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„Habt keine Angst, wir stehen alle zusammen“

Die deutsch-iranische Künstlerin Parastou Forouhar kämpft seit Jahren für die Aufklärung der Morde an ihren Eltern, dem Politikerehepaar Dariush und Parvaneh Forouhar. Ende 2017 verurteilte ein Gericht in Teheran Parastou Forouhar wegen ihrer Kunstwerke zu sechs Jahren Haft auf Bewährung. Ein Parlamentarier versprach daraufhin, die Regierung zu fragen, warum aus einer Anklägerin eine Verurteilte wurde. Iran Journal wollte wissen, was aus diesem Versprechen wurde. Hier die Antwort, die zu einem Bericht über Forouhars Reise und die neuen Unruhen im Iran geworden ist. mehr »

Der iranische Parlamentsabgeordnete Mahmud Sadeghi ist für seine kritischen Äußerungen zur Lage der Bürgerrechte im Iran bekannt. Kürzlich kündigte er an, die Regierung zu fragen, warum ich vom Informationsministerium verklagt wurde, während die Mörder meiner Eltern – bekannterweise aus eben jenem Ministerium stammend – noch immer nicht zur Rechenschaft gezogen worden sind.

Das bringt die Sache ziemlich auf den Punkt. Meine Anwältin in Teheran ist dieser Ankündigung nachgegangen. Bisher hat sie jedoch aus Sadeghis Büro keine Informationen darüber erhalten, ob die Frage tatsächlich gestellt wurde – und zu welchen Ergebnissen sie geführt hat. Es bleibt also abzuwarten, ob Ansätze wie jener von Herrn Sadeghi eine mildernde Wirkung auf den weiteren Verlauf meines Prozesses haben können.

Im folgenden Bericht erzähle ich von diesem Prozess und meiner letzten Reise nach Teheran. Dabei stelle ich meine Situation in Zusammenhang mit den jüngsten Protesten im Iran.

Mitte Dezember letzten Jahres, wenige Tage nach meiner Rückkehr aus Teheran, erhielt ich einen Anruf von meiner Anwältin. Ihre Stimme klang bedrückt. Zögernd übermittelte sie mir das Urteil des Revolutionsgerichts über mich. Es lautete: sechs Jahre Haft auf Bewährung – fünf Jahre wegen „Beleidigung des Sakrosankten“ und ein Jahr wegen „Propaganda gegen das System“. Beide Formulierungen gehören zum Propagandajargon der Islamischen Republik; sie werden gegen Oppositionelle eingesetzt. Es sind Floskeln, Gewäsch ohne reale Substanz. Ab jetzt aber werfen sie einen realen Schatten auf mein Leben.

Das Urteil wurde schneller verkündet als ich vermutet hatte. Und es fiel härter als erwartet aus. Dass es auf Bewährung ausgesetzt wurde, wirkte dennoch irgendwie beruhigend auf mich. Es ist wie das Damoklesschwert, das über mir schwebt, aber immer noch verdrängt werden kann.

Ein Kunstwerk, das vom iranischen Regime als "Beleidigung des Sankrosanten" eingestuft wird

Kunstwerke, die vom iranischen Regime als „Beleidigung des Sankrosanten“ eingestuft werden

 

Unerwartete Ereignisse

Doch dann, während der Tage, an denen ich an meinem Berufungsantrag arbeitete, passierte etwas Unerwartetes im Iran. Es beeindruckte und vereinnahmte mich so tief, dass es das über mich verhängte Urteil etwas in den Hintergrund drängte.

In den letzten Tagen des vergangenen Jahres begann eine kraftvolle und mutige Protestwelle im Iran, die sich wie ein Lauffeuer ausbreitete. Sie erfasste nicht nur die großen Städte, sondern auch viele kleine Orte, bei denen ich Mühe hatte, sie auf der Landeskarte zu lokalisieren. Die Proteste wurden zum einen von den Armen und Entrechteten getragen, die sich zahlreich versammelten, um ihre Wut über ihre Perspektivlosigkeit kundzutun. Zum anderen gab es performance-artige Aktionen junger Frauen gegen den gesetzlichen Schleierzwang, bei denen sie sich an öffentlichen Plätzen auf eine Erhöhung stellten und demonstrativ ihre Kopftücher ablegten.

Später kam es auch zu Protesten der Gonabadi-Derwische, einer traditionsreichen religiösen Gemeinde, die sich anfänglich vor dem Haus ihres Anführers in Teheran versammelten, um ihn vor einem befürchteten Hausarrest zu bewahren. Später setzten sie sich gegen die Angriffe der Milizen auf ihre Versammlung zur Wehr.

Auch wenn das Regime die Proteste wie gewohnt brutal unterdrückte, Hunderte Menschen verhaftete und zahlreiche niederschlug, ja sogar ermordete, bewirkten diese eine Bewusstseinsveränderung in der Öffentlichkeit, die die politische Landschaft des Iran verändern wird.

Es ist, als ob dieser Wendepunkt erreicht wurde, indem die Protestierenden eine radikale Haltung gegenüber dem gesamten Machtapparat einnahmen. Eine der Parolen der Demonstranten und Demonstrantinnen macht das sehr klar. Sie lautet: „Ob Hardliner oder Reformisten, eure Zeit ist abgelaufen.“ Hier wird deutlich, dass die Protestierenden den verkrusteten Rahmen des politischen Diskurses im Iran sprengen wollen. Sie wollen über das bestehende System hinaus denken und mit den von ihnen angestrebten Veränderungen neue Horizonte setzen.

Es sind solche Schicksalsmomente, die mir meine innige Verbundenheit zu den Menschen im Iran bewusst machen. Erneut haben sie sich erhoben, um über ihre Leben selbst zu bestimmen. Auch meines werden sie dabei mitgestalten. Tagelang saß ich wie gebannt vor dem Bildschirm und verfolgte die Nachrichten über soziale Netzwerke, um die ersehnte Revolte in ihren Merkmalen zu begreifen. In den Äußerungen der Protestierenden suchte ich nach Parallelen zu meinen eigenen Erlebnissen und Standpunkten.

Zur reinen Rhetorik verkommen
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