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Steiniger Weg in die Weltwirtschaft

Seit der Aufhebung der Wirtschaftssanktionen gegen den Iran im Januar besuchten viele europäische Wirtschaftsdelegationen das Land. Doch der erwartete große Aufschwung blieb bisher aus. Eine Analyse des Wirtschaftsberatungsunternehmens KPMG trägt zusammen, welche Chancen und Risiken der iranische Markt deutschen Unternehmen bietet. mehr »

„Made in Germany“ hat im Iran einen hohen Stellenwert. Laut einer aktuellen Analyse des Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmens KPMG* stammen 30 Prozent der industriellen Infrastruktur im Iran aus Deutschland. Das Interesse, diese Anlagen künftig mit deutscher Hilfe zu erneuern, sei groß, heißt es in der Ende März veröffentlichten KPMG-Analyse „Auf in den Iran?“. Darin wird der iranische Markt aufgrund des hohen Bruttoinlandsproduktes von derzeit 1.383 Milliarden US-Dollar, der jungen, gut ausgebildeten Bevölkerung und den Importmöglichkeiten als „exzellent“ bewertet. Vor allem deutsche Logistik-, Bau- und Automobilunternehmen, die Agrarindustrie, die Petrochemie sowie der Maschinen- und Flugzeugbau könnten von den Verbindungen profitieren, die sich lange vor dem Embargo etabliert hatten. Doch, so legt es die Studie nahe: Es gibt wenig Grund, auf diese Wettbewerbsvorteile zu vertrauen.

Die Konkurrenz

Während des irakisch-iranischen Krieges - 1980 - 88 - wurde die iranische Ölindustrie schwer beschädigt. Wegen der Sanktionen war eine Erneuerung aller Anlagen nicht möglich. Foto: Ölraffinerie Teheran im Jahr 1986.

Während des irakisch-iranischen Krieges – 1980 – 88 – wurde die iranische Ölindustrie schwer beschädigt. Wegen der Sanktionen war eine Erneuerung aller Anlagen nicht möglich. Foto: Ölraffinerie Teheran im Jahr 1986.

Auf seiner ersten Europareise nach der Aufhebung der Sanktionen vereinbarte der iranische Präsident Hassan Rouhani mit seinem französischen Amtskollegen und Italiens Ministerpräsident Geschäfte in Milliardenhöhe. Auch wenn viele dieser Vereinbarungen nur Absichtserklärungen waren, darf man nicht übersehen, dass Frankreich und Italien vor dem Embargo ebenfalls wichtige Handelspartner des Iran waren. Die KPMG-Studie weist darauf hin, dass eine Herausforderung für den Erfolg der deutschen Automobilindustrie im Iran in der Beliebtheit französischer Autohersteller liegt. Auch China dränge mit Produkten aus dem Niedrigpreissegment auf den iranischen Automarkt. Die deutsche Chemieindustrie, von der etwa drei Viertel aller petrochemischen Anlagen im Iran stammen, könnte, so die Studie, zwar hervorragend von der Aufhebung der Sanktionen profitieren – wenn sich während der Sanktionen nicht bereits die Chinesen in diesem Sektor etabliert hätten. Der gesamte Außenhandel des Iran habe sich in dieser Zeit nach Asien verlagert – und es sei damit zu rechnen, dass die chinesische Wirtschaft ihre Position verteidigen werde, so dass sich eine Rückverlagerung der Handelsbeziehungen nach Europa kompliziert und mühsam gestalten werde.

Einschränkungen und Verbote

Im Zuge des Atomabkommens wurden viele Sanktionen aufgehoben, aber noch nicht alle. Es ist jetzt zwar wieder erlaubt, Erdöl und Erdgas aus dem Iran zu kaufen und entsprechende Öltanker zur Verfügung zu stellen sowie Geld, Gold und Edelsteine zu transferieren, aber vieles geht eben noch nicht. So darf Deutschland einem seiner lukrativsten Geschäftszweige, dem Rüstungsexport, im Iran nicht nachkommen: Das Embargo für Waffen und Raketentechnologie bleibt weiterhin bestehen. Andere Güter wie beispielsweise Softwareprodukte für die Unternehmensressourcenplanung, bestimmte Grafite, Rohmetalle und Metallhalberzeugnisse, ebenso Produkte, die zur Urananreicherung dienen, unterliegen laut dem Bundesministerium für Wirtschaft einer Genehmigungspflicht. So rät der Zollexperte der KPMG, Kay Masorsky, den Unternehmen, „genau zu prüfen, was sie exportieren und importieren möchten und mit welchen Firmen sie zusammenarbeiten wollen“.

