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Zeigen, was ist –
Iranische Frauenfilmtage in Berlin

Das Berliner Kino in den Hackeschen Höfen ermöglichte einen Einblick in das Schaffen iranischer Regisseurinnen und das Leben iranischer Frauen. Nasrin Bassiri hat sich die Filme angeschaut. mehr »

„Wenn Du mich besuchen kommst, bringe mir ein Licht und ein Fenster, damit ich das Gedränge in den glücklichen Gassen betrachten kann“. Mit diesen Worten der verstorbenen iranischen Dichterin Forough Farrokhzad ließen sich die Iranischen Frauenfilmtage beschreiben, die vom 1. bis 5. Juni im Kino in den Hackeschen Höfen in Berlin stattfanden.

Und das Fenster war weit geöffnet und zeigte uns das Leben der Iranerinnen zwischen Tradition und Moderne in der Metropole Teheran ebenso wie in kleinen Städten und Dörfern. 14 Filme beschrieben das Leben von Frauen, die sowohl zivil- wie auch strafrechtlich Gesetzen unterworfen sind, die auf islamischem Recht basieren – Gesetze, die vor 1.400 Jahren vom Propheten Mohammed auf der arabischen Halbinsel überliefert sein sollen. Dort, im heutigen Saudi-Arabien, einem reichen Land mit viel Erdöl, wenig Bildung und einer autoritären Regierung, dürfen Frauen immer noch ohne die Erlaubnis ihrer Väter oder Ehemänner keinen Beruf ausüben. Die Zahl berufstätiger Frauen ist in Saudi-Arabien mit 5 Prozent die weltweit niedrigste. Laut dem saudischen Arbeitsminister ist „die beste Beschäftigung für die Frau Hausarbeit und Kindererziehung“. Gerade mal 19 Prozent der Menschen, die einen Schulabschluss machen, sind Frauen.

Im Iran hingegen sind mittlerweile zwar 60 bis 70 Prozent der Hochschulabsolvierenden weiblich. Das Land hat die höchste Rate von Akademikerinnen weltweit. Doch herrschen auch dort noch beinahe vollständig Gesetze, die auf der Grundlage der islamischen Scharia verfasst sind – einem Rechtssystem, das mit den iranischen Verhältnissen und einer modernen Gesellschaft nicht zu vereinbaren ist.

„Nicht mein Gesetz“

Die erfahrene Regisseurin Tahmineh Milani befasst sich in dem Film „The Fifth Reaction“ mit dem Sorgerecht für Kinder. Der reiche Schwiegervater Haji Safdar will nach dem Tod seines Sohnes dessen Witwe die Kinder wegnehmen. Sie ist Lehrerin und verdiene nicht genug, um die Kinder standesgemäß zu versorgen, behauptet er. Er setzt Macht und Einfluss ein, um sie zu verunsichern. Doch ihre Freundinnen helfen ihr und verhindern, dass sein Plan gelingt. Eine starke Frau aus der Provinz, die ebenfalls ihre Kinder allein großgezogen hat, bietet dem Großvater der Stirn. Als er mit Gesetzen droht, erwidert sie: „Das ist nicht mein Gesetz. Wir wurden nicht gefragt.“

Der Film zeichnet sich durch humorvolle Dialoge aus, mit deren Hilfe die Frauen den Mann auf die Knie zwingen. Doch wird der Schatten des reichen Schwiegervaters auf dem verunsicherten Gesicht der Mutter verewigt, wenn er sagt: „Ich willige ein, unter einer Bedingung …“

Nicht mehr Zeitgemäß

Filmplakat "The Fifth Reaction"

Filmplakat „The Fifth Reaction“

Tahmineh Milani, eine mutige, geistreiche und humorvolle Frau, die ihre Drehbücher selbst schreibt, erklärte in der Diskussion mit dem Publikum, zwar konnten Filmschaffende im Iran in den vergangenen Jahren unter besseren Bedingungen arbeiten, „für mich persönlich waren es aber schwierige Zeiten“. Mehrfach sei sie vor das Revolutionsgericht bestellt worden, „doch ich wurde vor einigen Wochen freigesprochen“.

