Iran-USA: Schachspieler gegen Pokerspieler

Ein neues Buch des früheren japanischen Botschafters in Teheran, Mitsugu Saito, sorgt in Tokio für Gesprächsstoff. Seine These: Militärisch hätten die USA den Iran bezwungen – politisch den Krieg aber verloren.


Als die USA und Israel am 28. Februar 2026 mit Luftschlägen gegen Iran begannen, war das erklärte Ziel unmissverständlich: ein Regimewechsel in Teheran, notfalls die vollständige Kapitulation. Fünf Wochen später einigten sich beide Seiten auf einen ersten Waffenstillstand. Im Juni folgte ein Memorandum, das den Konflikt binnen 60 Tagen formell beenden sollte. Doch im Juli flammten die Kämpfe nach iranischen Angriffen auf Handelsschiffe erneut auf.

Am Ende dieses monatelangen Schlagabtauschs hatte das islamische Regime weder seinen Sturz hinnehmen noch die Aufgabe seines Atomprogramms akzeptieren müssen.

Genau an diesem Befund setzt der japanische Diplomat Mitsugu Saito (jap. 齊藤貢) an. In seinem am 17. Juli 2026 im Verlag Bunshun Shinsho auf Japanisch erschienenen Buch „Naze Beikoku wa Iran ni Maketa no ka“ („Warum die USA gegen den Iran verloren haben“) argumentiert er in vom Verlag auf englischer Sprache veröffentlichten Leseproben, dass Washington den Krieg militärisch zwar dominiert, ihn politisch aber verloren habe.

Saito bringt einschlägige Erfahrung für seine Analyse mit: Von 2018 bis 2020 war er japanischer Botschafter in Teheran, zuvor unter anderem in Oman und in der japanischen Botschaft in Israel tätig. Heute lehrt er als Gastprofessor an der Kwansei-Gakuin-Universität und tritt regelmäßig als Kommentator in japanischen Medien auf, etwa im Podcast „+SESSION“ der Zeitung Bunshun.

Die „Strategie der Schwachen“

Saitos zentrales Argument, wie es im von Bunshun veröffentlichten Buchauszug ausgeführt wird, ist das Konzept der asymmetrischen Strategie: die Strategie dessen, der militärisch unterlegen ist, sich aber genau dieser Schwäche bedient, um den überlegenen Gegner in eine Zwickmühle zu manövrieren. Iran habe sich, statt auf einen direkten militärischen Schlagabtausch, auf die faktische Blockade der Straße von Hormus verlegt sowie auf Angriffe auf Infrastruktur in Nachbarländern. Die Folge waren laut Saito stark steigende Benzinpreise auch in den USA selbst, mit spürbaren innenpolitischen Konsequenzen für die Regierung Trump im Vorfeld der Zwischenwahlen im November.

Die Straße von Hormus
Die Kontrolle über die Straße von Hormus ist eines der wirksamsten Druckmittel Teherans im Krieg – Foto: donya-e-eqtesad.com

Unterschiedliche Spielregeln

Besonders plastisch wird Saitos Argumentation in einer Metapher, die im von Bunshun veröffentlichten Buchauszug wörtlich so formuliert ist: Donald Trump spiele Poker – ein kurzes, auf Unvorhersehbarkeit und Bluff angelegtes Spiel –, während die iranische Führung Schach spiele: langsam, überlegt, auf lange Sicht angelegt.

Weil beide Seiten so nach unterschiedlichen Regeln spielten, komme es wiederholt zu folgenreichen Fehleinschätzungen: Trumps Verhandlungstaktik, mit überzogenen Maximalforderungen zu eröffnen, sei ein klassischer Poker-Bluff. Der iranischen Seite fehle jedoch, so Saito, dieses kulturelle Konzept des Bluffs; sie habe die amerikanischen Drohungen buchstäblich genommen, was die Eskalation über die ursprünglichen Absichten beider Seiten hinaustrieb.

Amerikanische Regierungsvertreter dürften die Bilanz des Krieges anders lesen: als Erfolg der Abschreckung, mit einem geschwächten iranischen Atomprogramm. Saitos Buch ist erkennbar als Gegenerzählung zu dieser Lesart angelegt.

Warum das Thema für Japan mehr als akademisch ist

Rund 90 Prozent der japanischen Ölimporte passieren die Straße von Hormus. Diese Zahl nennt Saito nach Angaben von Bunshun regelmäßig in seinen Publikationen. Vor diesem Hintergrund liegt nahe, dass Saitos These, die USA könnten die Kontrolle über diese Route militärisch nicht mehr verlässlich garantieren, in Japan auf besonderes Interesse stößt.
Saitos Analyse ist eine von mehreren möglichen Lesarten eines Krieges, dessen Folgen sich erst noch vollständig zeigen werden. Sein Verdienst liegt darin, eine Frage zu stellen, die im Westen mit Verweis auf die militärische Überlegenheit der USA oft nicht in Betracht gezogen wird: als wären militärische Dominanz und politischer Erfolg dasselbe.♦

Quellen: books.bunshun.jp (Verlagsauszüge, Buchbeschreibung, Interview-Reihe „+SESSION“); bunshun.jp/bungeishunju (Autorenprofil); Kinokuniya.co.jp (Leserrezensionen zum Vorgängerbuch); iwanami.co.jp; Nippon.com/Jiji Press; Britannica („2026 Iran war“); Wikipedia („2026 Iran war ceasefire“); House of Commons Library, „US-Iran ceasefire and nuclear talks in 2026″.