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Das junge Volk der Arbeit

Millionen Kinder im Iran müssen arbeiten – obwohl Kinderarbeit dort gesetzlich verboten ist. Die Situation der KinderarbeiterInnen ist besorgniserregend. Rouhanis Regierung hat zwar die finanziellen Mittel für die Linderung der Not dieser Kinder erhöht, doch das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein.  mehr »

„Ihre Lage kann nur mit einem Wort beschrieben werden: verheerend.“ Die Teheraner Kinderärztin Simin Boroujerdi spricht gegenüber dem Iran Journal von Millionen iranischen KinderarbeiterInnen. Wie viele es genau sind, ist unklar. Während der Staat von zwei Millionen spricht, gehen inoffizielle Statistiken von einer deutlich höheren Zahl aus: Demnach könnten bis zu sieben Millionen iranische Kinder einer Lohnarbeit nachgehen.

Wer leistet Kinderarbeit?

Viele der arbeitenden Kinder sind verwaist und leben auf der Straße. Andere wiederum leben bei ihren Familien und besuchen sogar Schulen. Sie arbeiten nebenbei und geben das verdiente Geld ihren Eltern. „In vielen anderen Ländern der Welt findet man Kinderarbeit nur unter Straßenkindern. Die große Mehrheit der KinderarbeiterInnen im Iran arbeiten jedoch im Auftrag ihrer Eltern“, sagte Shiva Dolatabadi, Leiterin der NGO Vereinigung zum Schutz der Kinderrechte im Iran, der iranischen Zeitung Arman.

Weitere Details über die Kinderarbeit im Iran lieferte die Imam-Ali-Wohlfahrtsorganisation im vergangenen Sommer. Sie befragte 1.050 arbeitende Kinder in fünfzehn iranischen Städten. Demnach stammen 35 Prozent dieser Kinder aus Afghanistan, Pakistan und Kasachstan. Die Hälfte war zwischen sieben und 10 Jahre alt, 85 Prozent waren männlich. Als Gründe dafür, dass sie arbeiten gehen, gaben gut drei Viertel der Befragten „Armut“ an, andere, von ihren Eltern gezwungen zu werden. Weitere erklärten, arbeiten zu müssen, da ihre Eltern aus gesundheitlichen Gründen keiner Erwerbsarbeit nachgehen könnten.

Gesetzliche Grundlagen

1994 hat der Iran die UN-Kinderrechtskonvention unterzeichnet. Seither ist es Firmen gesetzlich untersagt, Jugendliche und Kinder unter 15 Jahren zu beschäftigen. Bei einem Verstoß drohen hohe Geldstrafen, bei einer Wiederholung sogar Haft für den Arbeitgeber. Im dritten Wiederholungsfall müssen ArbeitgeberInnen damit rechnen, dass ihr Betrieb vom Staat konfisziert wird. Doch das iranische Arbeitsrecht erlaubt eine Ausnahme: In Familienbetrieben dürfen Eltern die eigenen Kinder beschäftigen, auch wenn sie jünger sind als 15 Jahre.

Kinder sind für arme Familien im Iran eine "lukrative" Einkommensquelle

Kinder sind für arme Familien im Iran eine „lukrative“ Einkommensquelle

„Kinder werden ausgebeutet“

Nichtsdestotrotz werden, wie die offiziellen und inoffiziellen Zahlen zeigen, viele Kinder illegal beschäftigt. „Die Gesetze werden einfach missachtet und dies fügt den Kindern unermesslichen Schaden zu“, so Simin Boroujerdi gegenüber dem Iran Journal. Besonders misslich sei die Situation der arbeitenden Straßenkinder, erklärt die Kinderärztin, die an einer Klinik im Süden der Hauptstadt arbeitet. „Die Kinder sind nicht krankenversichert und erhalten keinerlei medizinische Versorgung. Sie bekommen weder ausreichend Schlaf noch Nahrung.“ Auch der Smog in zahlreichen iranischen Städten, wie auch in Teheran, stelle für Kinder und Jugendliche, die täglich stundenlang auf der Straße arbeiten müssten, eine beträchtliche gesundheitliche Gefahr dar. Zudem seien sexuelle Übergriffe keine Seltenheit, so Boroujerdi: „Alles in allem muss man von einer Ausbeutung der jüngsten Mitglieder der Gesellschaft sprechen.“

