Mojtaba Khamenei: ein Sicherheitsmann ohne öffentliche Reden
Nachdem Ayatollah Ali Khamenei, der Oberste Führer der Islamischen Republik, bei einem Angriff der USA und Israels am 28. Februar getötet wurde, hat der iranische Expertenrat dessen Sohn Mojtaba Khamenei zum neuen Oberhaupt Irans ernannt. Der Rat, der aus 88 führenden Geistlichen des Regimes besteht, stellte Mojtaba Khamenei am frühen Montagmorgen, dem 9. März, als dritten Führer in der 47-jährigen Geschichte der Islamischen Republik vor. Zum ersten Mal in der Geschichte der Islamischen Republik folgt damit der Sohn eines Führers seinem Vater faktisch in einer Art dynastischer Nachfolge.
Der Name Mojtaba Khameneis kursierte bereits seit Jahren im Schatten der Macht: als eine rätselhafte Figur hinter den Kulissen der iranischen Politik, der einflussreiche Verbindungen zum Umfeld des Führungsbüros sowie zu Teilen der Sicherheitsapparate nachgesagt wurden. Zugleich trat der 56-Jährige selbst nur selten öffentlich in Erscheinung. Damit steht nun ein Mann an der Spitze der Macht, von dem viele Iraner noch nie eine öffentliche Rede gehört haben.
Wer ist Mojtaba Khamenei – und wie wurde sein Name in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu einer der umstrittensten Optionen für die Nachfolge an der Spitze der Islamischen Republik?
„Er ist ein Herr – kein Sohn eines Herrn“
Bereits im Jahr 2005 hatte der bei der damaligen Wahl unterlegene Präsidentschaftskandidat Mehdi Karroubi dem Revolutionsführer Ali Khamenei vorgeworfen, dass sein Sohn Mojtaba im Wahlkampf den Kandidaten Mohammad Bagher Ghalibaf unterstützt habe.
Karroubi berichtete später, ein einflussreicher Geistlicher habe Ali Khamenei darauf angesprochen, dass „der Sohn Eurer Eminenz“ in der Wahl einen bestimmten Kandidaten unterstützen würde. Khamenei habe darauf geantwortet: „Er ist ein Herr, kein Sohn eines Herrn.“ Bereits vor Jahren hat der inzwischen getötete Revolutionsführer Kritiker im Inland darauf hingewiesen, für seinen Sohn nicht den Begriff „aghazadeh“ – „Sohn eines Mächtigen“ – zu verwenden, sondern ihn mit „agha“, also „Herr“, anzusprechen.
Damit tauchte Mojtaba Khamenei erstmals deutlich im politischen Diskurs Irans auf: nicht nur als einer der Söhne des Revolutionsführers, sondern als eine Figur, der hinter den Kulissen politischer Einfluss zugeschrieben wurde. In den folgenden zwei Jahrzehnten rückte er immer wieder aus dem Schatten ein Stück weiter ins Licht. Mit seiner Wahl zum Obersten Führer ist Mojtaba Khamenei nun offiziell ins Zentrum der fragilen Machtstruktur der Islamischen Republik gerückt.
Mojtabas Weg zum Geistlichen
Ali Khamenei hatte sechs Kinder: die Söhne Mostafa, Mojtaba, Massoud und Meysam sowie die Töchter Boshra und Hoda. Hoda Khamenei wurde mit ihrem Ehemann und ihrem Kind bei den jüngsten Angriffe der USA und Israels auf den Iran getötet. Der 1969 geborene Mojtaba ist der zweite Sohn des Revolutionsführers.
Als Mojtaba Khamenei 1999 um die Hand von Zahra Haddad-Adel, der Tochter des konservativen Politikers Gholamali Haddad-Adel, anhielt, war er noch kein Geistlicher. Später veröffentlichten Berichte zufolge soll Ali Khameneis Ehefrau 1998 nach der ersten Phase der Heiratsverhandlungen eine religiöse Losbefragung („estekhare“) durchgeführt haben. Das Ergebnis fiel zunächst negativ aus und die Gespräche wurden abgebrochen. Ein Jahr später ließ Mojtabas Mutter erneut eine solche Befragung durchführen, diesmal mit positivem Ergebnis, woraufhin die Heiratspläne wieder aufgenommen wurden.
Vor der Hochzeit soll Ali Khamenei seinem künftigen Schwager Gholamali Haddad-Adel erklärt haben: „Ich habe kein Geld, um ein Haus zu kaufen. Wir mieten ein Haus, in dem Mostafa und Mojtaba jeweils in einer Etage wohnen. Sprich mit deiner Tochter, damit sie nicht denkt, die Ehe mit dem Sohn des Führers bedeute ein besonderes Leben.“ Er fügte hinzu, Mojtaba plane, nach Qom zu gehen, um zu studieren und Geistlicher zu werden. Mojtaba Khamenei heiratete schließlich Zahra Haddad-Adel. Auch sie kam bei den jüngsten Angriffen der USA und Israels auf Iran ums Leben.
