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Macht, Umwelt und eine bevorstehende Völkerwanderung

Der Iran geht einer Umweltkatastrophe entgegen, die das Land irreversibel verändern wird. Präsidentenberater Issa Kalantari spricht von einer bevorstehenden Fluchtbewegung von unbekanntem Ausmaß. Die Misere sei vor allem das Werk von Menschen: Hauptverantwortung trage der frühere Präsident Ahmadinedschad, so Kalantari. Er müsse wegen Genozids angeklagt werden. mehr »

Ohne Flüchtlinge keine Aufmerksamkeit. Und je höher ihre Zahl, umso größer muss die Katastrophe sein, der sie entkommen sind. Und nun das: „Geht es so weiter wie bisher, dann werden in absehbarer Zeit 50 Millionen Iraner heimatlos sein. Sie werden gezwungen sein, das Land zu verlassen.“  Eine erschreckende Prognose, deren Eintreten das aktuelle syrische Drama weit in den Schatten stellen würde. Noch erschreckender ist, dass dieser Satz keineswegs von irgendeinem sensationsgierigen Journalisten stammt, sondern von einem anerkannten Experten.

Horrorvision des Präsidentenberaters

Issa Kalantari heißt der Mann und ist der Berater des iranischen Präsidenten Hassan Rouhani in Sachen Wasser, Landwirtschaft und Umweltschutz. Kalantari war nach der Revolution selbst zehn Jahre lang Landwirtschaftsminister des Iran. Derzeit leitet der 63-jährige, in den USA ausgebildete Agrarwissenschaftler eine Expertenkommission, die den Urmiasee retten soll: ein Steppensee im Nordwesten des Iran, der zehnmal größer ist – oder besser gesagt war – als der Bodensee. Dieser größte Binnensee des Landes ist inzwischen fast vollständig zu einer Salzwüste verkommen. Einst beheimatete der Urmia diverse Zugvögel wie Flamingos, Pelikane, Löffler, Ibisse und Störche. Nun wird er mit einer Oberfläche von etwa 5.200 Quadratkilometern bald eine der größten Salzsteppen der Erde sein – mit unabsehbaren Folgen für Menschen und Natur.

Tod des größten Binnensees

Diese größte Umweltkatastrophe, die der Iran je erlebt hat, sei hauptsächlich von den IranerInnen selbst verursacht worden, sie habe mit der weltweiten Klimaveränderung wenig zu tun, sagt Kalantari. Er entwirft ein beängstigendes Szenario: Das Sterben des Urmiasees werde das Klima der Region vollständig verändern. Salzstürme würden die Landwirtschaft in den bisher fruchtbaren westlichen Provinzen fast unmöglich machen, die Landflucht in die Großstädte werde rapide zunehmen. Damit verändere sich das Gesicht des Iran irreversibel.

Doch das ist offenbar noch nicht das Ende des Dramas. Der Tod des Urmia sei nur ein sichtbares Signal für eine noch tiefgreifendere und größere Katastrophe, die das gesamte Land bedrohe und es sogar unbewohnbar machen werde, meinte Kalantari kürzlich in einem Interview mit der Zeitung Aftab.

Iraner Weltmeister der Wasserverschwendung

Die Konzentration von Salzen Im Urmia-See beträgt 350 Gramm pro Liter. Das ist für viele Bewohner des Sees tödlich.

Die Konzentration von Salzen Im Urmia-See beträgt 350 Gramm pro Liter. Das ist für viele Bewohner des Sees tödlich.

Das hört sich beängstigend an, doch diese Angst sei sehr ernstzunehmen, so Kalantari: Verschwendeten die IranerInnen weiterhin so viel Wasser wie in den vergangenen zehn Jahren, verspielten sie mit Sicherheit ihre Zukunft. Nur zwei Länder weltweit verbrauchten mehr als 40 Prozent ihres Grundwassers: Ägypten und der Iran. Die ÄgypterInnen lägen bei 47 Prozent, die IranerInnen aber bei 90 Prozent, so Kalantari. Und der Präsidentenberater nennt auch Gründe für die Katastrophe und sogar Namen der Verantwortlichen: In den acht Jahren, in denen Mahmud Ahmadinedschad das Land regiert habe, seien 75 Milliarden Kubikmeter Wasser aus der Erde geholt worden, doppelt so viel wie in den vergangenen 27 Jahren insgesamt, bilanziert der Umweltexperte: „Wir haben das Grundwasser vollständig geplündert, mit der Folge, dass es keinen einzigen Binnensee mehr im Land gibt, vom Sumpfgebiet an der Grenze des Irak im Westen bis zum Hamun-See im Osten an der afghanischen Grenze. Sie alle sind ausgetrocknet.“

Gibt es für diese beispiellose Ausplünderung der Natur eine rationale oder zumindest nachvollziehbare Begründung? Warum haben Kalantari und andere einflussreiche Umweltexperten, die Zugang zu den Mächtigen haben, bis jetzt geschwiegen? Warum melden sie sich erst jetzt zu Wort, wo die Wasserkrise für jeden Bewohner des Landes ersichtlich ist?