Milani betonte, dass die diskriminierenden Gesetze reformiert werden müssten. Sie hätten vor 1.400 Jahren vielleicht einen Sinn gehabt, seien aber heute nicht mehr zeitgemäß. Damals habe ein Schwiegervater für seine Enkelkinder sorgen müssen, weil die Frauen nicht berufstätig waren und ihre Kinder nicht allein durchbringen konnten. Aber heute seien viele Frauen imstande, ihre Kinder allein großzuziehen. Auf die Frage, ob sie problemlos die Drehgenehmigung für ihren Film erhalten hat, antwortete die Regisseurin: „Mit großen Sorgen und Herzblut konnte ich eine Drehgenehmigung erhalten. Ich erwarte nicht, dass Männer, die zuhause ihre Frauen schlagen, mir eine Drehgenehmigung für einen solchen Film geben.“

Die Zeitehe

Ayda Panahandeh beschreibt in „Nahid“ das Leben einer Frau, die mit einem süchtigen Drogendealer verheiratet war. Nahid, Mutter eines halbwüchsigen Sohnes, lässt sich scheiden. Sie arbeitet hart und schickt ihren Sohn zu einer Privatschule, um ihm ein besseres Leben zu ermöglichen. Nahid verliebt sich in einen gutaussehenden Unternehmer, der ihr und ihrem Sohn ein sorgenfreies Leben anbieten möchte. Sie kann ihn nicht heiraten, weil sie dann das Sorgerecht verlieren würde. Nahid lässt sich gegen ihren Willen auf eine „Zeitehe“ ein. Diese gilt nicht als richtige Ehe und wird nicht in Dokumente eingetragen. So hofft sie, das Sorgerecht nicht zu verlieren. Doch ihr Exmann benutzt den Sohn als Instrument, um Nahid zurückzugewinnen. Sie verliert ihren Sohn, der Sohn seine Mutter, die seine einzige Stütze im Leben war. Auf seinen Vater kann er sich nicht verlassen. Nahid verliert zudem ihre Unabhängigkeit, denn ihr Bruder empfindet die „Zeitehe“ als Schande und will sie in Zukunft beaufsichtigen.

Die Regisseurin Ayda Panahandeh ist optimistisch. Sie meint, die Verantwortlichen im Iran ermutigten die Regisseurinnen, sich zu Wort zu melden und das, was sie bedrückt, in ihren Filmen auszudrücken. Auf die Frage, ob es leicht sei, sich solchen Themen zu nähern und die Gesetze in Frage zu stellen, sagt sie: „Wir haben nach und nach gelernt, uns so auszudrücken, dass es noch durchgeht.“

Szenenfoto aus dem Film "Other Time"

Szenenfoto aus dem Film „Other Time“

 

Uneheliches Kind

„Other Time“ von Nahid Hassanzadeh spielt in der Teheraner Peripherie in einem kleinen Dorf. Der Familienvater sitzt in Haft, weil er gegen seinen Arbeitgeber protestiert hat, der keine Löhne zahlte. Die Mutter ist damit beschäftigt, in seiner Abwesenheit die Familie zu ernähren. Die Tochter Somayeh, Schülerin, hat sich in einen Jungen verliebt und ist schwanger geworden, im Iran ein Tabu. Das darf weder in der Stadt noch auf dem Land einem unverheirateten Mädchen passieren. So wagt Somayeh nicht, sich ihrer Mutter anzuvertrauen. Sie sucht mit einer Freundin einen Arzt auf, doch der Preis für die Abtreibung ist für sie unbezahlbar. Ihr bleibt nichts anderes übrig, als das Kind auf die Welt zu bringen. Der Vater des Kindes weiß nichts von der Schwangerschaft und hat das Land verlassen. Als Somayehs Vater aus dem Gefängnis entlassen wird, setzen ihn die Verwandten unter Druck, die Angelegenheit zu regeln – was bedeutet, die Mutter und das Kind zu bestrafen. Der Vater ist zwischen Rache und seinen Gefühlen hin und her gerissen.

