„Das Recht auf Selbstbestimmung darf kein Schlagwort bleiben“
Sheida Wejdani ist aktives Mitglied der Demokratischen Partei Kurdistan-Iran (PDKI), der ältesten kurdischen Partei in Iran. Zudem engagiert sich Wejdani in verschiedenen iranisch-kurdischen Frauengruppen in Bordeaux.
Die PDKI hat sich im Februar 2026 mit sechs anderen kurdischen Parteien zur „Allianz der politischen Kräfte Iranisch-Kurdistans“ zusammengeschlossen, um ihre politische Rolle in der aktuellen Situation in Iran zu stärken.
Frau Wejdani, welche strategischen Konsequenzen ziehen oppositionelle Kräfte aus der anhaltenden Stabilität der Islamischen Republik und ihrer repressiven Strukturen für ihre Strategien – insbesondere im Hinblick auf Koordination und Einheit?
Die Beständigkeit der Islamischen Republik ist kein Zeichen von Stärke, sondern zum Teil auch das Ergebnis der strategischen Schwäche und Zersplitterung der iranischen Opposition. Solange oppositionelle Kräfte über keine ernsthaften Parteien, Organisationsstrukturen und Netzwerke verfügen, werden keine Bewegung und kein Aufstand in der Lage sein, dem Repressionsapparat dauerhaft standzuhalten. Dies hat sich bereits bei der Jina-Bewegung unter dem Slogan „Frau, Leben, Freiheit“ im September 2022 gezeigt, die massiv unterdrückt wurde.
Zugleich ist ein politischer Übergang ohne eine Neudefinition des Verhältnisses zwischen Zentrum und Peripherie nicht möglich. Das Recht auf Selbstbestimmung der ethnischen Gruppen und strukturelle Gleichberechtigung dürfen nicht bloße Schlagworte bleiben, sondern müssen institutionell garantiert und politisch verankert werden. Andernfalls wird kein nachhaltiger Wandel entstehen.
Der heutige Kampf erfordert transnationale Vernetzung und regionale Kooperation. Doch Teile der iranischen Opposition agieren weiterhin als fragmentierte, im Exil befindliche Akteure. Ohne regionale Allianzen, transparente Diplomatie, ein Verständnis für die gesellschaftliche Vielfalt Irans sowie Mechanismen zur Überwindung des Zentralismus wird sich kein tragfähiger demokratischer Übergang etablieren.
Kurdische Parteien waren historisch oft durch ideologische und strategische Differenzen getrennt. Nun hat sich vor Kurzem die „Allianz der politischen Kräfte Iranisch-Kurdistans“ gegründet. Welche konkreten politischen Ziele verfolgt dieser Zusammenschluss, und welche Rolle übernimmt die PDKI innerhalb dieser Koalition?
Die entstandene Allianz ist das Ergebnis von mehr als einem Jahrzehnt gemeinsamer Arbeit kurdischer Parteien. Es ist wichtig, zu betonen, dass diese Allianz nicht von oben verordnet wurde, sondern aus der Gesellschaft heraus gewachsen ist.
Die regionalen Entwicklungen, der Druck von zivilgesellschaftlichen, politischen und sozialen Akteuren, Intellektuellen sowie sogar von Angehörigen der Opfer der politischen Unterdrückung in Kurdistan haben die Parteien dazu gedrängt, auf Grundlage historischer Erfahrungen eine gemeinsame Strategie zu entwickeln, Differenzen zu managen und sich auf die realen Forderungen der Bevölkerung zu konzentrieren.
In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben die politischen Parteien und Organisationen selbst von der Bevölkerung Einheit eingefordert. Nun hat die Gesellschaft ihrerseits diese Einheit von den Parteien verlangt. Die Allianz ist somit Ausdruck eines gesellschaftlichen Bedürfnisses.
Die Demokratische Partei Kurdistan-Iran ist eine der Hauptsäulen der Allianz und spielt dabei eine besonders wichtige Rolle. Sie ist die älteste politische Kraft in Kurdistan und verfügt über Erfahrungen in Regierungsführung (Republik Mahabad, 1945), internationaler Diplomatie, organisatorischem Aufbau, gesellschaftlicher Vernetzung, Medienarbeit und auch im bewaffneten Kampf.
In welcher Rolle sieht sich die PDKI im Verhältnis zu anderen oppositionellen Formationen wie zum Beispiel der noch jungen „Linkspartei Irans“ oder den monarchistischen Kräften um Reza Pahlavi, dem Sohn des ehemaligen Schahs? Gibt es konkrete Pläne, wie und mit welcher Legitimation diese vielfältigen sozialen, ethnischen und religiösen Gruppen in Iran repräsentiert werden sollen?
