Wie die Menschen in Iran denken: Ein geleakter Regierungsbericht
Was denken die Menschen in Iran über ihre wirtschaftliche Lage, Staat, Religion oder Außenpolitik? Antworten darauf liefert ein vertraulicher Bericht aus dem Präsidialamt der Islamischen Republik, der vor wenigen Tagen durch die Nachrichtenplattform IranWire bekannt wurde. Grundlage sind mehrere landesweite Umfragen, darunter die Studie „Werte und Einstellungen der Iraner“ sowie ergänzende Erhebungen aus dem Frühjahr 2026. Dass dieses Dokument an die Öffentlichkeit gelangte, macht es besonders aufschlussreich: Es handelt sich nicht um eine Untersuchung oppositioneller Gruppen oder internationaler Organisationen, sondern um eine interne Bestandsaufnahme der Islamischen Republik.
Die Ergebnisse zeichnen das Bild einer Gesellschaft, deren Prioritäten sich in zentralen Punkten deutlich von den politischen Leitlinien der Islamischen Republik unterscheiden. Wirtschaftliche Sicherheit, verlässliche Institutionen und innen- wie außenpolitische Stabilität stehen für viele Befragte im Vordergrund. Ideologische Leitvorstellungen verlieren dagegen erkennbar an Bedeutung.
Die wirtschaftliche Lage bleibt demnach die größte Sorge der Bevölkerung. Mehr als 81 Prozent der Befragten berichten von Schwierigkeiten bei der Versorgung mit Lebensmitteln; 54 Prozent geben an, dass ihr Einkommen die laufenden Ausgaben nicht deckt. Weitere 38 Prozent können ihren Alltag zwar finanzieren, verfügen aber über keinerlei Rücklagen. Nur eine kleine Minderheit kann regelmäßig sparen. Wirtschaftliche Unsicherheit betrifft damit längst nicht mehr nur einkommensschwache Haushalte, sondern weite Teile der Mittelschicht.
Wut und Hoffnungslosigkeit
Die wirtschaftliche Belastung spiegelt sich unmittelbar in der persönlichen Stimmung wider. Die durchschnittliche Lebenszufriedenheit liegt bei lediglich 5,5 von zehn Punkten. Fast zwei Drittel der Befragten berichten von anhaltender Wut oder Gereiztheit, mehr als die Hälfte von Hoffnungslosigkeit. Knapp jede*r Zweite spricht von Traurigkeit oder depressiven Gefühlen; Angst und Unsicherheit gehören für viele ebenfalls zum Alltag. Nach Angaben in dem Bericht haben sich diese Werte damit gegenüber früheren Erhebungen weiter verschlechtert.
Auch das Vertrauen in staatliche Institutionen ist gering. Knapp 60 Prozent vertrauen Regierung, Parlament, Justiz oder dem staatlichen Rundfunk wenig oder gar nicht. 61,2 Prozent bezweifeln, dass die politische Führung die Probleme des Landes lösen kann. Gleichzeitig erklären rund drei Viertel der Befragten, den meisten Menschen grundsätzlich nicht zu vertrauen. Der Bericht beschreibt damit nicht nur eine Krise staatlicher Legitimität, sondern einen umfassenderen Vertrauensverlust, der auch das gesellschaftliche Miteinander prägt. Auffällig ist zudem, dass sich diese Werte seit Jahren kaum verändert haben. Die Ergebnisse sprechen daher weniger für eine kurzfristige Reaktion auf einzelne Ereignisse als für einen langfristigen Erosionsprozess.
Auch bei den Ursachen der Wirtschaftskrise richtet sich der Blick der Befragten überwiegend nach innen. Fast 47 Prozent machen die mangelnde Leistungsfähigkeit der politischen Verantwortlichen verantwortlich, weitere 26 Prozent nennen Korruption als wichtigste Ursache. Internationale Sanktionen werden zwar ebenfalls als Belastung wahrgenommen, gelten für die Mehrheit jedoch nicht als Hauptursache der Krise. Gleichzeitig erwartet eine deutliche Mehrheit, dass anhaltender wirtschaftlicher Druck aus dem Ausland Inflation und Versorgungsprobleme weiter verschärfen wird.
