Ohne Kopftuch in Iran: Drei Frauen erzählen
Seit der „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung gehen immer mehr Iranerinnen ohne Hijab auf die Straße. Drei von ihnen erzählen, was diese Entscheidung bedeutet und welchen Preis sie dafür zahlen. Ein Bericht aus Teheran.
Teheran im Herbst 2026: Auf den belebten Straßen der iranischen Hauptstadt laufen Frauen ohne Kopftuch an Frauen mit Kopftuch vorbei. Was vor einigen Jahren noch undenkbar schien, ist inzwischen alltäglich, zumindest in Teilen der Großstädte Irans. Und doch ist nichts davon selbstverständlich. Das Gesetz hat sich nicht geändert. Der Staat hat nicht aufgehört, zu kontrollieren.
Drei Frauen unterschiedlichen Alters erzählen, wie sie diesen Schritt gegangen sind und was ihn bis heute begleitet.
Aus dem Unbewussten kommt die Angst
Für die 57-jährige Maryam war es kein Befreiungsschlag, sondern ein langsamer Prozess. „Zuerst trug ich das Kopftuch locker um den Hals, dann steckte ich es in die Tasche – bis ich es irgendwann einfach zu Hause ließ“, sagt die Rentnerin. Die Erinnerungen an Jahrzehnte unter Zwang saßen tief.
Maryams Erinnerungen reichen bis in die ersten Jahre nach der Islamischen Revolution von 1979. Damals gingen Islamisten mit extremer Brutalität gegen Frauen vor, deren Haare unter dem Kopftuch hervorschauten: von verbalen Attacken bis hin zum Verbrennen der Haarsträhnen mit einem Feuerzeug. Manchen Frauen wurden die Haare mit Stecknadeln an die Stirn gepikst. Der Kopftuchzwang war von Anfang an nicht nur Gesetz, er wurde mit körperlicher Gewalt durchgesetzt.
Heute geht Maryam ohne Kopftuch auf die Straße. Nur beim Gang zu Behörden trägt sie ihn noch. „Für uns, die ältere Generation, war das viel schwieriger als für die Jüngeren. Die Schrecken der Vergangenheit hatten sich in unserem Unbewussten festgesetzt.“
Und die Angst ist nicht verschwunden. „Ich habe immer noch große Angst vor den Beamten. Seit meiner Jugend fürchte ich sie – und auch jetzt, obwohl ich älter bin, packt mich die Angst, wenn ich Regierungsbeamte sehe.“
„Wir haben gemerkt: Wir sind nicht in der Minderheit“
Eine 35-Jährige berichtet, dass sie die Veränderung als kollektiven Moment erlebt habe. Schon vor der Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“ verzichtete sie dort auf das Kopftuch, wo die Kontrolldichte geringer war. Seit den Protesten nach dem Tod von Jina Mahsa Amini im September 2022 hat sie es fast vollständig abgelegt.
„Wir haben gemerkt, dass wir nicht wenige sind und uns nicht in der Minderheit befinden. Das hat uns mutiger gemacht.“
Andere Frauen ohne Kopftuch auf der Straße zu sehen, habe etwas in ihr verändert; das Gefühl erzeugt, dass iranische Frauen gemeinsam Verhältnisse verschieben können. „Wir müssen die aufgezwungenen Bedingungen nicht mehr einfach hinnehmen.“
„Die Einschränkungen sind nicht verschwunden“
Eine 19-jährige Kunststudentin hat das Kopftuch nach dem Tod Aminis ganz abgelegt. Zuvor trug sie lieber Tücher oder Stirnbänder als die klassische Verhüllung. Was sich verändert hat, beschreibt sie nüchtern: nicht das System, sondern die Haltung der Frauen dazu. „Die Einschränkungen sind nicht verschwunden. Was sich geändert hat, ist, dass wir mutiger geworden sind und mehr Frauen sich weigern, den Kopftuchzwang zu befolgen.“
Seit ihrer Kindheit, sagt sie, habe sie erlebt, dass Frauen beigebracht wurde, ihre Schönheit zu verbergen. „Ich hatte das Gefühl, nicht als Mensch oder eigenständiges Individuum wahrgenommen zu werden. Mein Äußeres und mein Körper waren Gegenstand von Urteilen und Entscheidungen anderer.“

Kameras, SMS-Bußgelder, Kontrolleure im Verborgenen
„Manchmal merken Frauen erst durch die Bußgeld-Nachricht, dass auf ihrer Strecke eine Kamera hing“, sagt die 35-Jährige. Neben der klassischen Sittenpolizei Gascht-e Ershad setzt der iranische Staat zunehmend auf elektronische Überwachung. Kameras im öffentlichen Raum, deren Standorte die Frauen nicht kennen, erfassen Gesichter und übermitteln Daten. Oft erfahren Betroffene erst durch eine Straf-SMS, dass sie gefilmt wurden.
