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Fremdwort Geschlechterdemokratie

Der Islam schreibt Frauen bestimmte Aufgaben und Rechte zu, die mit vielen Normen der globalisierten Welt nicht in Einklang stehen. Und die Gesetze im Iran müssen mit dem Islam übereinstimmen. Präsident Rouhani hat mit der Ernennung von Shahinkdokht Molaverdi zu seiner Stellvertreterin für Frauen- und Familienangelegenheiten einen Spagat gewagt. Doch auch auf diesem Gebiet konnte seine Regierung gegen die Hardliner nicht ankommen. Eine kritische Beobachtung von Nasrin Bassiri. mehr »

Im ersten TV-Duell der Kandidaten für die im Mai stattfindenden iranischen Präsidentschaftswahlen saßen sechs mehrheitlich über 70 Jahre alte Männer in der Runde. Das Durchschnittsalter der Wählerinnen und Wähler, die sie davon überzeugen wollen, dass sie die Richtigen sind, um das Ruder im Iran in die Hand zu nehmen, liegt dagegen bei 30 Jahren. Und: Frauen spielten in dem Gespräch so gut wie keine Rolle. Nur ein einziges Mal tauchten sie auf: Als der Moderator den amtierenden Präsidenten Hassan Rouhani fragte, welche Maßnahmen er künftig ergreifen wolle, um die Berufstätigkeit von Frauen “mit ihren häuslichen Aufgaben für die Familie zu vereinbaren“.

Rouhani wich der Frage aus, sprach stattdessen lieber von neuen Stellenausschreibungen für den öffentlichen Dienst: Diese hätten zunächst nur an Männer gerichtet sein sollen. “Aber wir haben sie umgeschrieben, so dass Männer und Frauen sich bewerben konnten.“ 53 Prozent der BewerberInnen, die zu Einstellungstests eingeladen wurden, seien schließlich weiblich gewesen, führte Rouhani aus: “Das entspricht der Tatsache, dass nun über 50 Prozent der Studierenden an unseren Hochschulen Frauen sind.“ Sie seien “begabter als Männer“, fügte der Präsident hinzu und schwächte seine Aussage dann gleich wieder ab: Manchmal seien Männer “auf anderen Gebieten schlauer“.

Bei Bildung die Nase vorn

Die Studienplätze werden im Iran jährlich mit einer landesweiten Aufnahmeprüfung vergeben. Die haben in den vergangenen 20 Jahren mehr Frauen als Männer bestanden. Schon 1997 wurden 50 Prozent der Plätze an Hochschulen an Frauen vergeben. Seitdem ist der Anteil der Studentinnen kontinuierlich gewachsen und pendelt heute zwischen 60 und 70 Prozent.

Tun, was die Männer auch tun!

Tun, was die Männer auch tun!

Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Frauen wurden im Iran jahrzehntelang gering geschätzt und rechtlich benachteiligt. Die Ehegesetze haben das liebevolle Zusammenleben in einer Partnerschaft für sie zu einem Gefängnis gemacht. Sie dürfen ohne Erlaubnis von Vätern, Ehemännern oder anderen männlichen Verwandten weder heiraten noch einen Beruf ausüben. Auch wenn Ehemänner drogenabhängig oder gewalttätig werden, dürfen Frauen nicht die Scheidung beantragen. Wurden sie vom Ehemann verstoßen, erhalten sie das Sorgerecht für ihre Söhne nur bis zum zweiten, für Töchter bis zum siebten Lebensjahr.

Aversion gegen die Institution Ehe

Nach Protesten von Frauen und dem Bekanntwerden von innerfamiliären Missbrauchsfällen wurde das Gesetz 2003 soweit geändert, dass Gerichte nun immerhin einen gewissen Spielraum bei der Sorgerechtsregelung haben.

Dies alles führt dazu, dass Frauen sich nicht gerne in eine Ehe begeben. Immer mehr junge Frauen versuchen zu studieren, um sich durch Bildung auch finanziell gegen die Bevormundung durch (Ehe-)Männer zu wappnen. Sie führen Partnerschaften, ohne zusammenzuleben, oder so genannte “weiße Ehen“ ohne Trauschein – was in der Islamischen Republik verboten ist.

Ein weiterer Grund für den Erfolg von Frauen an Hochschulen: Ihnen ist vieles verboten, was junge Männer tun können, um sich zu amüsieren und auszutoben. Sie dürfen selten mit Freunden ausgehen, nicht alleine reisen, ihre Zeit nicht auf Sportplätzen verbringen – weder als aktive Sportlerinnen noch als Zuschauerinnen. So konzentrieren sie sich auf das, was sie dürfen und wo sie durch Erfolge glänzen können, um zu beweisen, dass sie keine Menschen zweiter Klasse sind und auch nicht als solche behandelt werden wollen.

No-Go-Areas für Studentinnen

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