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Die politischen SerienmordeZwei Stunden Schweigen

Zum zwanzigsten Todestag von Dariush Forouhar und Parvaneh Eskandari in Teheran. mehr »

Von Nasrin Bassiri

Die renommierte iranische Künstlerin Parastou Forouhar lebt seit knapp drei Jahrzehnten in Deutschland. Doch jedes Jahr im November fährt sie in den Iran, um ihrer Eltern zu gedenken, die am 22. November 1998 vom iranischen Geheimdienst in ihrem Wohnhaus bestialisch ermordet wurden.

Forouhars Eltern setzten sich für die Unabhängigkeit des Iran ein und waren Weggefährten und Anhänger des Premierministers Mohammad Mossadegh. Bereits 1950 war der 22jähirge Dariush Forouhar während einer emotionalen Rede zur Verstaatlichung der iranischen Ölindustrie festgenommen worden.

Der CIA stürzte die demokratische Regierung Mossadeghs im Sommer 1953 durch einen Putsch. Der junge Forouhar leistete Widerstand, das Putschkomitee setzte auf seinen Kopf, tot oder lebendig, eine Belohnung aus. Er kam ins Militärgefängnis und wurde anschließend verbannt. In der gleichen Zeit malte die 15jährige Parvaneh Eskandari Parolen gegen die Putschisten an die Wände ihrer Schule. Auch sie wurde verhaftet.

Später lernten sie sich im Zuge ihrer politischen Aktivitäten kennen und heirateten.

Das Paar war in seinem politischen Engagement unnachgiebig. So legte man ihnen nahe, den Iran für immer zu verlassen; doch sie weigerten sich. Es kam zu erneuten Verhaftungen. Daryush Forouhar war öfter im Gefängnis als bei seiner Familie.

Einige Wochen vor der islamischen Revolution im Iran im Jahr 1979 flog Dariush Forouhar nach Paris, um sich mit Ayatollah Ruhollah Khomeini zu treffen. 18 Tage später kehrte er gemeinsam mit ihm in den Iran zurück. In der provisorischen Regierung nach der Revolution wurde Forouhar Arbeitsminister.

Politisch motivierte Serienmorde

Im Sommer 1997, knapp 20 Jahre nach der Revolution, erholt der Iran sich von den Folgen des Kriegs gegen den Irak. Das digitale Zeitalter erfasst breite Teile der Bevölkerung, die Zivilgesellschaft formiert sich, Proteste fordern Öffnung und Demokratisierung. Im Sommer 1997 wird Mohammad Chatami als erster Reformer zum Präsidenten gewählt. Er versucht, einen „Dialog der Kulturen“ voranzubringen und das Land in Richtung Westen zu öffnen. Eineinhalb Jahre nach Chatamis Wahl schlagen die Hardliner zurück. Politisch motivierte Entführungen, Anschläge und Morde an Oppositionellen, Intellektuellen und Schriftstellern wurden begangen. Der Mord an den Forouhars löste endgültig die Alarmglocken aus, obwohl bereits davor Intellektuelle entführt und ermordet worden waren. Der Fall gilt als Startschuss für eine Mordserie, der prominente Dichter und Denker zum Opfer fielen. Offensichtlich wollten die Hardliner dadurch mit dem Reformpräsidenten abrechnen, der Demokratisierung und Öffnung verkündete. Der brutale Anschlag auf das Ehepaar Forouhar, das mit 35 Messerstichen getötet wurde, schlug wie eine Bombe ein.

Dariush Forouhar (li.) bei einer Rede während der Regierungszeit von Mohammad Mossadegh

Dariush Forouhar (li.) bei einer Rede während der Regierungszeit von Mohammad Mossadegh

 

Kurz darauf folgende Entführungen wie die der Schriftsteller und Aktivisten im Schriftstellerverband Mohammad Mokhtari und Mohammad Jafar Pouyandeh riefen im In- und Ausland Proteste hervor. Chatami beauftragte ein vom Informationsministerium unabhängiges Untersuchungsteam, herauszufinden, von wem und in wessen Auftrag die Taten ausgeführt wurden. Nach ausführlichen Recherchen teilte das Team mit, die Morde seien von Kreisen innerhalb des Informationsministeriums unter Beteiligung hochrangiger Geheimdienstler in Auftrag gegeben und ausgeführt worden. Der damalige Informationsminister Dorri Najafabadi wurde daraufhin abgesetzt.

Im Herbst 2000 begann der Prozess gegen die vermeintlichen Täter und Drahtzieher. Doch er brachte kein Licht ins Dunkel. Achtzehn Beamte des Informationsministeriums waren angeklagt, ein hochrangiger Geheimdienstler, Saeed Emami, nahm sich als vermeintlicher Drahtzieher im Gefängnis angeblich das Leben. Doch so wurden die Spuren verwischt, die nach ganz oben zu den eigentlichen Drahtziehern hätten führen können.

