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Ein Land wird depressiv

Trauertage werden im Iran staatlich gefeiert. Fröhliche Feierlichkeiten wie das Neujahrsfest Nouruz finden dagegen keine offizielle Beachtung. Iranische Experten warnen vor den Konsequenzen einer traurigen Lebensweise und fordern Maßnahmen zur kollektiven Erheiterung. mehr »

Die Menschen sollten deshalb jede Gelegenheit nutzen, um kollektiv Freude zu empfinden, rät der Berater der Wohlfahrtsorganisation Moussavi Tschalak. Kann man das aber in die Tat umzusetzen?

2011 organisierten einige Jugendliche über Facebook eine Wasserpistolen-Schlacht in einem Park in Teheran. Als Bilder davon in sozialen Netzwerken und Medien veröffentlicht wurden, wurden solche Spiele für „unislamisch“ erklärt, ähnliche Versammlungen polizeilich aufgelöst und die Teilnehmer festgenommen.

2014 sorgte die Verhaftung mehrerer Jugendlicher, die im Rahmen einer internationalen Kampagne zum Lied „Happy“ des US-Sängers Pharrell Williams ein Video gedreht hatten, für Empörung. Nach der Veröffentlichung des Clips, der die Gruppe beim Tanzen auf dem Dach eines Gebäudes und auf der Straße zeigte, mussten die Teilnehmer vor laufender Kamera Reue zeigen. Ihnen wurden unter anderem außereheliche sexuelle Beziehungen unterstellt – was im Iran unter Strafe steht und Verdächtige öffentlich in Verruf zieht.

Kurzfristige Absagen von Konzerten, die eigentlich bereits genehmigt sind, sind zur Normalität geworden. In bestimmten Städten wie etwa der Pilgerstadt Maschhad, in der sich der Schrein des achten Imams der Schiiten, Ali Ibn Musa ar-Rida, befindet, werden nicht nur westliche Musikrichtungen wie Pop oder Rock, sondern auch Konzerte traditioneller iranischer Musik nicht geduldet. Die Zusammenkunft von Frauen und Männern bei einem Konzert, das mit Freude verbunden ist, halten die meisten Ayatollahs für unmoralisch und „gegen die islamischen Werte“.

Selbstgeißelung am Todestag des dritten schiitischen Imams Hossein in Teheran

Selbstgeißelung am Todestag des dritten schiitischen Imams Hossein in Teheran

 

Fördert der Islam die Depression?

Und noch eine andere Vorgehensweise des ideologischen Regimes trägt zum sozialen Unmut bei. Die Islamische Republik teilt das Volk rhetorisch und praktisch in „gute“ und „schlechte“ BürgerInnen ein, in „die zu uns Gehörenden“ und „die nicht zu uns Gehörenden“. Wer sich nicht den Vorstellungen der Machthaber entsprechend benimmt, gehört zu den „Schlechten“.

In einer so stark polarisierten Gesellschaft fehlten die Wahlmöglichkeiten, meint der Psychologe Mehdi Moslemifar. Wer frei leben wolle, sitze zwischen zwei Stühlen: den gesellschaftlichen Normen und dem eigenen Willen. Oft griffen Menschen dann zu Drogen, um sich zu „befreien“, oder gingen fremd, um ihr Sexualleben nach eigenem Geschmack gestalten zu können. Das könne zu Identitätskrisen und psychischen Störungen führen, so Moslemifar im Interview mit Fararu.

Der Berater der nationalen Wohlfahrtorganisation Moussavi Tschalak schlägt deshalb vor, dass etwa das alte zoroastrische Feuerfest, das am letzten Dienstagabend jedes Jahres gefeiert wird, zum Anlass für kollektive Freude werden könne. Bei diesem Fest springen die Menschen über ein Feuer, um sich so im kommenden Jahr Gesundheit zu sichern. Doch das Fest hat sich nach der Islamischen Revolution 1979 in Folge polizeilicher Maßnahmen eines Regimes, das keine freudige Versammlung von Männern und Frauen duldet und das Fest als „Anbetung des Feuers“ verabscheut, immer mehr von einem friedlichen und fröhlichen zu einem gefährlichen Fest entwickelt. Tradition und Hintergründe des Feiertags wichen der Freisetzung angestauter Energie von Jugendlichen, die immer gefährlichere Feuerwerkskörper ausprobieren. Beim diesjährigen Feuerfest am vergangenen Dienstag gab es im Iran dadurch vier Tote und über 1.500 Verletzte.

Nouruz, das iranische Neujahrsfest, könnte ein besserer Anlass für kollektive Freude sein, meinen Psychologen und Soziologen. Das mehr als zweitausend Jahre alte Familienfest, das den Frühlingsbeginn ankündigt und dreizehn Tage dauert, ist mit einigen Sitten und Bräuchen verbunden. So besuchen sich die Menschen gegenseitig und beschenken sich mit Geld und Süßigkeiten. Doch seit Jahren bereitet gerade dies vielen Menschen auch Sorgen, denn ihre Familienmitglieder sind zahlreich, das Geld aber ist knapp.

Immerhin: Präsident Hassan Rouhani hat in seiner diesjährigen Neujahrsansprache den IranerInnen Mut gemacht, es werde ihnen in finanzieller Hinsicht besser gehen, und seine Regierung werde sich für mehr Heiterkeit besonders für die Jugendlichen einsetzen.♦

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