Iran in Angst vor dem Coronavirus

„Verzeihung, wo haben Sie ihre Maske her?“, fragt sie mich dann. „Gekauft, warum fragen Sie?“ Sie erinnert daran, dass die Regierung versprochen hat, der Bevölkerung kostenlos Masken zum Schutz vor dem Coronavirus zur Verfügung zu stellen. Verkauft werden die Masken nicht nur in Apotheken, sondern auch in anderen Geschäften. In der Stadt Hamedan soll sogar ein Computerladen Masken und Desinfektionsmittel verkaufen, erzählt sie:„Überall im Kleinhandel, wo die Geschäfte nicht gut liefen, kann man jetzt Schutzmittel gegen den Virus kaufen.“

In manchen Bezirken der Hauptstadt findet man kaum noch Desinfektionsmittel und Gummihandschuhe. „Corona hat auch eine gute Seite, allerdings nur für die Bazar-Händler, die mit der Regierung verkoppelt sind“, sagt der junge Mann zynisch und schüttelt verärgert den Kopf.

Die ältere Frau im Café bleibt beim Ghomi: Sie findet es lustig, dass dem Abgeordneten nach seinen Aussagen über die Opfer des Coronavirus schlecht wurde. Er wurde ins Krankenhaus eingeliefert, sein Arbeitsplatz im Abgeordnetenhaus desinfiziert. „Ist er mit dem tödlichen Virus infiziert?“, fragt die Dame, um selbst zu antworten: „Das weiß niemand. Die Behörden werden uns später informieren – oder auch nicht. Je nachdem, was dem Regime nützt.“

„Menschenleben zählen hier nichts“, sagt die jüngere Frau: „Wer stirbt und regimetreu ist, wird als ‚Märtyrer‘ ins Paradies kommen, und wer dem Regime nicht blind folgt, hat in dessen Augen sowieso keine Existenzberechtigung. So handeln sie doch seit 40 Jahren.“

Niemandem trauen

Ein neuer Gast betritt das Café, ohne Maske. Im Vorbeigehen verteilt er den Geruch kalten Zigarettenrauchs im Raum. Als er sich hinsetzt, hustet er kurz. Ich denke: „Das kommt vom Rauchen.“ Doch der schutzmaskentragende Cafébesitzer will kein Risiko eingehen. Ohne zu zögern, geht er zu dem Kunden und bittet ihn höflich, mit ihm hinaus zu gehen. Sie sprechen kurz auf dem Bürgersteig miteinander, der Mann geht und der Besitzer kommt mit einem schuldbewussten Gesichtsausdruck zurück. „Sind wir jetzt alle infiziert?“, fragt die ältere Frau den Wirt spöttisch. „Infizierte haben keine Hörner und Schwänze“, sagt er – ein altes iranisches Sprichwort, um zu sagen, dass sie so aussehen wie Du und ich, und man niemandem trauen sollte.

Als ich die Rechnung bekomme, schaue ich dem Wirt kurz in die Augen. Er zuckt mit den Schultern und sagt, dass er es auch leid sei, den Preis wöchentlich erhöhen zu müssen – doch sonst müsste er seinen Laden schließen.

Die Preissteigerung der letzten Woche hat aber wenig mit dem tödlichen Virus zu tun. Sie ist vor allem die Folge einer Entscheidung des Regimes: Das iranische Parlament hat es am 21. Februar abgelehnt, Mitglied der Financial Action Task Force (FATF) zu werden. Die islamischen Hardliner um das Staatsoberhaupt Ali Khamenei wollten nicht von einer internationalen Institution, deren Aufgabe die Bekämpfung der Geldwäsche und Verhinderung der Terror-Finanzierung ist, kontrolliert werden. Deshalb wurde der Iran auf die „schwarze Liste“ der FATF gesetzt. Das bedeutet, dass das wirtschaftlich ruinierte Land künftig noch weiter von den internationalen Finanzmärkten isoliert wird. Es heißt auch: In Zukunft gibt es noch weniger Masken, weniger Desinfektionsmittel und Medikamente.

Und bei all dem bleibt den Iraner*innen nicht einmal die Möglichkeit, wie üblich die „Heiligen“ um Rettung zu bitten. Denn in der wichtigsten Pilgerstadt des Landes, Mashad, wurden drei Menschen aus Kuwait mit Covid-19 infiziert – das hat man bei ihrer Rückkehr nach Kuwait festgestellt. Und in der zweitwichtigsten Pilgerstätte Ghom wütet Corona.

© Iran Journal

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