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Frauen, Fußball und staatliche Doppelmoral

Ein Fußballspiel sorgte für Protest und Enttäuschung im Iran – jedoch nicht dessen Ergebnis, sondern die Diskriminierung am Rande des Spiels. Der Protest dagegen hält an. mehr »

Erst die große Freude, dann die große Enttäuschung. So haben viele Iranerinnen vergangene Woche das Fußball-WM-Qualifikationsspiel zwischen dem Gastgeber Iran und dem Bürgerkriegsland Syrien erlebt. Dabei lag das nicht am Spiel selbst, sondern daran, dass weiblichen Fans wieder der Zutritt in die Spielstätte verboten war. Seit der Revolution 1979 verbietet die islamische Republik ihren Bürgerinnen den Zutritt zu vielen Sportveranstaltungen. http://fa.shafaqna.com/

Vor dem 2:2 am vergangenen Dienstag geisterten ungewöhnliche Meldungen durch soziale Medien. Unter dem Hashtag „Ich habe ein Ticket“ erklärten Iranerinnen, online Tickets für das Speil erworben zu haben. Doch am Spieltag mussten sie feststellen, dass ihnen wie gewohnt der Eintritt verweigert wurde. Ein Video zeigt Frauen, die am Eingangstor des Stadions Eintrittskarten vorweisen, aber nicht hineingelassen werden.

Der iranische Fußballverband ließ verlauten, es gebe keine Pläne, die Anwesenheit von Frauen bei Spielen zu erlauben. Die bezahlten Tickets würden erstattet, so der Verband. Sie seien „aufgrund einer technischen Panne“ an Frauen verkauft worden: Der Onlineshop habe vorübergehend keinen Zugang zur Datenbank der Zivilregistrierung gehabt und so das Geschlecht der KäuferInnen nicht erkennen können.

Staatliche Doppelmoral

Anders als die Iranerinnen durften Syrerinnen das Spiel direkt im Azadi-Stadion verfolgen. Es sollen sogar vergünstigte Flüge von Syrien in den Iran angeboten worden sein, damit mehr Fans anreisen können, berichtete das iranische Nachrichtenportal Daneshjou. Bilder des Spiels zeigen Frauen, die mit der syrischen Flagge dem Spiel beiwohnen. Einige syrische Fans hielten die Flagge der libanesischen Hisbollah hoch. Das iranische Regime und die schiitischen Milizen der Hisbollah unterstützen das Assad-Regime.

Syrische Frauen im Teheraner Stadion

Syrische Frauen im Teheraner Stadion

Internationalen Regeln zufolge ist der Iran als Gastgeberland verpflichtet, weiblichen Fans aus dem Ausland den Zugang ins Stadion zu gewähren. Bei einem Vorbereitungsspiel im Herbst 2015 konnten Japanerinnen im Teheraner Azadi-Stadion ihre Fußballnationalmannschaft anfeuern, die Iranerinnen aber nicht.

Iranerinnen beklagten in sozialen Netzwerken die „klare Doppelmoral“ des islamischen Regimes. Die Wut über die zuständigen Behörden war so groß, dass am Tag nach dem Spiel die Internetseite des Stadions, über die iranische Frauen Tickets hatten kaufen können, gehackt wurde. Für einige Stunden war dort ein Bild der Syrerinnen im Stadion zu sehen, darüber der Satz: „Schämt euch, Brüder. Das war‘s.“

Das Stadion blieb jedoch nicht komplett ohne iranische Zuschauerinnen. Drei Parlamentarierinnen waren vom Sportministerium zum Spiel Stadion eingeladen worden. Die Abgeordnete Parvaneh Salahshouri hatte die Einladung aus Solidarität mit ihren Mitbürgerinnen abgelehnt: „Solange sich die Frauen meines Landes für den Zutritt ins Stadion wie Männer verkleiden müssen, möchte ich ihre Vertreterin nicht mit einer Sondergenehmigung an Sportevents teilnehmen“, zitierte das Nachrichtenportal Eghtesad News die reformistische Politikerin. Und die Abgeordnete Fatemeh Hosseini möchte den Sportminister nach den Sommerferien zur Befragung ins Parlament einladen.

Familientribüne als Lösung

Das Eintrittsverbot für iranische Frauen bei Wettkämpfen bestimmter Sportarten sorgt seit langem für Diskussionen. Der international bekannte Regisseur Jafar Panahi behandelte das Thema bereits 2006 in seinem Film „Offside“, der im Iran verboten wurde. Der Film erzählt die Geschichte einiger Frauen und Mädchen, die sich während der Qualifikationsspiele zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 als Jungen verkleiden, um ins Stadion zu gelangen. Sie werden entdeckt und verhaftet.

