Der endlose Albtraum schwarzer Leichensäcke
Das Nachrichtenportal IranWire hat nach eigenen Angaben Zugang zu mehreren bislang unveröffentlichten Videos aus der Gerichtsmedizin des iranischen Gefängnisses Kahrizak südlich von Teheran erhalten. Die Aufnahmen vom 12. Januar 2026 zeigen die Leichen getöteter Demonstrierender, die nebeneinander auf dem Boden und im Hof der Einrichtung liegen.
In einem der Videos ist zu hören, wie über Lautsprecher fünfstellige Nummern und die Namen einiger Getöteter von Mitarbeitenden der Gerichtsmedizin vorgelesen werden. Angehörige stehen ratlos und sichtlich erschüttert in der Menge, blicken suchend umher und bewegen sich wie betäubt durch eine überfüllte Halle.
Die Person, die das Video an IranWire geschickt hat, beschreibt die Szene mit den Worten: „Es war wie am Ende der Welt. Jeder musste selbst nach dem Leichnam seines Angehörigen suchen. Die vielen Leichen in den Hallen und im Hof von Kahrizak – blutüberströmt, mit zerrissener Kleidung oder ohne Kleidung, in manchen Fällen noch mit medizinischen Geräten am Körper – haben viele der Anwesenden zutiefst erschüttert.“
Sara Roustaei, die Schwester des 40-jährigen Mojtaba Roustaei, der am Abend des 8. Januar im Teheraner Stadtteil Afsariyeh durch einen Schuss in den Hinterkopf getötet wurde, sagte IranWire, der Verlust ihres Bruders sei das eine. Doch der Anblick der vielen in schwarze Leichensäcke gehüllten Körper in Kahrizak sei für ihre Familie zu einem nicht endenden Albtraum geworden.
Die Proteste am 8. und 9. Januar 2026 in mehreren Städten Irans waren gewaltsam niedergeschlagen worden. Es kam zu zahlreichen Tötungen von Demonstrierenden. Am Abend des 8. Januar sperrte die Islamische Republik landesweit das Internet. Nachdem die Internetbeschränkungen ab dem 28. Januar teilweise wieder gelockert wurden, gelangten zahlreiche Bilder von Leichenbergen in gerichtsmedizinischen Instituten, Krankenhäusern und auf Friedhöfen verschiedener Städte an die Öffentlichkeit. Viele Familien von Getöteten berichteten später von dem Leid und der Orientierungslosigkeit, als sie zwischen zahlreichen Leichen nach den Körpern ihrer Angehörigen suchen mussten.
Die erschütternden Aufnahmen aus der Gerichtsmedizin Kahrizak vom 12. Januar zeigen nicht nur das Ausmaß der Tötungen und der Repression gegen Demonstrierende. Sie dokumentieren auch die Fassungslosigkeit, den Schock und die Verzweiflung der Familien, die gekommen waren, um die Leichname ihrer Angehörigen zu finden.

„Wir sind nie wieder ins Leben zurückgekehrt“
Sara Roustaei, die Schwester von Mojtaba Roustaei, sagt, ihre Familie werde bis heute von den Bildern aus Kahrizak und den schwarzen Leichensäcken verfolgt.
Sie erklärte gegenüber IranWire, die Kugel, die ihren Bruder tötete, sei aus einer schweren Kriegswaffe abgefeuert worden. Sie habe ihn im Bereich von Nacken und Hinterkopf getroffen und die rechte Seite seines Gesichts vollständig zerstört.
Die Zähne ihres Bruders in seinem Mund seien völlig zertrümmert und sein Gesicht sei nicht mehr erkennbar gewesen. Die Familie habe ihn schließlich anhand einer Tätowierung auf seiner Hand identifiziert.
Nach Angaben Roustaeis hatte die Frau ihres Bruders in den ersten Nachtstunden, nachdem in der Nachbarschaft die Schüsse begonnen hatten, diesen besorgt auf seinem Handy angerufen. Eine Frau habe den Anruf entgegengenommen und gesagt, Mojtaba sei ins Be’that-Krankenhaus gebracht worden.