Identität, Religion und Außenpolitik
Neben den wirtschaftlichen Befunden dokumentiert der Bericht tiefgreifende Veränderungen im gesellschaftlichen Selbstverständnis. 85,6 Prozent der Befragten geben an, sie seien stolz darauf, Iraner zu sein. Gleichzeitig würden 38 Prozent das Land verlassen, wenn sich ihnen die Möglichkeit dazu böte. Die emotionale Bindung an Iran besteht also fort, ohne dass daraus Zustimmung zur politischen Ordnung der Islamischen Republik folgt.
Auch die Antworten zur persönlichen Identität zeichnen ein differenzierteres Bild, als es das offizielle Selbstverständnis der Islamischen Republik nahelegt. 36,8 Prozent bezeichnen sich in erster Linie als Iraner, 33,9 Prozent als iranische Muslime. Andere stellen ihre ethnische Zugehörigkeit oder eine kosmopolitische Identität in den Vordergrund. Besonders unter jüngeren und besser gebildeten Befragten gewinnt die nationale Identität gegenüber religiösen Selbstbeschreibungen an Gewicht.
Parallel dazu verändert sich die religiöse Praxis. Nur noch 29,8 Prozent geben an, den Ramadan vollständig einzuhalten; mehr als die Hälfte fastet nach eigenen Angaben überhaupt nicht. In Teheran liegt der Anteil derjenigen, die den Fastenmonat vollständig begehen, bei lediglich etwas mehr als 23 Prozent. Religiosität lässt sich zwar nicht allein am Fasten messen; die Ergebnisse sprechen jedoch für einen langfristigen Wandel, der sich inzwischen auch in den internen Umfragen der Islamischen Republik widerspiegelt.
Auch in außenpolitischen Fragen unterscheiden sich die Ansichten vieler Bürger deutlich von der offiziellen Linie. Mehr als die Hälfte hält einen erneuten Krieg für möglich. Gleichzeitig sprechen sich 44,3 Prozent dafür aus, den bestehenden Waffenstillstand aufrechtzuerhalten und diplomatische Gespräche fortzusetzen. Allerdings vertrauen nur 28,5 Prozent dem iranischen Verhandlungsteam. Der Wunsch nach Verhandlungen geht somit nicht mit Vertrauen in die politischen Entscheidungsträger einher.
Besonders deutlich zeigt sich diese Diskrepanz in der Regionalpolitik. 58,1 Prozent lehnen eine weitere Unterstützung der sogenannten „Achse des Widerstands“ ab. Viele wünschen sich stattdessen eine stärkere Annäherung an Europa. Eine engere Orientierung an Russland und China findet deutlich weniger Zustimmung. Für einen großen Teil der Befragten haben wirtschaftliche Entwicklung und internationale Entspannung inzwischen höhere Priorität als ideologisch begründete außenpolitische Ziele.
Der Bericht verweist darüber hinaus auf eine hohe Auswanderungsbereitschaft insbesondere unter jungen und gut ausgebildeten Menschen. Gerade jene Bevölkerungsgruppen, die für Innovation und wirtschaftliche Entwicklung im Land besonders wichtig wären, denken damit vergleichsweise häufig über eine Zukunft außerhalb Irans nach. Der seit Jahren anhaltende Braindrain dürfte sich unter diesen Voraussetzungen eher verstärken als abschwächen.
Veränderte Erwartungen an den Staat
In ihrer Gesamtschau ergeben die Umfragen ein bemerkenswert konsistentes Bild. Wirtschaftliche Sicherheit, funktionierende Institutionen und berechenbare außenpolitische Beziehungen genießen für die Mehrheit der Befragten höhere Priorität als religiöse oder ideologische Leitvorstellungen. Gleichzeitig bleibt die Verbundenheit mit Iran ausgeprägt. Der geleakte Bericht zeigt keine Gesellschaft, die sich von ihrem Land abgewandt hat, sondern eine Bevölkerung, deren Erwartungen an den Staat sich grundlegend verändert haben.
Wie repräsentativ die einzelnen Erhebungen im statistischen Sinn sind, lässt sich von außen nicht abschließend überprüfen. Gerade weil die Umfragen jedoch nicht für die Veröffentlichung bestimmt waren, sondern dem internen Gebrauch des Präsidialamts dienten, besitzen sie besonderen Quellenwert. Unabhängig davon, welche politischen Konsequenzen daraus gezogen werden, bieten sie einen seltenen Einblick in die Wahrnehmungen, Erwartungen und Sorgen der Menschen in Iran – und dokumentieren die wachsende Kluft zwischen den politischen Prioritäten der Islamischen Republik und denen eines großen Teils der Bevölkerung.♦
Foto: Beyza Nur Arı

