Wie Teheran versucht, sich Legitimität aus dem Exil zurückzukaufen
Ein Musiker landet in Teheran, und plötzlich geht es um mehr als ein Konzert. Irans Regierung wirbt derzeit gezielt um berühmte Landsleute im Ausland. Der Fall des Sängers Mohsen Namjoo zeigt, wie viel die Führung von dieser Strategie erwartet und wo deren Grenzen liegen.
Am 27. August 2026 kehrte der iranische Musiker Mohsen Namjoo nach fast zwanzig Jahren im Ausland nach Teheran zurück. In einem Video kurz vor der Landung sagte er, es sei ihm inzwischen gleichgültig, ob er in Iran noch auftreten könne. Wichtig sei nur, wieder bei seiner Familie zu sein. Als private Entscheidung eines iranischen Exilanten wäre das eine Randnotiz. Politisch brisant wird sie durch den Zeitpunkt.
Nur wenige Tage zuvor hatte Irans Kulturminister Abbas Salehi öffentlich gemacht, dass sein Ministerium verschiedenen Sicherheitsbehörden Listen mit mehr als hundert im Ausland lebenden Iranern mit der Bitte übermittelt habe, deren Einreise zu erleichtern. Salehi nannte prominente Namen: den Reformtheologen Abdolkarim Soroush etwa, den Dissidenten Mohsen Kadivar, den früheren Vizepräsidenten Ataollah Mohajerani. Es müsse einen anderen Umgang mit Kritikern der Islamischen Republik geben, so seine Begründung.
Namjoos Rückkehr fällt exakt in die Zeit dieser Debatte. Einen Beleg für eine politische Absprache gibt es bislang allerdings nicht. Er selbst beschreibt seine Entscheidung als rein persönlich. Bedeutungslos wird sie dadurch trotzdem nicht: Sein Fall wirft eine Frage auf, die weit über einen Musiker hinausreicht: Versucht Präsident Masoud Pezeshkians Regierung, sich mit Rückkehrerleichterungen für prominente Exiliraner ein Stück Legitimität zurückzukaufen? Und wie weit lässt der Sicherheitsapparat das zu?
Ein Künstler zwischen allen Fronten
Kaum ein iranischer Musiker seiner Generation eignete sich dabei so gut als Testfall wie Mohsen Namjoo. 1976 im nordostiranischen Torbat-e Jam geboren, verbindet er klassische persische Dichtung mit Rock und Blues, religiöse Verse mit Straßenjargon. Die Bezeichnung „iranischer Bob Dylan“ trifft dabei nur bedingt zu: Namjoos Eigenart liegt darin, die eigene kulturelle Tradition selbstbewusst als Material seiner Kunst zu nutzen – gleichzeitig respektvoll und respektlos.
Das brachte ihn in Konflikt mit dem Staat: 2009 verurteilte ein Teheraner Gericht den Musiker in Abwesenheit zu fünf Jahren Haft, weil er in einer Aufnahme Koranverse musikalisch verarbeitet hatte. Das Exil ermöglichte ihm eine internationale Karriere, schützte ihn aber nicht vor gesellschaftlicher Rechenschaft anderer Art: Ab 2020 erhoben mehrere Frauen Vorwürfe sexueller Belästigung und Übergriffe gegen ihn. Strafrechtlich wurden die Fälle nie abschließend geklärt, aber öffentlich dokumentiert, ebenso wie seine eigenen Reaktionen. Eine später veröffentlichte private Audioaufnahme, in der er sich abfällig über Kritikerinnen und die MeToo-Bewegung äußerte, beschädigte sein Ansehen erheblich; mehr als 255 Frauenrechtlerinnen und Künstlerinnen protestierten öffentlich dagegen.
Wer daraus eine einfache Geschichte macht – ein angeschlagener Künstler kehrt reumütig in einen Staat zurück, der ihn einst verfolgte –, macht es sich zu leicht. Fremde und Heimweh ziehen sich seit Jahren durch Namjoos Werk, lange vor den Vorwürfen. Plausibler ist ein Zusammenspiel mehrerer Motive: familiäre Sehnsucht, verlorener Rückhalt im Exil, wachsende Distanz zur politischen Opposition im Ausland, gegen die er sich in seiner Abschiedsbotschaft explizit abgrenzte.
