Ölpest im Persischen Golf: Wenn ein Krieg das Meer vergiftet

Vor der iranischen Insel Qeschm haben Ölteppiche mehrere Kilometer empfindlicher Küste verseucht. Ausgerechnet dort, wo Meeresschildkröten ihre Eier ablegen und Mangrovenwälder wachsen. Der Fall reiht sich ein in ein weit größeres Problem: Monate nach dem Krieg zwischen den USA, Israel und Iran ringt die Golfregion noch immer mit dessen ökologischem Erbe.

Von Parvin Khoozestani

Als Umweltteams Anfang August entlang der Südküste von Qeschm eintrafen, war schnell klar, dass es sich nicht um einen gewöhnlichen Zwischenfall handelte. Ölteppiche hatten sich über rund 3,2 Hektar Küste und knapp neun Hektar Küstengewässer gelegt. Betroffen waren die Strände Suza, Schib-Deraz und Naghasche sowie angepflanzte Mangrovenwälder im Süden der Insel und Teile der Meeresenge zwischen Qeschm und der Nachbarinsel Hengam. An manchen Stellen war das Öl bis zu 30 Zentimeter tief in den Sand eingedrungen. In so einem Fall setzt sich die Verschmutzung in Sedimenten fest, die auch Monate nach der Reinigung noch Schadstoffe abgeben können.

Was zunächst wie eine lokale Havarie klingt, hat überregionale Bedeutung. Qeschm ist die größte Insel im Persischen Golf und Teil eines UNESCO-Geoparks. Ihre Küsten zählen zu den ökologisch wertvollsten Lebensräumen Irans; der Strand Schib-Deraz gilt als eine der wichtigsten Eiablagestätten für Meeresschildkröten in der Region. Jede Reinigungsmaßnahme, die dort nicht mit äußerster Sorgfalt erfolgt, kann selbst zur zusätzlichen Gefahr für die Tiere werden. Schwere Maschinen etwa, wie sie die freie Wirtschaftszone Qeschm für die Aufräumarbeiten zur Verfügung stellte, sind auf Sandstränden mit Nistplätzen denkbar ungeeignet.

Ein Dutzend Behörden, aber keine klare Quelle

Laut iranischer Medien sind die iranische Umweltbehörde, die Hafen- und Schifffahrtsverwaltung der Provinz Hormozgan, die Provinzverwaltung, der Krisenstab, die Freihandelszone Qeschm, lokale Gemeinden, Fischer und Umweltgruppen gemeinsam im Einsatz. Nach ersten Feldbegehungen gehen Verantwortliche davon aus, dass die Ölquelle auf See lag und Meeresströmungen sowie saisonale Winde das Öl an die Küste trieben. Woher es genau stammt, ist jedoch weiterhin ungeklärt. Entlang der Nordostküste von Hengam sowie auf der Seeroute zwischen den beiden Inseln wurden zudem zahlreiche sogenannte Teerklumpen entdeckt: Rückstände, die nahelegen, dass sich die Verschmutzung über ein größeres Gebiet ausgebreitet hat als zunächst angenommen.

Genau das ist der Kern des eigentlichen Problems, auf das Umweltschützer seit Tagen hinweisen: Eine gereinigte Küste sieht zwar wieder sauber aus, sagt aber wenig darüber, wie viel Öl sich bereits in Sedimenten und Wurzeln der Mangroven festgesetzt hat. Es handelt sich um Schäden, die sich oft erst Jahre später zeigen.

Schina Ansari, Leiterin der iranischen Umweltschutzorganisation, ordnete den Vorfall öffentlich in einen größeren Zusammenhang ein. Die Verschmutzung der Küsten von Qeschm und Hengam sei, wie sie in einer Stellungnahme schrieb, „Teil der offenkundigen Folgen militärischer Aggression, die unserem Küsten- und Meeresökosystem aufgezwungen wurden“.

Eine Katastrophe, vor allem für die Fischer, Tourismusbetriebe und Dörfer entlang der Küste von Qeschm und Hengam

Eine Region, die seit Monaten mit Öl kämpft

Nach ersten Einschätzungen der iranischen Umweltbehörden hat die Provinz Hormozgan – zu der auch Qeschm gehört – infolge der israelisch-amerikanischen Militäroffensive gegen Iran, die Ende Februar 2026 begann und sich über mehrere Monate hinzog, den größten ölbedingten Umweltschaden des Landes erlitten. Nach iranischen Medienberichten sind Teile der Ost- und Westküste der Provinz sowie mehrere Inseln von Ölaustritten betroffen, die auf Angriffe auf Häfen, Anlegestellen und Energieinfrastruktur zurückgehen.

Ersten, noch vorläufigen Schätzungen zufolge sind mehr als 250 Kilometer der Küstenlinie Hormozgans betroffen. Auch in der Provinz Buschehr, insbesondere in der petrochemischen Region Assaluyeh, meldeten Behörden Umweltschäden durch Angriffe auf Raffinerien und Küsteninfrastruktur, wenn auch in geringerem Ausmaß als in Hormozgan.

Der Persische Golf hat mit Ölkatastrophen dieser Größenordnung bereits Erfahrung. Während des Golfkriegs 1991 verursachten irakische Truppen die größte Ölpest der Geschichte, als sie gezielt Rohöl ins Meer leiteten, um eine Landung alliierter Truppen zu erschweren. Schätzungen zufolge gelangten damals bis zu 800.000 Kubikmeter Öl ins Wasser; Folgeschäden für Fischbestände und Küstenökosysteme waren noch Jahre später nachweisbar. Dass Kriege im Persischen Golf regelmäßig auch zu Umweltkatastrophen werden, ist damit keine neue Erkenntnis, wohl aber eine, die angesichts der Verwundbarkeit dieses ohnehin flachen, wasserarmen und stark befahrenen Meeresbeckens immer wieder unterschätzt wird.

Aufräumen reicht nicht

Was die Ereignisse bei Qeschm von einem klassischen Tankerunglück unterscheidet, ist die doppelte Unsicherheit: Weder ist die genaue Quelle der aktuellen Verschmutzung geklärt, noch lässt sich das Ausmaß der kriegsbedingten Vorbelastung entlang der gesamten Küste bereits seriös beziffern. Genau deshalb fordern Umweltexperten inzwischen eine systematischere Herangehensweise: wissenschaftliches Monitoring von Wasser- und Sedimentqualität, das über die reine Reinigung hinausgeht, eine verbindliche Klärung der Verursacherfrage – und, damit verbunden, die Klärung, wer für Schäden haftet.

Nach iranischem Recht liegt die rechtliche Zuständigkeit für die Bekämpfung von Ölverschmutzungen vor allem bei der Hafen- und Schifffahrtsbehörde. Die Verantwortung für den Schutz der Umwelt selbst kennt jedoch, wie es in einer Analyse der iranischen Nachrichtenagentur IRNA hieß, „keine administrativen Grenzen“.

Für die Fischer, Tourismusbetriebe und Dörfer entlang der Küste von Qeschm und Hengam ist das mehr als eine abstrakte Verwaltungsfrage. Ihre Lebensgrundlage hängt unmittelbar von einem Meer ab, dessen Zustand sich nicht an der Oberfläche ablesen lässt. Eine saubere Küste, warnen Umweltschützer, sei noch lange kein Beweis für ein gesundes Meer.♦

Fotos: iran-emrooz.net