Zunahme illegaler Abtreibungen im Iran

Irans Bevölkerung soll sich verdoppeln, so der Wunsch des Staatsoberhaupts Ayatollah Ali Khamenei. Daher agiert der Staat seit Jahren gegen Familienplanung und Verhütungsmittel. Eine Auswirkung dieser Politik ist die Zunahme illegaler Abtreibungen, die oft mit schlimmen physischen und psychischen Belastungen verbunden sind.
Hassan handelt mit Medikamenten. Der 40-Jährige, der wie 60 aussieht, ist einer der vielen illegalen Händler in der Lalezar-Straße im Zentrum der iranischen Hauptstadt Teheran. Seine Kollegen glauben, dass Hassan einen Deal mit den staatlichen Behörden eingegangen ist, da sein Angebot aus schwer erwerbbaren Medikamenten besteht, die zwar legal ins Land importiert wurden, aber den Weg in die Apotheken nicht gefunden haben. Er selbst hält sich für einen ehrlichen und verantwortungsvollen Menschen, der bisher keinen Kunden betrogen habe. Zu den teuersten Medikamenten seines Sortiments gehören Abtreibungsmittel. Er informiere sich „im Gegensatz zu anderen Schwarzhändlern“ sehr genau über die Medikamente, die er feilbiete, sagt Hassan. Zur Abtreibung empfiehlt er zwei Tabletten: „Diese Pille kommt aus der Schweiz“, versichert er. Die andere sei „made in China“: „Die Schweizer tötet den Embryo, die chinesische Tablette treibt ihn aus dem Körper ab!“, sagt er lächelnd. Sie wirkten innerhalb von 48 Stunden, „ohne Schmerzen oder Nebenwirkungen!“, garantiert er.
Auf die Frage, ob er sich damit nicht an der Tötung eines Lebewesens beteiligt fühle, reagiert der Händler nervös. Mit Journalisten möchte er nicht reden, doch als er erfährt, dass dieser Artikel in einem deutschen Online-Magazin veröffentlicht wird, beruhigt er sich: “Wenn eine Frau abtreiben will, kann sie es auch ohne diese Pillen tun – mit der Gefahr, sich selbst zu opfern“, sagt er in belehrendem Tonfall. Er helfe mit seinen Tabletten, den Tod junger Mütter zu verhindern: „Viele treiben auf gefährliche Weise ab. Dabei sterben jährlich zehntausende Frauen.“ Auf die Frage, ob die Zahl sich auf den Iran oder die ganze Welt beziehe, denkt er kurz nach, um dann zu antworten: „Nein, nur in unserem Land!“
Unhygienische Abtreibung

Sehr oft leiden die jungen Frauen nach der Abtreibung an Gewissenskonflikten, bis an das Ende ihres Lebens- Foto: mehrkhane.com
Sehr oft leiden die jungen Frauen nach der Abtreibung an Gewissenskonflikten, bis an das Ende ihres Lebens- Foto: mehrkhane.com

