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Die Proteste der Frauen

Ihre Mütter waren Kinder oder Jugendliche, als die Islamische Republik Iran und mit ihr die islamischen Kleidungsvorschriften eingeführt wurden. Die Töchter wurden in das digitale Zeitalter geboren und kennen so neben ihrer eigenen Lebenswirklichkeit auch die weite Welt von Kindesbeinen an. Auch wenn die üblichen Interessenkonflikte zwischen Jugendlichen und Erwachsenen sie und ihre Mütter trennen: Beide Generationen wollen Gleichstellung und Freiheit. Jüngstes Opfer der Unterdrückung von Frauen im Iran ist ein weiblicher Fußballfan. mehr »

Von Nasrin Bassiri

Die Töchter möchten in Freiheit leben, koste es, was es wolle. Sie verlassen das Land, um zu studieren, flüchten mit oder ohne Erlaubnis ihrer Eltern in eine Partnerschaft ohne Trauschein oder nutzen andere Schlupflöcher, die ihnen noch offen stehen. Partys in Gärten außerhalb der Städte, Kurztrips nach Antalya oder Tiflis, Touristenbusse zu den Sehenswürdigkeiten des Landes, in denen die Vorhänge zugezogen und feuchtfröhlich gefeiert wird. Sie legen ihre Kopftücher ab, lassen sich die Haare scheren und malen oder kleben sich Bärte an, um in Sportstadien zu gelangen. Sie treiben Kampfsport und spielen Fußball. Gemeinsam mit Jungs fahren sie Skateboard und laufen Parcours, tanzen auf den Teheraner Straßen und singen in der Öffentlichkeit, obwohl Frauen das untersagt ist.

Nicht selten geraten sie dabei ins Netz der Ordnungskräfte und werden verhaftet. Ob es den Greisen an der Macht aber gelingen wird, sie mit eiserner Hand und hohen Haftstrafen zu bezwingen, ist ungewiss. Gewiss ist aber, dass sie die Unterstützung vieler Männer und ihrer Familien genießen.

Der namhafte iranische Filmregisseure Jafar Panahi, selbst Vater, kennt das Problem aus nächster Nähe. Sein Film „Offside“ über das Frauenverbot in Fußballstadien brachte ihm bei der Berlinale 2006 den Großen Preis der Jury ein.

Nach Protesten von Frauen und Drohungen der FIFA, keine internationalen Spiele mehr im Iran stattfinden zu lassen, lenkten die Machthaber ein. Bei der Fußball-WM 2018 wurde Frauen der Zutritt zum Azadi-Stadion gewährt. Später durften dann nur noch ausgewählte Frauen die Spiele ansehen: Ausländerinnen und Iranerinnen mit Doppelpass oder ausgesuchte Pressevertreterinnen. Die FIFA ist enttäuscht und kündigte laut DPA Mitte August an, die Beteiligung des Iran an der WM 2022 stünde „wieder auf der Kippe“, da die Aufhebung des Stadionverbots für Frauen nicht umgesetzt werde. Ebenfalls laut DPA reagierte der iranische Generalstaatsanwalt Mohammed Dschafar Montaseri mit den Worten, es sei „nicht die Angelegenheit der FIFA, ob unter den Fußballfans in den Stadien auch Frauen sind oder nicht“.

Viele junge Frauen verschaffen sich Zugang zu den Stadien, indem sie sich als Mann verkleiden

Viele junge Frauen verschaffen sich Zugang zu den Stadien, indem sie sich als Mann verkleiden

 

Für das seit Beginn der Islamischen Republik vor mehr als 40 Jahren bestehende Zutrittsverbot gibt es keine rechtliche Grundlage. Es wird lediglich behauptet, Frauen begingen eine Sünde, wenn sie halbnackte Spieler auf dem Rasen sähen, zudem benutzten Zuschauer unanständige Schimpfwörter, die nicht für Frauenohren bestimmt seien. Die gegen das Stadionverbot protestierenden Frauen meinen dagegen, man solle dann doch verbieten, dass die Männer unanständige Dinge sagten, statt den Frauen zu verbieten, ins Stadion zu gehen.