Erst am 1. Oktober 2000, etwa zwei Jahre nach dem Mord an ihren Eltern, erhielten Parastou Forouhar und ihre Anwältin, die spätere Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi, die Möglichkeit zur Einsicht in die Gerichtsakten. 10 Tage lang täglich fünf Stunden durften sie die Akten lesen und abschreiben, kopieren oder fotografieren durften sie sie nicht.

Gedenkveranstaltungen am Tatort

Die iranische Flagge an der Stelle, wo der leblose Körper von Parvaneh Eskandari lag

Die iranische Flagge an der Stelle, wo der leblose Körper von Parvaneh Eskandari gefunden wurde

Das Haus der Forouhars liegt im Zentrum Teherans. Bis 2017 mussten Freunde, Verwandte und Weggefährten der Getöteten, die an Parastou Forouhars jährlichem Gedenken an die Ermordung ihrer Eltern teilnehmen wollten, sich dem Ort trotz der Verbote der Behörden nähern. Stets sperrten Sicherheitskräfte alle Wege zu dem Wohnhaus weiträumig ab. Fußgänger in der Umgebung des Hauses wurden befragt, wohin sie wollten und ob sie in der Nachbarschaft wohnten. Wer dennoch versuchte, ins Haus zu gelangen, wurde mit Tränengas oder tätlichen Angriffen attackiert. Geheimdienstler in Zivil bewachten, getarnt als Journalisten, Fotografen oder Filmer, die PassantInnen.

2017 wurde die Gedenkveranstaltung erstmals nicht verboten. Zwei Stunden lang wurde der Ermordeten schweigend gedacht, um nicht die vorzeitige Beendigung der Veranstaltung zu riskieren. Dann wurde „Ey Iran“, eine nicht offizielle Nationalhymne des Landes, gesungen. Das Lied wurde 1944 geschrieben, als der Iran von ausländischen Mächten besetzt war. Nach der Revolution war das Lied Jahrzehnte lang verboten. Doch während des Iran-Irak-Krieges (1980 – 1988) wurde die Hymne, eine Liebeserklärung an das Land, rehabilitiert und Soldaten vorgespielt.

Diese Zeremonie wiederholte sich auch am 20. Jahrestag der Ermordung des Politikerehepaars Frouhar am 22. November 2018.

Anklage gegen Parastou Forouhar

Nur wenige Tage nach der Gedenkfeier 2017 wurde Parastou Forouhar wegen „Propaganda gegen das islamische System“ und „Blasphemie“ vor Gericht gestellt und im Frühsommer 2018 zu sechs Jahren Haft auf Bewährung verurteilt.

Farideh Oladghobad, Fatemeh Hosseini, Parvaneh Mafi und Tayyebeh Siawoshi sowie Mahmoud Sadeghi und Bahram Parsaie – vier weibliche und zwei männliche Mitglieder des iranischen Parlaments aus Teheran – richteten am 8. Mai 2018 eine Anfrage an den iranischen Informationsminister Mahmoud Alavi, in der sie ihm vorwarfen, „statt die Mörder der Eltern von Parastou Forouhar zu ermitteln, nun Klage gegen diese erhoben zu haben, die lediglich eine Gedenkveranstaltung für ihre Eltern organisiert hat“. Der Abgeordnete Mahmoud Sadeghi fragte den Minister, wie er mit dem rechtswidrigen Verhalten seiner Mitarbeiter gegenüber Forouhar umgehen wolle. Tatsächlich kündigte der Minister daraufhin an, gegen diese Mitarbeiter vorgehen zu wollen, und bald über Einzelheiten im Parlament zu berichten. Sadeghi bestätigte, es sei vereinbart, „dass das Ministerium uns über Einzelheiten der diesbezüglichen rechtlichen Schritte informiert“.

Ali Motahari, der stellvertretende Vorsitzende des iranischen Parlaments und Sohn eines engen Weggefährten ٍRuhollah Khomeinis, kritisierte die Justiz wegen ihres Vorgehens gegen Parastou Forouhar. Er bedankte sich bei Nachrichtendiensten und Informationsministerium, weil diese die Gedenkveranstaltung erstmals zugelassen hatten, und kritisierte „eifrige Bedienstete, die beim Holen des Hutes gleich den Kopf mitbringen“: Das passe nicht zu einem islamischen Staat. Es sei „wichtig“, so Motahari, „dass man sich in solchen Fällen entschuldigt und den Opfern Entschädigung anbietet, statt dies als das Recht des Staates zu betrachten“.

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