„Was heute als Fragmentierung beschrieben wird, ist ein Ausdruck politischer Vielfalt“
Der Münchener Augenarzt Amir Parasta engagiert sich neben seiner medizinischen Arbeit auch politisch und humanitär für Iran. Er unterstützt Projekte für Menschen, die bei Protesten in Iran durch Schüsse der staatlichen Sicherheitskräfte schwere Augenverletzungen erlitten haben. Parasta arbeitet seit drei Jahren mit Reza Pahlavi, dem Sohn des 1979 gestürzten Schahs und einer der Schlüsselfiguren der iranischen Opposition, zusammen und unterstützt seinen Übergangsplan, das sogenannte „Iran Prosperity Project“. Darüber hinaus ist er Mitglied der CSU sowie der „Iran Novin Partei“, die Pahlavi nahe steht.
Für einen kurzen Moment schien der Tod des Obersten Führers Ayatollah Khamenei so etwas wie Erleichterung gebracht zu haben. Doch nun erkennt man, wie engmaschig sich das System der Islamischen Republik verfestigt hat. Was bedeutet dies für die Gruppen, die für die Schaffung demokratischer Strukturen einstehen?
Der Tod von Ayatollah Khamenei hat bei vielen Iranerinnen und Iranern zunächst ein Gefühl der Erleichterung ausgelöst. Gleichzeitig hat er deutlich gemacht, dass das Problem Irans nicht auf eine einzelne Person reduziert werden kann. Die Islamische Republik hat inzwischen ihren historischen Tiefpunkt erreicht. Die letzten Jahre haben gezeigt, dass das System selbst seine gesellschaftliche Legitimation vollständig verloren hat. Die zunehmenden Protestbewegungen, die wirtschaftliche Krise, die Isolation des Landes und der massive Vertrauensverlust innerhalb der Bevölkerung sind Ausdruck dieser tiefen strukturellen Krise. Der Point of No Return ist erreicht. Entscheidend ist daher: Der Kern des Problems ist nicht der sogenannte „Führer“, der innerhalb eines solchen Systems letztlich austauschbar ist. Das Problem ist das System der Islamischen Republik selbst – seine Institutionen, seine Machtstrukturen und seine ideologische Grundlage, seine DNA. Für demokratische Kräfte bedeutet diese Erkenntnis, dass ein nachhaltiger Wandel nicht durch einen einfachen Führungswechsel erreicht werden kann. Was notwendig ist, ist eine grundlegende Transformation hin zu einem demokratischen, säkularen und rechtsstaatlichen System, das seine Legitimation aus dem Willen der Bevölkerung bezieht.
Welche Rolle sieht das Iran Prosperity Project für sich im Verhältnis zu anderen oppositionellen Formationen wie etwa dem „Nationalen Widerstandsrat Irans“, den Ideen der Demokratischen Partei Kurdistans Iran oder den sogenannten Republikaner*innen? Gibt es Pläne für eine Koordination oder Zusammenarbeit?
Das Iran Prosperity Project (IPP) versteht sich nicht als politische Konkurrenz zu bestehenden Oppositionsgruppen. Sein Ansatz ist in erster Linie inhaltlich und technokratisch. Es befasst sich mit den konkreten Herausforderungen des Iran von morgen: Gesundheitsversorgung, Energiepolitik, wirtschaftliche Entwicklung, soziale Sicherheit, Infrastruktur, nationale Sicherheit. Das IPP bringt hierfür Technokraten, Wissenschaftler und Fachleute mit internationalem Renommee zusammen, die über sehr hohes Fachwissen verfügen und praktische Antworten auf diese komplexen Fragen entwickeln. Es geht also nicht um ideologische oder ethnische Abgrenzung gegenüber anderen politischen Strömungen. Vielmehr geht es darum, auf Grundlage gemeinsamer Prinzipien konkrete Strategien zu entwickeln, damit ein zukünftiger demokratischer Iran handlungsfähig ist.
Diese gemeinsamen Prinzipien sind unter anderem: Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, territoriale Integrität Irans, Menschenrechte und Gleichberechtigung sowie freie Wahlen über die zukünftige Staatsform des Landes. In diesem Sinne versteht sich das IPP als eine inhaltliche Plattform, die dazu beitragen kann, den Übergang zu einem stabilen demokratischen Staat vorzubereiten, in dem die Parteienvielfalt die Demokratie sichern wird.