Die meisten KinderarbeiterInnen arbeiten auf den Straßen der Städte, viele täglich mehr als acht Stunden und bis tief in die Nacht. Dort sind sie als StraßenverkäuferInnen und SchuhputzerInnen beschäftigt oder reinigen für wenig Geld die Scheiben von Autos, die an Ampeln oder im Stau stehen. Jene Kinder, die nicht auf der Straße arbeiten, sind oft in Ziegeleien oder kleinen Taschenmanufakturen beschäftigt, wo sie monatlich nicht mehr als 50 Euro verdienen. Die KinderarbeiterInnen unterliegen nicht dem iranischen Arbeitsschutzgesetz, da ihre Beschäftigung offiziell gar nicht erlaubt ist.

Hilfe für arbeitende Kinder

In Teheran kommt es immer wieder zu Aktionen, die auf die verheerende Situation dortiger Straßenkinder hinweisen. Sie werden von verschiedenen Kinderschutzorganisationen durchgeführt. Die letzte Aktion fand am 8. Juni statt, unter dem Motto: "Ignorieren wir nicht die arbeitenden Kinder!" - Foto. Sie richtete sich dagegen, dass viele Kinder wegen der Armut ihrer Familien auf der Straße arbeiten müssen. Schätzungen über die Zahl arbeitender Kinder im Iran gehen weit auseinander. Selbst staatliche Behörden geben unterschiedliche Zahlen an - diese liegen zwischen 50.000 und 7.000.000 Betroffenen.

„Ignorieren wir nicht die arbeitenden Kinder!“ – eine Aktion gegen Kinderarbeit in Teheran 

Hilfe erreicht die KinderarbeiterInnen vor allem durch NGOs, von denen manche auch von staatlicher Seiten finanzielle Unterstützung erhalten. Eine von ihnen, die Vereinigung zum Schutz der Kinderrechte im Iran, hat bereits 2003 damit begonnen, Kindern zur Seite zu stehen, die sonst keine Unterstützung erhalten. So werden KinderarbeiterInnen, die nicht zur Schule gehen, alphabetisiert, medizinisch und psychologisch versorgt und ernährt.

Ähnliches leistet die Wohlfahrtsorganisation Sazman Behzisti. Laut ihrem Leiter Anushirvan Mohseni-Bandpey hatte die Organisation im Januar 2017 etwa 2.640 verwaiste Kinderarbeiter in ihre Unterkünfte aufgenommen. Sazman Behzisti wolle finanzielle Mittel aufbringen, um diesen Kindern Bildung zu ermöglichen, erklärte Mohseni-Bandpey Anfang des Jahres gegenüber iranischen Medien. 2017 würden 18 NGOs mit insgesamt etwa einer Million Euro von staatlicher Seite unterstützt – immerhin eine Verdoppelung der Summe aus den vergangenen Jahren, so ein Sprecher der Wohlfahrtorganisation Omure Ejtemayie Behzisti gegenüber der Nachrichtenagentur ISNA.

Die Unterstützung iranischer KinderarbeiterInnen erfolge nicht nur durch Wohlfahrtsorganisationen, erklärte Fatemeh Ghassemzadeh, die für das iranische Gesundheitsministerium arbeitet, in einem Interview mit der Nachrichtenagentur IRNA im Juli 2016: „Es gibt viele Menschen, die sich ehrenamtlich um die arbeitenden Kinder kümmern. Und teilweise werden sogar auch ihre Familien unterstützt.“

Dass dem Leid der KinderarbeiterInnen zunehmend öffentliche Beachtung geschenkt wird, ist aktuell auch im Wahlkampf um die iranische Präsidentschaft zu spüren. So hat einer der Bewerber um die Kandidaturen, der jedoch nicht zur Wahl zugelassen wurde, Alireza Zakani, die Regierung von Hassan Rouhani für die hohe Zahl arbeitender Kinder verantwortlich gemacht. Ob Rouhani oder sein möglicher Nachfolger es schaffen werden, das Problem zu beseitigen, bleibt jedoch abzuwarten.

  NAHID FALLAHI

Übertragen aus dem Persischen: JASHAR ERFANIAN

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