Hassanzadeh arbeitet mit LaienschauspielerInnen, die Bilder sind glaubwürdig und eindrucksvoll. Auf meine Frage, ob der Film im Iran eine Aufführungsgenehmigung hat, antwortet sie, es gebe zwei Arten, im Iran einen Film öffentlich zu zeigen: für kommerzielle Filme die großen Kinosäle, wo die Filme für längere Zeit zu sehen seien. Für experimentelle Filme gebe es eine kürzere Laufzeit und sie würden in kleineren Kinos gezeigt. „Other Time“ dürfe in kleinen Kinos gezeigt werden: „Aber ich bin zufrieden, dass er diese eingeschränkte Öffentlichkeit erreichen konnte“, so die Regisseurin.

Transsexualität

Der Film „Facing Mirrors“ von Negar Azarbayjani beschreibt das Leben einer als Frau geborenen transsexuellen Person, die sich in ihrer Haut nicht wohlfühlt. Auch das ist ein gesellschaftliches Tabuthema, für das aber eine „islamische Lösung“ gefunden wurde. Transsexuelle dürfen sich nach einer Fatwa eines hochrangigen Gelehrten im Iran einer Geschlechtsumwandlung unterziehen. Doch wird das von der Mehrheit der Familien nicht akzeptiert.

Es fällt dem Vater schwer, Adineh, die sich nun Eddi nennt, als geliebten Sohn zu akzeptieren. Um die „Schande“ zu begrenzen, entschließt er sich deshalb, Adineh gegen ihren Willen zu verheiraten. Die traditionelle junge Taxifahrerin Rana will Adineh aus ihrem Taxi werfen, als sie erfährt, dass Eddi transsexuell ist. Doch ausgerechnet Rana ist es, die sich später für ihn einsetzt und versucht, ihn zu unterstützen, das Land zu verlassen. Auf die Frage nach Reaktionen auf ihren Film sagte die Regisseurin, er sei vom Publikum der Fajr-Filmfestival in Teheran begeistert aufgenommen worden. Die Hauptdarstellerin Ghasal Shakeri hat beim Fajr- Filmfest den Gläsernen Simurgh für die beste Darstellerin erhalten.

Mit und ohne Kopftuch

Szenenfoto aus dem Film "Facing Mirrors"

Szenenfoto aus dem Film „Facing Mirrors“

Das Berliner Publikum war gut gemischt, über die Hälfte der ZuschauerInnen stammte nicht aus dem Iran. Die meisten Regisseurinnen erschienen mit locker sitzender Kopfbedeckung, eine Regisseurin ganz ohne. Auf die Frage, ob sie keine Konsequenzen befürchte müsse, antwortete sie: „Wenn ich als Vertreterin Irans in einem offiziellen Rahmen sprechen würde, hätte ich ein Kopftuch getragen, aber hier in dem kleinen Rahmen bin ich als Privatperson.“

Die Regisseurin von „Five Pieces of Iranian Dishes“, ein vielseitiger und geistreicher Film, der mehr bietet als bloß kulinarisches Kino, ging mit einem ärmellosen Kleid auf die Bühne und diskutierte mit dem Publikum. Nach der Veranstaltung fragte ich sie, ob sie im Iran lebe. Sie bejahte. Ob sie keine Konsequenzen befürchte, wenn sie in den Iran zurückkehre? Nein, lautete ihre entschiedene Antwort: „Ich bin eben so und zeige mich, wie ich bin.“ Ob ich darüber schreiben dürfe? Die Antwort lautete: „Ja, Sie können.“

  NASRIN BASSIRI

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Fremdwort Geschlechterdemokratie