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Kein Geld für die Rettung des Urmiasees

Präsident Rouhani hat die Rettung des größten Binnensees des Iran zur Chefsache erklärt. Doch in den vergangenen vier Jahren konnte er keinen Erfolg verzeichnen. Ob und wie der Urmiasee gerettet werden kann, ist unklar. Probleme bereiten vor allem fehlende Finanzen und Bürokratie. mehr »

Früher war er der Stolz der Menschen im Nordosten des Iran: der größte See des Landes, der fünfundzwanzigstgrößte See der Welt und deren zweitgrößter Salzwassersee. Einst zehn Mal größer als der Bodensee, hat der Urmiasee heute jedoch 90 Prozent seiner ursprünglichen Ausdehnung verloren. Umweltexperten befürchten, dass er in wenigen Jahren vollständig verschwunden sein könnte, denn jährlich verliert der Urmiasee etwa 220 Quadratmeter Wasserfläche. An vielen Stellen ist er nur noch wenige Meter tief – und extrem salzhaltig.

Für die fortschreitende Austrocknung gibt es viele Gründe: Einer der wichtigsten dürfte der ungezügelte Wasserverbrauch der Menschen sein. Neben den Tausenden legalen Brunnen im Umfeld des Sees sollen Landwirte um die 24.000 illegale Brunnen errichtet haben, schätzen iranische ExpertInnen. Noch ein Grund dürfte die hohe Zahl der Staudämme sein, die verhindern, dass genügend Frischwasser aus den 21 Zuflüssen den Urmiasee erreicht. Mehrere Dutzend Staudämme, die zur Stromerzeugung und zur Bewässerung in der Landwirtschaft gebaut wurden, führten zu einer Verringerung der südlichen und nördlichen Wassertiefe von ehemals 16 auf heute zwei Meter. Auch die Errichtung einer 50 Kilometer langen Brücke trägt zur Austrocknung des Sees bei, da sie den natürlichen Wasserfluss unterbrochen und den nördlichen und südlichen Teil des Sees voneinander abgeschnitten hat. Schließlich trägt auch der Klimawandel zur Katastrophe bei. Mit dem Anstieg der Temperaturen in der Region in vergangenen Jahren fällt auch immer weniger Regen. Das Wasser des Sees verdunstet zunehmend, die Salzkonzentration steigt an. Inzwischen wird geschätzt, dass die Salzhaltigkeit des Seewassers zwischen 87 und 275 Gramm pro Liter liegt. Der Urmiasee wird zur Salzwüste.

Folgen für Mensch und Umwelt

Die Folgen dieser Entwicklung sind für die Menschen der Region katastrophal. Das viele Salz dringt in das Grundwasser ein und zerstört Felder und Nutzpflanzen, was die Zukunft der lokalen Nahrungsmittelproduktion bedroht. Neben der Landwirtschaft ist auch der Tourismus von der Umweltkatastrophe betroffen. Für viele IranerInnen, die im Umfeld des Urmiasees leben, ist er eine der wichtigsten Einnahmequellen. Zahlreiche TouristInnen verbrachten in der Vergangenheit ihren Urlaub am Urmiasee, der als Erholungsgebiet und Kurort geschätzt wurde. Der Niedergang der Landwirtschaft und der Tourismusindustrie, verbunden mit der Austrocknung des Sees, bedeuteten einen jährlichen Einnahmeverlusten von mehreren hundert Milliarden Euro, schätzen iranische Experten.

Die fortschreitende Austrocknung ist zudem mit extrem gesundheitsschädlichen Salzstürmen verbunden, die eine weitere Belastung für die Menschen der Region bedeuten. Mediziner verzeichneten in den vergangenen Jahren einen Anstieg von Atemwegs- und Krebserkrankungen in den Gebieten um den Urmiasee. Betroffen seien besonders Kinder unter drei Jahren, sagte jüngst Hadi Bahadori, Mitglied der von der iranischen Regierung gegründeten Expertenkommission zum Erhalt des Urmiasees. Und die Stürme bedrohen nicht nur den Nordosten des Irans, sondern auch die Nachbarstaaten und die Hauptstadt Teheran. Fast fünf Millionen IranerInnen könnten in den kommenden Jahren gezwungen sein, sich eine neue Heimat zu suchen, sollte die Austrocknung des Sees nicht verhindert werden.

Die Konzentration von Salzen im Urmia-See beträgt 350 Gramm pro Liter und ist für viele Bewohner des Sees tödlich

Die Konzentration von Salzen im Urmia-See beträgt 350 Gramm pro Liter und ist für viele Bewohner des Sees tödlich

Betroffen von der Tragödie sind neben den Menschen aber auch Flora und Fauna. Der Urmiasee war immer Lebensraum vieler Säugetiere, Amphibien und Reptilien sowie Zwischenlandeplatz für zahlreiche Zugvögel wie Flamingos, Pelikane und Möwen. Heute sind viele Pflanzen- und Tierarten, etwa die Salinenkrebse, die vom Mikroklima der Seeregion abhängig sind, bedroht. Ihre Zahl ist durch die Übersalzung so zurückgegangen, dass immer weniger Zugvögel, die sich von den Krebsen ernähren, noch am Urmiasee landen. Explodiert ist dagegen die Anzahl der Mikroalgen und bestimmter Bakterien, die dem See eine leuchtend rote Farbe verleihen. Wissenschaftler befürchten, dass die rote Färbung sich aufgrund der in dem stark salzhaltigen Wasser prächtig gedeihenden Mikroorganismen möglicherweise nicht wieder wie bisher automatisch in Grün zurückfärbt.