Warum die Regierung berühmte Rückkehrer braucht
Präsident Pezeshkians Regierung verfügt nur über begrenztes eigenes politisches Kapital. Ein Teil seiner Wählerschaft erwartet keinen Umsturz des Systems, sondern weniger Repression und mehr gesellschaftlichen Spielraum. Genau hier liegt zugleich die Schwäche dieser Regierung: Die entscheidenden Machtinstrumente kontrolliert sie nicht allein – Geheimdienst, Justiz und Revolutionsgarde verfügen über eigene, weitgehend unabhängige Kompetenzen.
Prominente Rückkehrer könnten dafür einen Wert liefern, den keine offizielle Kampagne erzeugen kann: Glaubwürdigkeit durch gelebte Erfahrung. Reist ein bekannter Künstler aus dem Exil nach Iran, wird nicht festgenommen und kann, falls gewünscht, wieder ausreisen, sendet das eine einfache Botschaft: Begrenzte Normalisierung ist möglich, ohne dass sich am System grundsätzlich etwas ändern muss.
Wie weit dieser Gedanke reicht, zeigte sich kurz nach Namjoos Ankunft: Ein Mitarbeiter des Präsidialamts veröffentlichte eine Liste weiterer gewünschter Rückkehrer – von Reformtheologen über Wissenschaftler bis zum Kritiker Akbar Ganji. Verbindendes Element dieser höchst unterschiedlichen Namen ist keine gemeinsame politische Haltung, sondern schlicht: Iran. Die implizite Botschaft ist brisant, denn sie rührt an eine zentrale Grenzlinie der Islamischen Republik – den Anspruch, Kritik am System automatisch mit Illoyalität gegenüber dem Land gleichzusetzen.
Wer bestimmt, was Patriotismus bedeutet?
Genau hier zeigt sich die Grenze der neuen Öffnungsrhetorik. Innerhalb des politischen Systems hält sich hartnäckig die Vorstellung, wahrer Patriotismus zeige sich in Krisenzeiten in der Unterstützung der offiziellen Staatspolitik: der Konfrontation mit Israel, der Ablehnung US-amerikanischen Einflusses, dem Nuklearprogramm. Wer diese Politik infrage stellt, gerät schnell in den Verdacht, kein Kritiker des Systems, sondern ein Gegner Irans selbst zu sein.
Dabei wurde die Bevölkerung nie gefragt, ob sie bereit ist, Wohlstand und Sicherheit für diese Ziele der Führung aufs Spiel zu setzen. Paradoxerweise gilt in dieser Logik nicht derjenige als Verräter, der bereit ist, das Land für ideologische Ziele zu riskieren, sondern der, der danach fragt, ob dies wirklich die Ziele des Landes sind. Genau das macht Rückkehrer wie Namjoo politisch nützlich: Einzelfälle werden zum Beleg einer größeren Erzählung, wonach sich selbst frühere Kritiker angesichts äußeren Drucks wieder hinter dem Staat versammelten. Ob Gesellschaft und Staat dabei tatsächlich zusammengerückt sind oder ob sich vor allem die rivalisierenden Machtfraktionen im Inneren annähern, sind zwei sehr unterschiedliche Fragen.
Ein Testfall, dessen Ausgang offen ist
Die Regierung kann Einladungen aussprechen und Verwaltungswege erleichtern. Wer als Sicherheitsrisiko gilt, gegen wen ermittelt wird und wer das Land wieder verlassen darf, entscheiden jedoch Geheimdienst, Revolutionsgarde und Justiz, also Institutionen mit eigenen Interessen, deren Macht sich zu einem erheblichen Teil aus der Abwehr vermeintlicher Bedrohungen speist. Eine Regierung, die neue Brücken zu Künstlern und Kritikern im Ausland baut, gerät damit in Konkurrenz zu genau diesen Apparaten.
Für Namjoo selbst bleibt die Lage vorerst ambivalent. Er kehrt in eine Gesellschaft zurück, deren Sprache und Kultur sein Werk geprägt haben, und in einen Staat, der ihn einst zu Haft verurteilte. Ob er auftreten darf, ob seine Frau nachreisen kann, was aus seinem alten Urteil wird und ob er das Land bei Bedarf wieder verlassen darf: All das ist offen. Daran wird sich zeigen, ob seine Rückkehr mehr ist als eine spektakuläre Ausnahme.
Bemerkenswert ist am Ende nicht, dass ein prominenter Musiker in Teheran landen durfte. Bemerkenswert wäre, wenn er dort frei leben und, sollte er es wollen, auch wieder gehen könnte.♦
Artikelfoto: isna.ir