Noch ein Stolperstein

Eine weitere Sanktion, die bis April 2017 verlängert wurde, ist die Verordnung Nr. 359/2011 des EU-Rates vom 12. April 2011. Sie besagt, dass „die Gelder und wirtschaftlichen Ressourcen bestimmter Personen, die für schwere Menschenrechtsverletzungen in Iran verantwortlich sind, eingefroren werden“. Diese Liste umfasst 82 Personen: ranghohe Richter, Polizeichefs und Kommandeure der paramilitärischen Einheiten der Revolutionsgarde und der Bassidsch. Ihnen werden keine EU-Visa ausgestellt, Geschäfte mit ihnen und ihren Firmen stehen unter Strafe.

"Lifan 620", ein bei IranerInnen begehrtes Auto - Made in China

„Lifan 620“, ein bei IranerInnen begehrtes Auto – Made in China

Daraus ergibt sich eine wirtschaftliche Besonderheit, die es westlichen Unternehmen nicht einfach macht, herauszufinden, mit wem welches Geschäft möglich ist. Denn zwischen 1979 und 2011 haben es die führenden Köpfe der Revolutionsgarde geschafft, wirtschaftliche Macht zu erlangen und sich so zu etablieren. Sie kontrollieren heute, so die Analyse der KPMG, einen Großteil des Erdöl- und Gasgeschäfts und sind im Baugeschäft und Importhandel vertreten. Hinzu kommt, dass sie als erzkonservativ gelten und die wirtschaftlichen Öffnung des Iran als Bedrohung ihres Marktes ansehen. (Vgl. dazu auch iranjournal.org/politik/der-lange-weg-auf-den-iranischen-markt und iranjournal.org/politik/kritik-revolutionsgarde-erhitzt-web-gemueter).

Das bedeutet, dass Investitionen zur Modernisierung des Straßennetzes, von Hafenanlagen und Flughäfen einerseits laut BMI Research ein Wachstum von vier Prozent bis 2020 versprechen, aber aufgrund der Ablehnung durch die Revolutionsgarde und wegen deren eingefrorener Gelder nicht durchgeführt werden können.

Fazit

Letztlich rät die Fokusanalyse der KPMG den deutschen Firmen, die von den alten Verbindungen, dem Renommee „deutscher Wertarbeit“ und den zu erwartenden hohen Gewinnspannen des iranischen Marktes profitieren wollen, sich zu beeilen, da sich bereits chinesische, russische, italienische und französische Unternehmen ihre Marktanteile sichern. Andererseits sei äußerste Vorsicht geboten, da die Rechtslage extrem komplex und direkt an die Außen- und Innenpolitik der iranischen Regierung gekoppelt sei.

  SHIRIN SOLTANI

*Die KPMG ist ein globales Netzwerk, das durch die Fusion rechtlich selbständiger und unabhängiger Prüfungs- und Beratungsgesellschaften aus den Niederlanden, Großbritannien, den Vereinigten Staaten und Deutschland in den 1980er Jahren entstanden ist. Die Genossenschaft mit Sitz in Zug / Schweiz zählt zu den sogenannten Big Four unter den internationalen Prüfungsgesellschaften für WirtschaftsprüfungSteuerberatung und Unternehmens- bzw. Managementberatung.  

Quellen:

assets.kpmg.com/content/dam/kpmg/pdf/2016/03/160323-intbusiness-inv-im-iran-sec.pdf

home.kpmg.com/de/de/home/themen/2016/02/was-im-iran-moeglich-ist.html

bundeswehr-journal.de/2015/ruestungsexportbericht-2014-mit-licht-und-schatten/

ausfuhrkontrolle.info/ausfuhrkontrolle/de/embargos/iran/

ausfuhrkontrolle.info/ausfuhrkontrolle/de/embargos/iran/verordnungen/vo2011_359.pdf

ausfuhrkontrolle.info/ausfuhrkontrolle/de/embargos/iran/durchfuehrungsverordnung/dvo2016_556.pdf