Iran setzt Verpflichtungen aus Islamabad-Abkommen aus

Am siebten Tag der neuen US-Angriffe auf Iran meldet das Gesundheitsministerium 50 Tote und mehr als 500 Verletzte. Zugleich setzt die iranische Regierung ihre Verpflichtungen aus dem mit den USA geschlossenen Islamabad-Abkommen aus.

Iran hat die Umsetzung seiner Verpflichtungen aus der mit den USA geschlossenen Absichtserklärung von Islamabad gestoppt. Der stellvertretende Außenminister Kazem Gharibabadi erklärte am Samstag, Washington habe durch seine Angriffe sämtliche eigenen Zusagen aus der Vereinbarung verletzt.

Gharibabadi, der zur iranischen Verhandlungsdelegation gehört, bezeichnete die Entscheidung als Reaktion auf das Vorgehen der USA. Vorrang hätten nun die Verteidigung des Landes und die Antwort auf die Angriffe.

Die unter Vermittlung Pakistans ausgehandelte Vereinbarung sollte den Weg zu Verhandlungen über einen dauerhaften Friedensvertrag ebnen. Nach ihrer Unterzeichnung Mitte Juni waren die Kampfhandlungen zunächst zurückgegangen. Seit Iran erneut Schiffe im südlichen Teil der Straße von Hormuz angegriffen und die Meerenge weitgehend geschlossen hat, greifen die USA jedoch wieder Ziele in Iran an. Washington nahm zudem die Seeblockade gegen Iran wieder auf. Die iranischen Streitkräfte attackierten ihrerseits Ziele in mehreren Staaten der Region.

Welche konkreten Verpflichtungen Iran nun nicht mehr erfüllen will, sagte Gharibabadi nicht. Die Entscheidung stellt jedoch auch die weiteren Friedensverhandlungen infrage.

Gesundheitsministerium meldet 50 Tote

Nach Angaben des iranischen Gesundheitsministeriums wurden bei den jüngsten US-Luftangriffen 50 Menschen getötet und mehr als 500 verletzt. Unter den Toten seien fünf Frauen sowie zwei Minderjährige, erklärte Ministeriumssprecher Hossein Kermanpour. Unter den Verletzten befänden sich 32 Frauen und 18 Kinder und Jugendliche. 37 Menschen würden weiterhin im Krankenhaus behandelt.

 

Zahlreiche Angriffe auf Khuzestan

Besonders häufig wurde nach Angaben iranischer Behörden die südwestliche Provinz Khuzestan angegriffen. Der für Sicherheitsfragen zuständige stellvertretende Gouverneur Valiollah Hayati erklärte, die USA hätten innerhalb von zehn Tagen insgesamt 95 Angriffe auf zwölf Landkreise der Provinz ausgeführt.

Khuzestan gehört wegen seiner Öl- und Gasanlagen, Raffinerien, Häfen und militärischen Einrichtungen zu den strategisch wichtigsten Regionen Irans.

Brücken und Bahnstrecke bei Bandar Abbas beschädigt

In der Provinz Hormozgan wurden zuletzt mehrere Verkehrswege rund um Bandar Abbas und Bandar Khamir getroffen. Nach Berichten iranischer Staatsmedien wurden mindestens fünf Brücken teilweise oder vollständig beschädigt. Die Provinzverwaltung sprach später von insgesamt sechs getroffenen Brücken auf der Strecke zwischen Bandar Abbas und Lar.

Ausweichrouten seien inzwischen freigegeben worden, der Verkehr komme wegen der Schäden jedoch nur langsam voran. Nach Angaben der Provinzverwaltung wurden bei den jüngsten Angriffen auf Hormozgan acht Menschen getötet und 19 verletzt.

Auch die Bahnstrecke zwischen Teheran und Bandar Abbas wurde an drei Stellen beschädigt. Bis zur Reparatur müssen Reisende einen Teil des Weges zwischen Bandar Abbas und dem Bahnhof Fin mit Bussen zurücklegen. Von Bandar Abbas fahren regulär Züge nach Teheran und Mashhad.

Kontrollturm in Chabahar zerstört

In der südöstlichen Hafenstadt Chabahar wurde nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Irna ein maritimer Kontrollturm vollständig zerstört. Die Anlage sei am Freitagmorgen zum dritten Mal angegriffen worden.

Die Explosion habe den Turm vollständig zum Einsturz gebracht. Die Anlegestellen und übrigen betrieblichen Einrichtungen des Hafens seien dagegen nicht beschädigt worden. Verletzte habe es nicht gegeben.

Chabahar am Golf von Oman gehört zu den strategisch bedeutendsten Häfen Irans und bietet dem Land einen Zugang zum Indischen Ozean außerhalb der Straße von Hormuz.

 

UN kritisiert Angriffe auf zivile Infrastruktur

UN-Generalsekretär António Guterres äußerte sich besorgt über die weitere Eskalation. Angriffe auf zivile Infrastruktur in Iran und in anderen Teilen der Region seien „inakzeptabel“, erklärte sein Sprecher Farhan Haq.

Die iranische Regierung wirft den USA vor, gezielt Brücken, Bahnstrecken und andere zivile Einrichtungen anzugreifen.

Tote bei iranischem Angriff im Nordirak

Iran setzte unterdessen seine Angriffe auf kurdische Oppositionsgruppen in der Autonomen Region Kurdistan im Irak fort. Die Komala-Partei des iranischen Kurdistans teilte mit, ein Lager der Organisation nahe Sulaimaniya sei mit Raketen und Drohnen angegriffen worden.

Ein Parteivertreter sprach gegenüber der Nachrichtenagentur AFP von acht Toten und mehreren Verletzten. Der kurdische Sender Rudaw berichtete unter Berufung auf einen anderen Funktionär von neun Toten und drei Verletzten.

Zuvor hatten die Anti-Terror-Einheiten der kurdischen Regionalregierung erklärt, die von den USA geführte Militärkoalition habe acht Sprengstoffdrohnen über Erbil abgeschossen. Dabei habe es weder Opfer noch Sachschäden gegeben.

Die kurdische Autonomieregion beherbergt US-Truppen, internationale Ölunternehmen und mehrere bewaffnete iranisch-kurdische Oppositionsgruppen. Sie war deshalb bereits während der vorangegangenen Kämpfe wiederholt von der Revolutionsgarde und mit Iran verbündeten irakischen Milizen angegriffen worden.

Berichten zufolge attackierte Iran außerdem Energieinfrastruktur in Kuwait.

Dollar erreicht 191.000 Toman

Die erneute Eskalation belastet auch den iranischen Finanzmarkt. Der Kurs des US-Dollars stieg am Freitag auf dem freien Markt auf 191.000 Toman. Der Euro wurde mit mehr als 218.000 Toman gehandelt, das britische Pfund mit mehr als 256.000 Toman. Auch die Goldpreise legten zu.

Nach der Unterzeichnung der Islamabad-Vereinbarung waren die Kurse ausländischer Währungen und die Goldpreise zeitweise gesunken. Die neuen Angriffe und die zunehmende Unsicherheit über den Fortbestand des Abkommens haben diesen Trend wieder umgekehrt.