Ahmadinedschad wegen Genozids anklagen 

Kalantari berichtet von einer Begegnung mit Revolutionsführer  Khamenei und einer detaillierten Wasserbilanz, die er dem Ayatollah bereits vor acht Jahren schriftlich und mündlich präsentiert habe. Sie war offenbar eine Antwort auf Khameneis Bevölkerungspolitik: Der Revolutionsführer trommelt seit Jahren unaufhörlich für eine höhere Geburtenrate im Iran. Das Land könne bis zu 150 Millionen Menschen vertragen, wiederholt er bei unterschiedlichen Anlässen. „Ich habe schon damals dem Revolutionsführer dargelegt, dass wir eine nachhaltige Politik brauchen und erst das Wasserproblem lösen müssen, bevor wir die 150-Millionengrenze anpeilen“, sagt Kalantari heute.

Wie der mächtigste Mann des Landes auf die Wasserbilanz reagierte, wissen wir nicht. Dafür erzählt Kalantari eine andere, höchst aufschlussreiche Geschichte: Eine Woche nach der Begegnung mit Khamenei sei der damalige Präsident Ahmadinedschad auf einen Berg im Norden des Iran gestiegen, habe auf einen tosenden Wasserfall gezeigt und folgende Worte in die mitgereisten Kameras gesprochen: „Nachhaltigkeit ist ein aus dem Westen importierter Begriff. Hier ist das von Gott geschenkte unendliche Wasser. Pumpt ab, so viel ihr wollt.“ Nach dieser Rede seien innerhalb weniger Monate zigtausende illegale Brunnen im Land gebaut worden, das Parlament habe alle Bohrungen nachträglich legalisiert. „Die kommenden Generationen werden Ahmadinedschad nie verzeihen“, so der Präsidentenberater: „Man müsste ihn wegen Genozids anklagen.“

Das Atomprogramm und der Wassermangel

Anhaltende Dürre in der Nordiranischen Provinz Mazandaran gefährdet die Reisproduktion des Landes. Mazandaran ist eine der Hauptanbauflächen für Reis im Iran. Die Trockenheit in der „grünen Provinz“ könnte zu weiteren Engpässen in der Reisversorgung des Landes führen, befürchten die Experten. In den letzten drei Monaten habe es im Durchschnitt 50 Prozent weniger geregnet als im gleichen Zeitraum des Vorjahres.

Anhaltende Dürre in der Nordiranischen Provinz Mazandaran gefährdet die Reisproduktion des Landes. Mazandaran ist eine der Hauptanbauflächen für Reis im Iran.

Wurde diese tödliche Entwicklung absichtlich befördert, hat sie gar etwas mit dem wahnwitzigen Atomprogramm des Iran zu tun? Mit Sicherheit. Das wirtschaftlich umzingelte Land sollte vom Ausland völlig unabhängig sein, Nahrungsmittelimporte sollten reduziert, Weizenanbau forciert werden – zu welchem Preis auch immer. Dabei sind Weizenimporte nach Expertenmeinung zehnmal billiger als der Anbau im eigenen Land.

Das iranische Atomprogramm wird bald Geschichte sein. Doch dessen Kosten und Folgen werden noch Generationen von IranerInnen tragen müssen. Haben die Mächtigen daraus etwas gelernt? Offenbar nicht. Ende Juli verordnete Khamenei dem Land einen neuen, den inzwischen sechsten Fünfjahresplan. Darin findet sich kein einziges Wort über die Wasserkrise des Landes, dafür viel zur Bekämpfung der sinkenden Geburtenrate oder der westlichen Kultureinflüsse. Dabei sind die Sandstürme inzwischen kein Naturereignis der Wüstenregionen oder der südlichen Provinzen Khuzestan und Belutschestan mehr. Sie erreichen regelmäßig auch die iranische Hauptstadt. Vor zwei Wochen, als wegen eines solchen Sturms die Sichtweite in Teheran am Nachmittag unter 70 Metern lag, sendete das staatliche Fernsehen am Abend eine Reportage über ein Dorf in der Provinz Kermanschah, dessen BewohnerInnen sich seit einem Monat wegen des Wassermangels nicht waschen konnten.

  ALI SADRZADEH