Die Jina-Bewegung hat gezeigt, dass Formen und Symbole, die aus der kurdischen Zivilgesellschaft hervorgegangen sind, sich in Teheran und ganz Iran sowie darüber hinaus verbreiten und rasch zu nationalen Symbolen werden können.
Diese Erfahrung macht deutlich, dass die Frage der verschiedenen ethnischen Gruppen in Iran kein lokales, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem ist. Eine stabile Demokratie ist ohne dessen Lösung nicht möglich.
Die politischen Entwicklungen der jüngsten Jahre, insbesondere das Scheitern eines Teils der Exil-Opposition, haben gezeigt, dass keine landesweite Alternative ohne die reale Beteiligung der Peripherie, also der Kurden, Belutschen, Araber, Türken und Turkmenen, entstehen kann. Ohne diese Repräsentation fehlt jedem politischen Projekt sowohl Stabilität als auch gesellschaftliche Legitimität. Gerade die Erfahrung der Jina-Bewegung zeigt, dass Forderungen aus der Peripherie auf breite Akzeptanz stoßen, wenn sie mit denen des Zentrums verbunden werden; insbesondere dann, wenn nationale und sprachliche Vielfalt als politische Realität anerkannt und als Chance statt als Bedrohung verstanden wird.
Kein einzelner Akteur verfügt derzeit über eine klare Führungsrolle. Wie kann unter diesen Bedingungen ein kohärenter Plan für einen politischen Übergang entstehen?
Die PDKI war stets bereit, mit allen Kräften der iranischen Opposition in Dialog zu treten, unter der Voraussetzung, dass demokratische Prinzipien sowie die Rechte der Ethnien, insbesondere der Bevölkerung Kurdistans in Iran, respektiert werden.
Ihr Ansatz beruht auf gleichberechtigter, verantwortungsvoller Zusammenarbeit und gegenseitigem Respekt, mit dem Ziel, einen Beitrag zu einer demokratischen und gerechten Zukunft Irans zu leisten.
Gibt es konkrete internationale Partner oder Unterstützer für Ihre politische Arbeit? Wo liegen die Grenzen des Supports?
Internationale Unterstützung für die PDKI erfolgt vor allem auf politischer und menschenrechtlicher Ebene und hat keinen Einfluss auf ihre politischen Entscheidungen. Materiell stützt sich die Partei seit jeher auf ihre gesellschaftliche Basis und ihre eigenen Ressourcen. Diese Unabhängigkeit ist die wichtigste Garantie ihrer politischen Autonomie.
Jede Unterstützung wird nur dann akzeptiert, wenn sie diese Unabhängigkeit wahrt. Sobald Unterstützung mit Bedingungen oder Druck verbunden ist, wird sie als Einmischung betrachtet und abgelehnt. Offizielle Informationen über Beziehungen oder Unterstützung werden stets durch die Parteiführung und über offizielle Medien veröffentlicht, um Transparenz und Verantwortlichkeit zu gewährleisten.
Welche konkreten Erwartungen hat die PDKI an die Europäische Union, insbesondere an Deutschland, im Hinblick auf Sanktionen, politische Unterstützung oder Schutzmaßnahmen?
Die Erwartungen an die EU, insbesondere an Deutschland, gründen auf der Tatsache, dass die Islamische Republik durch die Unterdrückung ziviler und politischer Bewegungen, die strukturelle Diskriminierung von Minderheiten, eine Welle von Hinrichtungen sowie jüngste tödliche Gewalt gegen Demonstrierende ihre gesellschaftliche Legitimität weitgehend verloren hat und sich in einer tiefen Krise befindet.
Unter diesen Umständen kann Europa nicht die Rolle eines neutralen Beobachters einnehmen. Es trägt eine moralische und politische Verantwortung, durch klare politische und praktische Unterstützung demokratischer Bewegungen in Iran und in Kurdistan zu handeln. Ein solches Engagement ist keine Einmischung, sondern eine notwendige Antwort auf die Lage einer unterdrückten Gesellschaft, und kann dazu beitragen, demokratische Kräfte zu stärken und die Kosten des Widerstands zu verringern.
Wo sehen Sie aktuell konkrete Risiken externer Einflussnahme – und wo echte Unterstützung?
Die Grenze zwischen Unterstützung und Einmischung liegt darin, dass jede Hilfe, die die Bevölkerung stärkt, dem Schutz von Menschenleben und Menschenrechten dient und den Druck auf ein repressives Regime erhöht, als legitime Unterstützung gilt.