Die Familie fuhr daraufhin ins Be’that-Krankenhaus. Der Mutter wurde gesagt, Mojtaba befinde sich im Operationssaal. Laut Sara Roustaei weinte und klagte die Mutter bis zum Morgen vor dem Operationssaal. Schließlich habe ein Soldat, der aus derselben Region wie die Familie stammte, Mitleid gehabt und ihnen gesagt, Mojtaba sei nicht verletzt, sondern tot. Sein Körper liege in einem der Krankenwagen am hinteren Teil des Krankenhauses.
„Siebzehn Leichen lagen auf Mojtaba. Sie haben ihn anhand der Tätowierung auf seiner Hand erkannt“, berichtet Sara Roustaei. „Danach hieß es, die Staatsanwaltschaft gebe den Leichnam nicht frei, er müsse in die Gerichtsmedizin in Kahrizak gebracht werden. Am Freitag fuhr die Familie nach Kahrizak. Dort sagte man ihnen, der Körper sei noch im Be’that-Krankenhaus. Das Krankenhaus wiederum sagte, er sei nicht dort. Erst am Samstag gegen zwölf Uhr mittags wurde uns der Leichnam schließlich übergeben. Nicht einmal einen Krankenwagen stellte man uns zur Verfügung. Wir mussten aus einer anderen Stadt privat einen Krankenwagen organisieren, um Mojtabas Körper nach Malayer zu bringen und ihn in unserem väterlichen Dorf zu beerdigen.“
Sara Roustaei selbst war in diesen Nächten nicht bei ihrer Familie, sondern auf Reisen. Ohne ihr vom Tod ihres Bruders zu erzählen, habe man sie unter einem Vorwand nach Malayer geholt.
„Weil ich unterwegs war, war ich selbst nicht in Kahrizak. Meine Familie war dort. Inzwischen sind fast sechs Monate vergangen, aber meine Familie lebt noch immer in diesem Albtraum. Sie sagen, sie sehen nachts die Leichen vor sich, die Körper der Angehörigen, die schrecklichen Szenen, in denen Mütter weinend nach ihren Kindern suchten, Väter nach ihren Kindern, Schwestern nach ihren Brüdern und Ehepartner nach den Menschen, die sie liebten.“
Der Albtraum der übereinandergestapelten Körper in schwarzen Leichensäcken, der blutüberströmten, teils halbnackten oder nackten Leichen, an denen noch medizinische Schläuche, Wiederbelebungsmarkierungen oder sterile Unterlagen hafteten, begleitet die Familien bis heute.
„Auch nach sechs Monaten tragen wir nicht nur die Trauer um unseren geliebten Menschen in uns“, sagt Roustaei. „Auch diese Bilder verschwinden nicht aus unseren Köpfen.“
Die Januar-Proteste hatten mit Streiks und Protesten von Basarhändlern gegen die schlechte wirtschaftliche Lage begonnen und sich rasch auf verschiedene Städte in Iran ausgebreitet. Sie erreichten am 8. und 9. Januar ihren Höhepunkt. In mehreren Städten riefen Demonstrierende Parolen, in denen sie den Sturz der Islamischen Republik forderten. Sicherheitskräfte gingen mit scharfer Munition gegen die Protestierenden vor.
Einige Familien von Getöteten berichten, sie seien gezwungen worden, Geld zu zahlen, um die Leichname ihrer Angehörigen ausgehändigt zu bekommen – eine Zahlung, die von den Betroffenen als sogenanntes „Kugelgeld“ bezeichnet wird. Erst nach der Zahlung hätten sie ihre Angehörigen unter den vielen Toten identifizieren und finden können.
Viele Familien sprechen von den Tagen, in denen sie in Hallen der Gerichtsmedizin, auf Friedhöfen oder in Krankenhäusern nach irgendeinem Hinweis auf ihre Angehörigen suchten, als den schwersten Tagen ihres Lebens. Was sie dort mit eigenen Augen gesehen hätten, könnten sie niemals vergessen.
Quelle: Iranwire.com