Das blaue Mädchen

Die iranischen Medien nennen sie „Das blaue Mädchen: Am Montag, den 2. September 2019, schüttete die 29-jährige Sahar Khodayari sich vor dem Teheraner Revolutionsgericht einen Kanister Benzin über den Kopf und zündete sich an. Passanten versuchten, das Feuer zu löschen, doch als die Rettungskräfte eintrafen, atmete die junge Frau kaum noch. Sie wurde mit schweren Verbrennungen ins Krankenhaus eingeliefert, wo Sahar Khodayari am 10. September verstarb. Reporterinnen von Rooykarde Emrooz schreiben, die junge Frau sei zu sechs Monaten Haft verurteilt worden.

Sahar Kohdayari, bekannt als "Das blaue Mädchen"

Sahar Kohdayari, bekannt als „Das blaue Mädchen“

Laut ihrer Familie hatte Sahar im März 2019 mit einem langen Mantel und einer blauen Perücke bekleidet das Haus verlassen, um nach Teheran zu fahren und das Spiel ihrer Lieblingsfußballmannschaft Esteghlal gegen die Mannschaft Al-Ain aus den Arabischen Emiraten anzusehen, berichtet Shahrvand Online. Dort wurde ihr der Zutritt verweigert, nachdem sie als Frau erkannt worden war. Die Sittenpolizei nahm Sahar wegen mangelhafter islamischer Bekleidung und Widerstand fest. Wegen Verstoßes gegen das Keuschheitsgebot, sittenwidrigen Benehmens und Beleidigung der Ordnungskräfte wurde Anklage erhoben. Nachdem ihre Familie eine Kaution von 50 Millionen Tuman gezahlt hatte, kam sie bis zur Verhandlung zunächst wieder frei.

Als einzige seiner zwei Söhne und sechs Töchter habe sich Sahar für Fußball interessiert, berichtete ihr Vater gegenüber Sanaat News: „Sie war in Fußball vernarrt.“ Seine anderen Kinder hätten ihre Köpfe lieber in Bücher gesteckt. Auch Sahar hatte zwei Hochschulabschlüsse: in Fremdsprachen und in Informationstechnologie. Sie sei ein schlichtes Mädchen, das sich vor fünf Jahren plötzlich für Fußball zu interessieren begann und stundenlang vor dem Fernsehen Spiele angeschaut und für den Verein Esteghlal gebetet habe. „Ich hatte keine Einwände, solange sie die Spiele am Fernsehen verfolgte“, so Sahars Vater. Der Kriegsveteran arbeitete für „Bonyad e Janbazan“, eine Stiftung für Menschen mit Kriegsverletzungen und Behinderungen, und für „Jahad e Sazandegi“, eine ideologisch angehauchte Wiederaufbauorganisation. Mittlerweile ist er pensioniert. Im Gespräch mit Sanaat News sagte er, Sahar sei „seelisch angegriffen“ gewesen und habe bis vor kurzem Psychopharmaka eingenommen. Die Medikamente wurden abgesetzt, weil der Arzt meinte, sie könne durch die Nebenwirkungen erblinden. Er habe aber davor gewarnt, dass Sahar sich nun selbst gefährden könne. Sie hatte bereits zuvor einmal versucht, sich das Leben zu nehmen.

Es ist unklar, ob das Interview mit dem offensichtlich religiösen und systemkonformen Familienvater der Wahrheit entspricht oder wie inszenierte Fernsehinterviews mit Gefangenen durch Drohungen und Druck entstanden ist.

Solidaritätswelle in den sozialen Netzwerken

Masoud Shojaee, der Kapitän der iranischen Fußballnationalmannschaft, verglich auf Instagram das Stadionverbot für Frauen mit dem Schleierverbot in der Zeit von Schah Reza Pahlevi, das von den Ordnungskräften mit Gewalt durchgesetzt wurde: „Unsere Nachkommen werden dafür kein Verständnis haben“, so Shojaee. Auch der Kapitän der Mannschaft Esteghlal, Veria Ghafouri, kritisierte das Stadionverbot und nannte es altertümlich. Der Fußballspieler Milad Meydawoodi bedauerte, das Leben eines Mädchens sei ein hoher Preis für den unschuldigen Traum, ins Stadion zu gehen. Und die Schauspielerin Pooria Sorkhpour schrieb: „So lange ich lebe, werde ich keinen Fuß in das Stadion setzen, für das Du brennen musstest, um hineinzugelangen.“

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