Der Sohn, der seinem Vater am ähnlichsten ist
Später trat Mojtaba Khamenei tatsächlich in das religiöse Seminar ein und wurde Geistlicher. Unter den Kindern des Revolutionsführers gilt er vielen Beobachtern als derjenige, der seinem Vater sowohl äußerlich als auch in seiner politischen Denkweise am meisten ähnelt. Mohammad-Hossein Khoshvaght, der Schwager von Mostafa Khamenei, sagte einmal: „Es ist bekannt, dass unter den Söhnen des Revolutionsführers Mojtaba ihm am ähnlichsten ist – sowohl im Aussehen als auch in seinen persönlichen und gesellschaftlichen Eigenschaften.“ Dies bedeute jedoch nicht, dass Mojtaba direkt in politische Entscheidungen eingreife – auch wenn er aufgrund seiner Stellung möglicherweise von einigen konsultiert werde, so Khoshvaght weiter.
Regimenahe Geistliche spekulieren schon seit Jahren öffentlich über eine mögliche Nachfolge Mojtaba Khameneis. Der Freitagsprediger von Baharestan, Mehdi Tajzadeh, erklärte 2022: „Warum sollte Mojtaba, der den Feinden ein Dorn im Auge ist und die Eigenschaften einer Führungsperson besitzt, nicht die Verantwortung für die Angelegenheiten des Volkes übernehmen?“ Abdolkarim Farahani, Mitglied des Expertenrats, hatte zuvor erklärt: Sollte „der Schatten des Führers eines Tages nicht mehr über uns sein“, könne einer seiner Söhne, sofern er den Rang eines Rechtsgelehrten erreicht habe, mit Mehrheit der Expertenversammlung zum Führer gewählt werden.
Regimekritiker warnten hingegen immer wieder vor einer möglichen Vererbung der Macht. Der frühere Premierminister Mir-Hossein Mousavi schrieb 2022 aus dem Hausarrest: „Sind etwa die 2500 Jahre alten Dynastien zurückgekehrt, dass nach dem Vater nun der Sohn herrschen soll?“ Der Expertenrat wies diese Kritik als „Streuung von Zweifeln“ zurück und erklärte, entscheidend sei allein die Auswahl der geeignetsten Person.
Als er plötzlich „Ayatollah“ genannt wurde
2022 bezeichnete die Nachrichtenagentur des religiösen Seminars in Qom, Rasa, Mojtaba Khamenei erstmals als „Ayatollah“ und berichtete, er werde künftig Kurse auf dem Niveau der höchsten theologischen Lehrstufe („dars-e kharej“) unterrichten. Der Agentur zufolge hatte er bereits zuvor jahrelang Unterricht im Seminar gegeben.
Einige Beobachter werteten diese Entwicklung als Zeichen dafür, dass seine Stellung im religiösen Establishment und im Machtgefüge gestärkt werde.

Ein Mann im Schatten der Macht
Doch in all diesen Jahren verbrachte Mojtaba Khamenei seine Zeit nicht nur in den Unterrichtsräumen und Zellen der theologischen Seminare. Nach und nach entwickelte er sich zu einer der geheimnisvollsten Figuren hinter den Kulissen der politischen Macht – im Umfeld des sogenannten „Hauses des Führers“. Zwar erklärte Mahmoud Mohammadi-Araghi, Mitglied des Expertenrats, 2024 die Söhne Ali Khameneis hätten keinerlei offizielle Funktionen im Staat. Doch politische Einflussnahme hinter den Kulissen kann bisweilen wirkungsvoller sein als jedes formale Amt.
Zu den wenigen ehemaligen Funktionären, die offen über Mojtaba Khameneis Rolle im Machtgefüge gesprochen haben, gehört Mohammad Sarafraz, der frühere Leiter des staatlichen Rundfunks. Er berichtete 2019 von engen Verbindungen Mojtaba Khameneis zu Hossein Taeb, dem früheren Chef des Geheimdienstes der Revolutionsgarden, und von Treffen, bei denen politische Entwicklungen, Wahlen und das Kräfteverhältnis innerhalb des politischen Systems diskutiert worden seien. An einigen dieser Sitzungen soll auch Taeb teilgenommen haben.
