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„Habt keine Angst, wir stehen alle zusammen“

Die deutsch-iranische Künstlerin Parastou Forouhar kämpft seit Jahren für die Aufklärung der Morde an ihren Eltern, dem Politikerehepaar Dariush und Parvaneh Forouhar. Ende 2017 verurteilte ein Gericht in Teheran Parastou Forouhar wegen ihrer Kunstwerke zu sechs Jahren Haft auf Bewährung. Ein Parlamentarier versprach daraufhin, die Regierung zu fragen, warum aus einer Anklägerin eine Verurteilte wurde. Iran Journal wollte wissen, was aus diesem Versprechen wurde. Hier die Antwort, die zu einem Bericht über Forouhars Reise und die neuen Unruhen im Iran geworden ist. mehr »

Meine Aufenthalte in Teheran sind aber bei weitem nicht auf solche Erlebnisse zu begrenzen. Ich möchte meine Erfahrungen in dieser Stadt nicht auf die „Landkarte des Unheils“ reduzieren. Teheran erlebe ich immer als Gleichzeitigkeit der extremen Gegensätze. Die einseitige Wiedergabe dieses Zustands würde dessen komplexe Realität verfälschen.

Wenn man sich in den Alltag Teherans begibt, begegnet man Menschen, die sich in einer extrem schwierigen Lebenssituation trotz allem bemühen, die Zukunft zu retten. Man trifft Menschen, die versuchen, in einem falschen Zustand ihren Anstand zu bewahren, richtig zu handeln. Und Menschen, die sich bemühen, die Situation aus der Falle zu ziehen.

Eine der Parolen der Demonstranten, die auch während der Grünen Bewegung im Jahr 2009 gerufen wurde, lautete: „Habt keine Angst, wir stehen alle zusammen.“ Dieser an sich selbst gerichtete Appell einer Gemeinschaft ist zutiefst menschlich und mitreißend. Sich gegenseitig zu ermutigen und im Zusammenhalt Kraft zu suchen, um die Krise durchstehen zu können: Solche Energien erlebt man nicht nur im Angesicht der Schlägertrupps des Regimes, sondern auch im erschwerten Alltag einer von Ungerechtigkeit, Korruption und Armut gezeichneten Stadt. In Teheran begegnet man einem weit verbreiteten zivilen Engagement, das den falschen und faulen Strukturen der Macht trotzt. Man begegnet der Angst in Teheran – aber auch ihrer Überwindung.

Angst ist ein Unheil im menschlichen Körper und in der Seele. Vor meiner Reise nach Teheran und in den Monaten, während derer ich wusste, dass ich dort vor Gericht stehen sollte, hatte ich große Sorge um mich. Mehr als sonst. Ich dachte daran, gefährdet zu sein, an meine Angst, an die Vereinnahmung durch diese Angst, und daran, allein zu sein mit ihr.

Aber diejenigen, die sich diese schöne Parole ausgedacht haben, haben Recht. Das Erfahren von Solidarität vertreibt die Angst.

Nicht ich selbst, sondern die anderen haben mich vor meiner Angst beschützt. Auf dieser Reise habe ich viel Solidarität erfahren, vielleicht mehr als sonst. Das Gefühl der Isolation, das sich mir manchmal aufdrängt und mich abkapselt, tauchte kaum auf. Ich spürte, dass ich diesmal mehr verstanden und begleitet wurde, von nahem und weitem.

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Zwei Stunden Schweigen und Andenken

Am 22. November, dem Todestag meiner Eltern, hatte ich wie gewohnt zu einer Versammlung in deren Haus aufgerufen. Um einem Verbot entgegenzuwirken, hatte ich dieses Mal die Zeremonie unter dem Motto „Zwei Stunden Schweigen und Andenken“ angekündigt. Schon am Vormittag standen die Sicherheitskräfte in Uniform und Zivil in unserer Straße und den engen Gassen des umliegenden Altstadtviertels. Seit dreizehn Jahren wird an diesem Tag eine Barrikade um das Haus errichtet, um ein Verbot der Versammlung durchzusetzen. Die Beamten, die mir dieses Verbot jedes Jahr mitteilen, begründen den Beschluss mit der „Konterrevolution“. Sie, so heißt es, würde die Zeremonie zum Anlass für „Propaganda gegen das System“ nehmen und Opportunisten würden die Zeremonie zum Skandieren von Parolen gegen das System missbrauchen. Auch von Verkehrsproblemen und Lärmbelästigung ist die Rede.

Diesmal aber war die Polizeipräsenz durchlässig. Als die ersten Besucher unerwartet durchkamen, verbreitete sich die Nachricht davon schnell in den sozialen Netzwerken. In Kürze war das Haus überfüllt mit Menschen. Die Anzahl der Jüngeren war überwältigend. Sie standen eng beieinander, in den Zimmern und Gängen und im Hof. Das Schweigen war erfüllt mit der Präsenz ihrer Gemeinschaft, ihrer Neugier auf den verbotenen Erinnerungsraum, ihrer Courage zum Widerstand gegen das Vergessen und die Gleichgültigkeit. Einer der Anwesenden, ein junger Mann, erzählte mir, dass er vor neunzehn Jahren geboren wurde. In eben jenem Monat, in dem meine Eltern getötet wurden.

„Als ich zur Welt kam, waren sie schon tot“, sagte er. „Mein Geburtstag ist mit ihrem Todestag, mein Leben ist mit ihrem Schicksal verbunden.“ Er sei gekommen, um diesen Ort zu sehen, mehr von dem Leben der Toten zu erfahren. Er möchte die Zusammenhänge verstehen.

Ich habe ihn angeschaut, um ihn in meinem Gedächtnis festzuhalten. Und um mich später, wenn ich wieder meiner Angst begegne, an ihn zu erinnern.♦

  PARASTOU FOROUHAR

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