Die iranische Opposition ist stark fragmentiert: Es gibt etablierte Exil-Dachorganisationen, traditionelle politische Parteien mit längerer historischer Entwicklung, basisnahe Jugend- und Protestbewegungen im Inland sowie ethnische Gruppierungen mit unterschiedlichen Zielen. Wie schätzen Sie ein, inwiefern und mit welcher Legitimation das Iran Prosperity Project unter Reza Pahlavi diese vielfältigen sozialen, ethnischen und religiösen Gruppen repräsentiert?
Das Iran Prosperity Project verfolgt einen inklusiven Ansatz, der die Vielfalt der iranischen Gesellschaft anerkennt und respektiert. Gleichzeitig basiert seine Arbeit bewusst auf Expertenwissen und fachlicher Kompetenz, weil die Herausforderungen eines zukünftigen Irans äußerst komplex sein werden. Es ist wichtig zu betonen, dass das IPP keine politische Partei und kein Ersatz für Parteien ist. IPP ist ein Thinktank. In einem zukünftigen pluralistischen und säkularen Iran werden selbstverständlich unterschiedliche Parteien, politische Strömungen und gesellschaftliche Bewegungen miteinander konkurrieren und das politische Leben gestalten. Die Rolle des IPP liegt vielmehr in der Übergangsphase: Bis freie Wahlen stattfinden und politische Parteien die Verantwortung übernehmen, müssen die akuten Probleme des Landes – etwa wirtschaftliche Stabilisierung, Wiederaufbau von Institutionen oder Versorgungssystemen – professionell gemanagt werden. Hier kann ein Netzwerk aus Experten und Fachleuten dazu beitragen, dass dieser Übergang stabil und verantwortungsvoll gestaltet wird.
Allem Anschein nach hat kein einzelner Akteur derzeit eine klare innere Führungs- und Mobilisierungsmehrheit, und viele Bewegungen operieren unter riesigen Repressionsrisiken in Iran selbst. Erschwert das nicht die Schaffung klarer Führungsstrukturen für einen geordneten Übergang?
In der Diskussion über die iranische Opposition begegnen wir häufig einem gewissen Widerspruch. Einerseits wird die sogenannte „Fragmentierung“ der Opposition beklagt. Andererseits fordert man zu Recht Pluralismus und die Repräsentation gesellschaftlicher Vielfalt. Doch genau diese Vielfalt ist ein grundlegendes Merkmal jeder demokratischen Gesellschaft. Was heute als Fragmentierung beschrieben wird, ist in Wirklichkeit ein Ausdruck politischer und gesellschaftlicher Vielfalt – und genau diese Vielfalt wird auch den zukünftigen demokratischen Iran prägen.
Gleichzeitig ist es eine Tatsache, dass sich ein großer Teil der iranischen Gesellschaft – sowohl im Inland als auch in der Diaspora – auf grundlegende Prinzipien geeinigt hat, die von Prinz Reza Pahlavi vertreten werden: erstens die territoriale Integrität Irans, zweitens Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, drittens Trennung von Religion und Staat, also Säkularismus, viertens die freie Entscheidung der Bevölkerung über die zukünftige Staatsform. Auf dieser Grundlage sehen viele Iraner in Prinz Reza Pahlavi eine integrative Persönlichkeit, die in einer Übergangsphase eine moderierende und stabilisierende Rolle übernehmen wird.
Gibt es Verbündete in Europa, Nordamerika, Asien? Mit welchen Regierungen wird eine Kooperation angestrebt?
Der Iran von morgen muss die Isolation überwinden, in die die Islamische Republik das Land geführt hat. Ein demokratischer Iran sollte wieder aktiv den Dialog mit der internationalen Gemeinschaft suchen und ein konstruktiver Partner innerhalb der globalen Staatengemeinschaft werden. Das bedeutet: diplomatische Beziehungen auf Augenhöhe, wirtschaftliche Kooperation, internationale Handelsbeziehungen, sicherheitspolitische Zusammenarbeit.Ein Iran, der wieder Teil der internationalen Gemeinschaft ist, liegt sowohl im nationalen Interesse des iranischen Volkes als auch im Interesse vieler demokratischer Staaten weltweit.
Welche Erwartungen oder Forderungen haben Sie an die EU, an Deutschland und andere Staaten?