Unterdessen setzen sich immer mehr Prominente für die Aufhebung des Zutrittsverbot ein. Der damalige Kapitän der iranischen Fußballnationalmannschaft, Masoud Shodjaie, bat den damals frisch in seinem Amt bestätigten Präsidenten Hassan Rouhani vor vier Monaten darum, die Weichen für die Aufhebung des Verbots zu stellen. Der damalige Bundesligist und heutige Fußballtrainer Ali Karimi hoffte ein paar Wochen später in einem Interview mit der Nachrichtenagentur ISNA, dass in der zweiten Amtszeit des Präsidenten „der Wunsch von Millionen weiblichen Fans im Iran“ endlich in Erfüllung gehe.

Verantwortlich für das 38 Jahre alte Verbot ist der islamische Klerus, der das Zusammensein von Männern und Frauen als unislamisch ansieht. Zudem sollten Frauen „vor frenetischen männlichen Fans mit ihren vulgären Rufen“ geschützt werden, so die Behörden. Das Argument des iranischen Fußballverbandes finden die Fans nicht überzeugend. Demnach fehle die nötige Infrastruktur für weibliche Fans in Stadien, etwa separate Eingänge. „Sind diese denn für die Ausländerinnen gegeben?“, fragt eine Nutzerin auf Twitter. Zudem posten Nutzerinnen im Internet Bilder aus der Zeit vor der islamischen Revolution, auf denen Frauen neben Männern in iranischen Fußballstadien zu sehen sind.

Filmszene: "Offside" - Ein Mädchen, verkleidet als Junge (3. v. re.) versucht, in ein Fußballstadion zu kommen

Szenenfoto: Spielfilm „Offside“ – Ein Mädchen, verkleidet als Junge (3. v. re.) versucht, in ein Fußballstadion zu kommen

Das iranische Sportministerium versucht die Debatte mit der Einrichtung einer Familientribüne zu dämpfen. Ein Kompromiss, der weibliche Fans, die alleine ins Stadion gehen wollen, nicht überzeugt.

Der Druck wächst

Doch der Druck zum Handeln wächst ständig. Bei Wahlkampfveranstaltungen in Sportstadien fragten Frauen auf Plakaten: „Darf ich nach den Wahlen auch in dieses Stadion?“ Die Debatte hat längst die virtuelle Welt verlassen und wird auf der politischen Ebene offen diskutiert. Am Tag nach dem Spiel gegen Syrien brachten drei reformorientierte Tageszeitungen das Thema auf ihre Titelseiten – das erste Mal in der Geschichte der Islamischen Republik. Die Vizepräsidentinnen für Frauen und Familie im ersten und zweiten Kabinett von Rouhani, Shahindocht Molaverdi und Masoumeh Ebtekar, kritisierten die Diskriminierung der Iranerinnen. Und der Kommentator des Spiels brachte gleich zu dessen Beginn sein Bedauern darüber zum Ausdruck, dass die iranischen Frauen nicht zugelassen wurden – auch ein Novum im streng konservativen nationalen Fernsehen.

Der internationale Druck auf die Islamische Republik hat sich bisher in Grenzen gehalten. Im Februar 2013 hatten 190 iranische AktivistInnen in einem offenen Brief den damaligen FIFA-Chef Sepp Blatter darum gebeten, die von der FIFA organisierten Spiele im Iran abzusagen, damit die politische Führung der Diskriminierung von Frauen ein Ende setze. Daraufhin reiste Blatter in den Iran, jedoch ohne Erfolg. Auch im März 2015 hat er vergeblich den Iran aufgefordert, den Zutritt von Frauen in die Fußballstadien zu ermöglichen.

Auf den Druck der Diaspora-IranerInnen sagte der internationale Volleyballverband 2014 die Austragung einiger Spiele im Iran ab. Kurz zuvor waren iranische AktivistInnen, die gegen das Zutrittsverbot der Frauen in die Volleyball-Stadien protestiert hatten, festgenommen worden.

Der Name des iranischen Nationalstadions, „Azadi“, bedeutet „Freiheit“. Die Erlaubnis des Zutritts von Frauen ins Stadion wäre ein Stück Freiheit unter dem islamischen Regime im Iran.

  IMAN ASLANI

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