Auch wenn die Zahl nicht stimmt, hat die Aussage von Hassan einen Wahrheitsgehalt. Berichten iranischer Medien zufolge stammen viele junge Frauen, die ungewollt schwanger werden und aus Angst vor Familie und Gesellschaft abtreiben, aus ärmeren Schichten. Sie würden oft selbst Opfer der Abtreibung, da die Schwangerschaftsabbrüche von unausgebildeten Hebammen unter unhygienischen Umständen in Hinterzimmern durchgeführt würden.
Die Teheraner Frauenärztin Nahid Amini bestätigt im Gespräch mit TFI diese Berichte. „Nicht nur ärmere, sondern auch gutbetuchte junge Frauen aus konservativ-islamischen Familien treiben aus Angst irgendwo ab und tragen schwerwiegende Folgen davon“, sagt sie. Manchen von ihnen konnten sie und ihre Kolleginnen helfen, aber „einige tragen irreparable Schäden davon – ganz abgesehen von den psychischen Folgen“, so Amini. Ihrer Erfahrung nach ziehen viele dieser Frauen die Abtreibung oft zu spät in Erwägung: „Da im Iran Abtreibung verboten ist, gibt es nicht viele Ärzte, die Abtreibungen durch sicherere Methoden wie Absaugen anbieten.“
Im Dezember meldete das iranische Gesundheitsministerium, dass es 2012 etwa 220.000 illegale Abtreibungen im Iran gegeben habe. Im Januar letzten Jahres hatte die Tageszeitung Shargh von 250.000 illegalen Abtreibungen im gleichen Jahr berichtet. Experten gehen davon aus, dass die Dunkelziffer weit höher sei. Die einzige offizielle Datenerhebung über Abtreibungen aus den vergangenen Jahren stammt aus dem Jahr 1998 und zählte um 80.000 Abtreibungen.
Gründe für die Zunahme der Abtreibungen
Für viele junge Iranerinnen und Iraner ist  die Tradition bedeutungslos. Sie möchten Sex vor der Ehe ausüben!
Für viele junge Iranerinnen und Iraner ist die Tradition bedeutungslos. Sie möchten Sex vor der Ehe ausüben!

„Eine wichtige Ursache für die Zunahme von Abtreibungen ist der Kampf der Regierung gegen Verhütungsmittel“, sagt S. A., Psychologe und Universitätsprofessor in Teheran im Gespräch mit TFI. „So wurden in den vergangenen Jahren die Preise für Verhütungsmittel seitens der Behörden so weit angehoben, dass viele arme Menschen darauf verzichten.“ Der Sozialpsychologe ist fest überzeugt, dass dies auch zur Verbreitung von Aids und anderen Sexualkrankheiten beiträgt. Als weiteren Grund für die Zunahme der Abtreibungen nennt er den Wandel der iranischen Gesellschaft von der traditionellen Familienform zur modernen Gesellschaft: „Für die Jugend, die 60 Prozent der Gesellschaft ausmacht, ist die Tradition bedeutungslos. Sie möchte Sex vor der Ehe ausüben. Die Gesellschaft ist jedoch noch nicht so weit, junge Frauen und Männer über Sex aufzuklären.“
Schwangerschaftsabbrüche hätten neben physischen oft schwere psychische Folgen bis hin zum Selbstmord, warnt S.A.: „Die meisten jungen Frauen dürfen über ihre Abtreibungen nicht reden. Sehr oft leiden sie an Gewissenskonflikten, bis an das Ende ihres Lebens.“
Strafe für Abtreibung im Iran
Eine gesetzliche Abtreibung bedarf der Bestätigung von drei Ärzten, die die Schwangerschaft oder die Geburt als lebensgefährlich für die Mutter oder das Kind einstufen müssen. Das Gesetz erlaubt dann eine Abtreibung innerhalb der ersten vier Schwangerschaftsmonate. Nach islamischem Glauben tritt die Seele innerhalb der ersten vier Monate nach der Zeugung in den Embryo ein. Eine Abtreibung nach dem vierten Monat wird deshalb als „größere Sünde“ angesehen und härter bestraft. Falls ein Arzt oder eine Hebamme eine Mutter zur Abtreibung überreden, haben sie mit Haftstrafen zwischen sechs Monaten und fünf Jahren zu rechnen. Wenn ein Privatmensch dies tut, ist eine Haftstrafe von drei bis sechs Monaten vorgesehen.
Ob der illegale Straßenhändler Hassan von dem Strafmaß weiß? „Ja, klar!“, versichert er: „Auch die Mutter des abgetriebenen Embryos kann ein Richter nach dem Gesetz zur Auszahlung eines Blutgeldes verurteilen“, sagt er und fügt lächelnd hinzu: „Das Blutgeld geht dann an den Vater des Embryos!“
  MINA TEHRANI
  Übertragung aus dem Persischen: Said Shabahang