Meine persönlichen Erwartungen an Europa – und insbesondere an Deutschland – bestehen vor allem darin, die iranische Zivilgesellschaft und ihre legitimen demokratischen Forderungen ernst zu nehmen. Europa kann eine wichtige Rolle spielen, indem es Menschenrechte konsequent verteidigt, das direkte Gespräch mit Prinz Reza Pahlavi sucht, Kontakte zu demokratischen Kräften stärkt und den freien Informationsfluss unterstützt. Ein demokratischer Iran wäre langfristig ein stabiler Partner für Europa in Fragen von Sicherheit, Energie, Wirtschaft und regionaler Stabilität.
Jede Form internationaler Kooperation muss letztlich an den Interessen der iranischen Nation gemessen werden. Ein zukünftiger demokratischer Iran wird selbstverständlich bereit sein, Hilfe und Unterstützung aus dem Ausland anzunehmen – insbesondere in Bereichen wie wirtschaftlicher Entwicklung, institutionellem Aufbau oder technologischer Zusammenarbeit. Gleichzeitig muss jedoch klar sein, dass keine Vereinbarungen getroffen werden dürfen, die die Souveränität oder Freiheit der iranischen Nation einschränken und uns in Abhängigkeiten führen.
Welche Strategien wären Ihrer Meinung nach sinnvoll, um die iranische Wirtschaft zu stabilisieren und die dramatische Inflation und Ressourcenknappheit anzugehen, die viele Proteste ausgelöst hat?
Die Stabilisierung der iranischen Wirtschaft wird eine der zentralen Aufgaben einer Übergangsregierung sein. Zunächst muss das Vertrauen in staatliche Institutionen wiederhergestellt werden. Transparente Haushaltsführung, unabhängige Kontrollinstitutionen und eine konsequente Bekämpfung von Korruption sind hierfür entscheidend. Darüber hinaus wird es notwendig sein, Iran wieder in die globale Wirtschaft zu integrieren, Investitionen zu ermöglichen und gleichzeitig die nationale Produktion zu stärken. Besondere Aufmerksamkeit wird auch der Reform des Energiesektors, der Modernisierung der Infrastruktur und dem Aufbau eines funktionierenden sozialen Sicherungssystems gelten müssen.
Wie könnte man den massiven sozialen Unmut, der sich in landesweiten Protesten und Streiks gezeigt hat, in einen konstruktiven politischen Transformationsprozess lenken? Ist so etwas überhaupt machbar?
Die iranische Geschichte zeigt, dass große gesellschaftliche Veränderungen häufig aus starken sozialen Bewegungen hervorgegangen sind. Auch in anderen Ländern haben Protestbewegungen den Ausgangspunkt für demokratische Transformationen gebildet – etwa in Spanien nach dem Ende der Franco-Diktatur oder in verschiedenen Ländern Osteuropas nach dem Zusammenbruch autoritärer Systeme. Entscheidend ist, dass aus dem berechtigten Protest der Bevölkerung ein strukturierter politischer Prozess entsteht. Ein möglicher Weg könnte darin bestehen, eine Übergangsphase einzuleiten, in der grundlegende institutionelle Reformen vorbereitet werden, gefolgt von einer verfassungsgebenden Versammlung und schließlich freien Wahlen.
Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf diesen Krieg? Haben Sie noch Hoffnungen oder gute Visionen für Iran?
Ich bin von Beruf Arzt, und meine grundlegende Berufung ist es, Leben zu retten. Aus medizinischer Perspektive wissen wir jedoch, dass die Überwindung einer schweren Infektion oder Vergiftung manchmal auch eine sehr schwierige Krankheitsphase mit hohem Fieber und großen Belastungen für den Körper mit sich bringt, bevor schließlich eine Heilung einsetzen kann. Iran befindet sich derzeit in einer solchen Phase: einer Phase des Schmerzes, der Verluste und der großen Herausforderungen. Aber gleichzeitig besitzt dieses Land enorme Heilungskräfte. Iran hat eine junge Generation mit außergewöhnlicher Bildung, Intelligenz, Motivation und tiefer Verbundenheit zu ihrer Heimat. Gerade diese Kräfte geben Anlass zur Hoffnung, dass Iran aus dieser schwierigen Phase gestärkt hervorgehen und eine freie, demokratische und friedliche Zukunft aufbauen kann.