„Keine Alternative zur Rettung des Urmiasees“

Die schlimmen Folgen der Austrocknung des Urmiasees für Mensch und Natur haben mittlerweile auch iranische Regierungsverantwortliche in Alarmstimmung versetzt. Hatte Ex-Präsident Mahmud Ahmadinedschad das Problem jahrelang ignoriert und durch seinen Aufruf, das „unendliche Wasser des Iran“ abzuschöpfen, selbst maßgeblich zum Wachsen des Problems beigetragen, so hat sein Nachfolger Hassan Rouhani die Rettung des Urmiasees zur Chefsache erklärt.

Nur über das „wie“ sind iranische PolitikerInnen uneins. Erst vor wenigen Monaten lehnte es eine Mehrheit des Parlaments ab, Wasser aus dem Fluss Aras in den Urmiasee zu leiten. „Wenn alle an einem Strang ziehen würden, benötigten wir nur sieben Jahre und sechs bis sieben Milliarden Euro, um den Urmiasee zu retten“, sagte Issa Kalantari, Leiter der Expertenkommission, die mit der Rettung des Sees beauftragt wurde, jüngst auf einer Pressekonferenz. Gelänge die Rettung nicht, könnten auch umliegende Großstädte wie Täbris und Urmia unbewohnbar werden. Dies würde für den Iran deutlich teurer werden als die Rettung des Sees, sagte der ehemalige Landwirtschaftsminister vor iranischen PressevertreterInnen. Es gäbe daher keine Alternative zur Rettung des Sees, so Kalantari.

In den letzten Jahren habe Umweltschützer Protestaktionen organisiert, um auf die Austrocknung des Urmiasees hinzuweisen

In den letzten Jahren habe Umweltschützer Protestaktionen organisiert, um auf die Austrocknung des Urmiasees hinzuweisen

Entschlossen, dies zu tun, organisierte Rouhani nur wenige Monate nach dem Beginn seiner Amtszeit Anfang 2014 in der Stadt Urmia eine Konferenz, zu der zahlreiche WissenschaftlerInnen aus dem In- und Ausland eingeladen wurden, um über die Chancen einer Rettung zu diskutieren. Zu den damals von ExpertInnen empfohlenen Maßnahmen zählten auch jene, die von der Initiativ Group Lake Urmia (IGLU) vorgeschlagen wurden. Die Gruppe, die hauptsächlich aus deutschen und iranischen WissenschaftlerInnen von den Universitäten Bonn und Marburg besteht, bemüht sich seit ihrer Gründung im Juni 2012 gemeinsam mit WissenschaftlerInnen von Anraineruniversitäten, Umweltbehörden und NGOs, die Situation des Urmiasees in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken und nachhaltige Lösungsansätze zu erarbeiten.

Zu den Empfehlungen der IGLU gehörten unterem anderem auch der Anbau von Pflanzen mit einem geringeren Wasserbedarf, die Regulierung der Wasserzuflussmenge aus Flüssen, die in den Urmiasee fließen, der Baustopp für Staudämme sowie die vermehrte Nutzung erneuerbarer Energien. Um die Region vor zunehmender Desertifikation und daraus resultierenden Salz- und Sandstürmen zu bewahren, wurden Aufforstungsprogramme empfohlen. Diese hätten jedoch nicht konsequent durchgeführt werden können, da es an Geld fehlte, klagte im vergangenen Jahr Khalil Saei, Mitglied der Expertenkommission, gegenüber iranischen Medien. „Viele gute Projekte scheiterten, weil uns nur knapp ein Fünftel der von den Verantwortlichen versprochenen 400 Millionen Euro zur Verfügung gestellt wurden“, kritisierte Saei.

„Ich bin der Urmiasee“

Die Rettung des Urmiasees liegt jedoch nicht nur PolitikerInnen und WissenschaftlerInnen am Herzen. Im August dieses Jahres wurde die Online-Petition „Ich bin der Urmiasee“ ins Leben gerufen, die von zahlreichen prominenten IranerInnen, allen voran dem Schauspieler Reza Kianian, unterstützt wurde. Kianian rief die IranerInnen im In- und Ausland dazu auf, auf Instagram den Hashtag „Ich bin der Urmiasee“ (من_دریاچه_ارومیه_هستم#) zu nutzen, um auf die Kampagne aufmerksam zu machen. Deren Ziel war, eine Million Unterschriften zu sammeln, um damit die Vereinten Nationen aufzufordern, konkrete Pläne für die Rettung des Sees zu entwickeln. 1,7 Millionen Unterschriften kamen schließlich zusammen. Am 31. Oktober wurde die Petition dem UN-Vertreter Gary Lewis in Teheran überreicht.

Ob die Vereinten Nationen dem Iran bei der Lösung des Urmiasee-Problems weiterhelfen können, bleibt abzuwarten. Denn es scheint zumindest so, als fehle es der iranischen Regierung auch selbst an Plänen zur Rettung nicht. Gehapert hat es bis jetzt jedoch an deren Umsetzung. Neben finanziellen scheinen dabei auch bürokratische Probleme eine Rolle zu spielen. In einem Interview mit der Deutschen Welle kritisierte der iranische Meereschemiker Nosrat Heydari Ende Dezember die iranische Regierung: Diese habe die Region des Sees als Nationalpark klassifiziert und durch die Vielzahl der neuen Reglementierungen damit zusätzliche Hürden für die Rettung des Urmiasees geschaffen.

NAHID FALLAHI

Übertragen aus dem Persischen von Jashar Erfanian

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