Maßnahmen hingegen, die anstelle politischer Akteure Entscheidungen treffen oder den Verlauf des Kampfes von außen bestimmen wollen, stellen eine Einmischung dar. Problematisch wird es insbesondere dann, wenn externe Mächte die Krise in Iran als Teil geopolitischer Rivalitäten betrachten oder demokratische Kräfte instrumentalisieren wollen. Deshalb ist politische Unabhängigkeit von zentraler Bedeutung. Die Verteidigung von Menschenrechten und grundlegenden Freiheiten sowie die Unterstützung der Bevölkerung in Kurdistan und anderen Teilen Irans sind hingegen keine Einmischung, sondern eine humanitäre und ethische Verantwortung.
Welche Strategien wären Ihrer Meinung nach sinnvoll, um die iranische Wirtschaft zu stabilisieren und die dramatische Inflation und Ressourcenknappheit anzugehen, die viele Proteste ausgelöst hat?
In Abwesenheit einer landesweiten Führung kann sich keine einzelne Person oder Gruppe dauerhaft durchsetzen. Jede politische Kraft, die die ethnische, sprachliche, religiöse und gesellschaftliche Vielfalt Irans ignoriert, verliert von vornherein an Legitimität und Wirksamkeit. Ein stabiler Übergang ist nur auf der Grundlage eines gemeinsamen Konsenses, gleichberechtigter Beteiligung demokratischer Kräfte und der Anerkennung der Rechte aller gesellschaftlichen Gruppen möglich.
Die Vermeidung von Chaos gelingt nicht durch eine einzelne Führungsfigur, sondern durch demokratische Mechanismen, geteilte Verantwortung und den Respekt vor der realen Vielfalt der iranischen Gesellschaft.
Wie könnte man den massiven sozialen Unmut, der sich in landesweiten Protesten und Streiks gezeigt hat, in einen konstruktiven politischen Transformationsprozess lenken? Und wie stellen Sie dabei sicher, dass ein kurdisch geprägtes Bündnis auch gesamtiranisch anschlussfähig bleibt?
Die Opposition kann nur dann eine wirksame Rolle angesichts der wirtschaftlichen Krise in Iran spielen, wenn sie konkrete und umsetzbare Programme vorlegt. Denn das Problem besteht nicht nur in Inflation und steigenden Preisen, sondern auch in einem tiefen Vertrauensverlust der Bevölkerung gegenüber dem politischen System.
Die jüngsten Proteste zeigen, dass die Gesellschaft den Status quo überwunden hat. Doch um diese Energie in nachhaltige Veränderungen zu überführen, müssen politische Kräfte klar darlegen, wie sie Inflation eindämmen, Korruption bekämpfen, Ressourcen gerecht verteilen und die nationale und regionale Vielfalt respektieren wollen. Ohne ein auf demokratischen Prinzipien basierendes Programm bleiben Kritiken wirkungslos. Nachhaltige Protestbewegungen setzen einen gemeinsamen Konsens und einen klaren politischen Fahrplan voraus. Andernfalls bleiben sie episodisch und führen nicht zu strukturellem Wandel.
Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf diesen Krieg? Haben Sie noch Hoffnungen oder gute Visionen für Iran?
Trotz Krieg und regionaler Krisen ist die Hoffnung auf Demokratie in den Gesellschaften der Peripherie weiterhin lebendig; nicht als abstrakter Slogan, sondern als gelebte soziale Realität, die sich im Verhalten und im Widerstand der Menschen zeigt. Die iranische Gesellschaft hat wiederholt bewiesen, dass sie sich von Repression nicht einschüchtern lässt. Jede Protestwelle ist Ausdruck eines fortbestehenden Freiheitswillens. Für uns Kurden und für die Demokratische Partei ist diese Hoffnung Teil unserer politischen Identität. Wir haben stets daran geglaubt, dass Freiheit möglich ist, auch wenn der Weg dorthin schwierig ist.
Abdul-Rahman Ghassemlou, der 1989 von den Agenten der Islamischen Republik in Wien getötete Vorsitzende der DPK-I, brachte dies in einem prägenden Satz zum Ausdruck: „Ein Volk, das Freiheit will, muss ihren Preis bezahlen.“ Dieser Satz erinnert daran, dass Freiheit kein Geschenk ist, sondern das Ergebnis von Ausdauer, Bewusstsein und kollektivem Kampf. Kriege und Krisen mögen den Weg erschweren, doch sie können den Willen der Menschen nicht brechen. Der Kampf wird fortgesetzt, bis eine demokratische Zukunft erreicht ist, in der alle ethnischen Gruppen Irans sichtbar und gleichberechtigt sind.

