Angst auf See

Doch die wirtschaftliche Krise ist nur ein Teil des Problems. Viele Fischer haben inzwischen Angst vor dem Meer selbst. Mehrere Seeleute wurden in den vergangenen Wochen getötet, als Drohnen ihre Boote trafen. Besonders gefährlich ist die nächtliche Fischerei auf Pferdemakrelen, bei der starke Scheinwerfer verwendet werden. „Wir haben Angst, dass die Lichter der Boote aus der Luft als Ziel betrachtet werden“, sagt ein Fischer.

Viele Seeleute sind nicht versichert. Andere berichten, dass Versicherungen trotz hoher Beitragszahlungen Kriegsschäden nicht übernehmen würden. Zugleich werfen einige Bewohner den Behörden vor, zivile Hafenanlagen nach der Zerstörung militärischer Einrichtungen zeitweise auch militärisch genutzt zu haben.

Vom Fischereihafen zum Energiezentrum

Die Ereignisse treffen Jask zu einem Zeitpunkt, an dem die Regierung große Entwicklungspläne für die Region verfolgt. Noch im vergangenen Dezember erklärte der Gouverneur von Hormuzgan, Mohammad Ashouri Taziani, Jask habe „eine besondere geopolitische Bedeutung für die Zukunft des Landes“. Großprojekte im Energie- und Infrastrukturbereich sollten die Region zu einem neuen Zentrum der iranischen Wirtschaft machen. 

Besonders wichtig ist dabei die Pipeline Goreh–Jask. Sie transportiert iranisches Öl direkt an das arabische Meer und soll Exporte unabhängig von der Straße von Hormuz ermöglichen. Geplant waren außerdem neue Industriegebiete, Hafenanlagen und Logistikzentren. 

Für viele Bewohner klingt das inzwischen wie eine ferne Zukunftsvision. Sehr wahrscheinlich auch für die Regierenden. Denn die Machthaber sind derzeit untergetaucht und kämpfen selbst ums Überleben. Unvorstellbar, dass sie jetzt noch von Geopolitik und Energieexporten träumen. 

Fotos: Etemad