Wie die Frauen darauf reagieren, ist unterschiedlich: Manche legen in bestimmten Bereichen das Kopftuch wieder an, andere verweigern jede Anpassung.
Amnesty International dokumentierte in seinem Bericht zur Menschenrechtslage in Iran 2025 den Einsatz elektronischer Überwachungstools, Kameras sowie informeller Unterstützer des Regimes bei der Durchsetzung der Hijab-Vorschriften.
An der Uni: Zwischen Eingang und Klassenraum
Für die Kunststudentin ist die Universität ein besonderer Ort der Einschränkung. Am Eingang kontrolliert der Sicherheitsdienst die Kleidung. Sie passt sich an – und legt die Kopfbedeckung im Klassenraum wieder ab.
„Im letzten Jahr haben sie mir mehrfach Verpflichtungserklärungen abgenommen“, sagt sie. Solche Erklärungen – unterschriebene Zusagen, die Vorschriften einzuhalten – können bei wiederholten Verstößen zu Disziplinarverfahren führen.
Die Atmosphäre solcher Verfahren beschreibt sie als beklemmend: „Die Verantwortlichen sitzen mir gegenüber und befragen mich zu meiner Kleidung – manchmal auch zu anderen Dingen. Es fühlt sich an wie ein Verhörraum.“ Die Angst vor einem Studienausschluss ist seitdem präsent.
Rückkehr der Kontrollen
Nach der „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung hatten sich die Sittenpatrouillen vorübergehend aus dem Straßenbild vieler Großstädte zurückgezogen. Radio Free Europe berichtete Ende Juni 2026, dass die klassischen Kontrollen in Teilen der Metropolen weitgehend verschwunden waren. Die Gesetze blieben weiterhin in Kraft.
In den Monaten darauf mehrten sich jedoch Berichte über eine Rückkehr der Kontrollstreifen. Auch die drei Frauen sagen, sie sähen die Moralpolizist*innen wieder öfter. Doch die Ausgangslage hat sich verschoben: Weil inzwischen so viele Frauen ohne Kopftuch auf der Straße sind, treffen Kontrolleure auf diese, ohne gezielt suchen zu müssen. Diese Wahrnehmung spiegelt persönliche Erfahrungen wider und lässt keine abschließenden Aussagen über das gesamte Land zu.
Staatsanwalt ruft Geheimdienst und Revolutionsgarden zum Eingreifen auf
Dass der Staat die Entwicklung nicht hinnimmt, zeigte eine Sitzung Ende Oktober 2026: Ali Salehi, Staats- und Revolutionsanwalt von Teheran, forderte in einer Sitzung der „Arbeitsgruppe Keuschheit und Hijab“ Geheimdienste und Revolutionsgarden auf, gegen das einzuschreiten, was er „organisierte Banden zur Förderung der Korruption“ nannte. 28 Behörden hätten in diesem Bereich gesetzliche Pflichten; die Inspektionsorganisation solle ihre Arbeit binnen eines Monats überprüfen.
Salehi drohte: Bei „Normverstößen“ im öffentlichen Raum werde man sowohl gegen die verantwortliche Person als auch gegen die zuständige Genehmigungsbehörde rechtlich vorgehen. Kurz zuvor hatte die Teheraner Staatsanwaltschaft Anzeige gegen die Veranstalter der Kunstmesse „Art Fair Tehran“ erstattet und deren Social-Media-Account sperren lassen. Dort hatten Frauen Installationen und Performances angeboten, die der islamische Staat als „Provokation“ einstufte. Die Einbeziehung von Geheimdiensten und Revolutionsgarden markiert eine neue Qualität.
Das Bild nach außen
Die 35-Jährige glaubt, dass das Regime die internationale Wirkung der Bilder im Blick hat. „Fotos von Frauen ohne Kopftuch in Teherans Straßen können im Ausland den Eindruck erwecken, die Islamische Republik habe sich vom Kopftuchzwang verabschiedet. Dabei ist das das Ergebnis des Widerstands der Frauen – nicht einer Entscheidung des Staates.“
Für diese drei Frauen ist das Ablegen des Kopftuchs mehr als eine Frage der Kleidung. Es ist die Rückeroberung von Kontrolle über den eigenen Körper – und ein stiller, alltäglicher Akt des zivilen Ungehorsams. Die Angst ist geblieben. Aber sie gehen trotzdem hinaus.♦