Besonders während der umstrittenen Präsidentschaftswahl 2009 rückte Mojtaba Khameneis Name stärker in den Mittelpunkt. Einige Politiker und Analysten bezeichneten ihn damals als einen wichtigen Unterstützer von Präsident Mahmud Ahmadinedschad und erklärten, seine engen Kontakte zu Kommandeuren der Revolutionsgarden und der Basij-Milizen hätten bei der politischen Kontrolle der Situation nach der Wahl eine Rolle gespielt. Offizielle Stellen der Islamischen Republik wiesen diese Behauptungen stets zurück.
Zum Umfeld Mojtaba Khameneis sollen neben Militär- und Sicherheitsleuten auch Politiker zählen, darunter etwa Mohammad Bagher Ghalibaf, dessen Kandidatur er laut Mehdi Karroubi einst unterstützt haben soll. Alle Versuche dieses politischen Netzwerks, Ghalibaf zum Präsidenten zu machen, scheiterten jedoch. Hossein Taeb wurde im Sommer 2022 als Chef des Geheimdienstes der Revolutionsgarden abgesetzt, gilt aber weiterhin als Teil des engen Umfelds Mojtaba Khameneis.
Einige Analysten sehen gerade in dessen engen Beziehungen zu Kommandeuren der Revolutionsgarden eine der wichtigsten Quellen seines Einflusses. Über Jahre hinweg entwickelte Mojtaba Khamenei sich demnach zu einer zentralen Verbindung zwischen dem Büro des Revolutionsführers und der militärischen Führung der Garden.
Ein Führer ohne Reden und öffentliche Ämter
Trotz dieses Einflusses im Hintergrund war Mojtaba Khamenei all die Jahre keine öffentliche politische Figur. Während viele Geistliche und Politiker der Islamischen Republik – allen voran sein Vater – über Jahrzehnte hinweg durch Reden und öffentliche Auftritte bekannt wurden, existieren von Mojtaba Khamenei bislang nahezu keine veröffentlichten öffentlichen Ansprachen. Die iranische Öffentlichkeit kennt daher weder seine Rhetorik noch seine politischen Positionen aus erster Hand.
Personen, die ihn in den vergangenen Jahren getroffen haben, berichten zudem, dass er im Gegensatz zu vielen Geistlichen der Islamischen Republik kein besonders wirkungsvoller Redner sei und vor allem in kleinen, abgeschlossenen Gesprächsrunden im Umfeld des Führungsbüros agiere. Zudem hat Mojtaba Khamenei bislang weder eine staatliche Institution geleitet noch ein Regierungsamt bekleidet oder offiziell Verantwortung in der politischen Verwaltung des Landes getragen.
Ein Land in multiplen Krisen
Die Frage der Nachfolge ist in der Islamischen Republik mehr als nur ein Führungswechsel. Schon vor den Angriffen der USA und Israels war Iran von tiefen Krisen geprägt, die viele Analysten als Folge der jahrzehntelangen Herrschaft Ali Khameneis betrachten. Das Land steht seit Jahren vor einer Vielzahl von Problemen – manche Experten sprechen sogar von einer „Superkrise“: Wasser-, Strom- und Energieknappheit, schwere Haushalts- und Finanzprobleme, der Verfall der Landeswährung, chronische Inflation, wirtschaftliche Stagnation, wachsende Armut und die Belastung durch internationale Sanktionen. Hinzu kommen massive Umweltprobleme von extremer Luftverschmutzung über weitreichende Bodensenkungen bis hin zum Austrocknen wichtiger Wasserressourcen.
Auch politisch und gesellschaftlich steht das System unter Druck: sinkende politische Legitimität, wachsende Unzufriedenheit, massive Auswanderung von Fachkräften, die Krise der Rentensysteme, systemische Korruption und eine chronische Ineffizienz der Verwaltung. Viele Beobachter sprechen daher nicht nur von mehreren parallelen Krisen, sondern von einer gefährlichen „Konvergenz der Krisen“.
Die Wahl Mojtaba Khameneis erfolgt zudem, nachdem der Iran im Januar 2026 eine der größten Protestwellen in der Geschichte der Islamischen Republik erlebt hat. Die Demonstrationen gegen das Regime wurden mit massiver Gewalt niedergeschlagen und forderten Tausende Tote und Verletzte. Viele Demonstrierende stellten dabei nicht nur die Politik des Regimes, sondern auch die Legitimität des Obersten Führers grundsätzlich infrage. Vor diesem Hintergrund stellt sich nun die Frage, in welchem Maße eine Gesellschaft, von der ein erheblicher Teil bereits mit der bisherigen Führung gebrochen hat, die Herrschaft des Sohnes des früheren Revolutionsführers akzeptieren wird.
Der dritte Führer der Islamischen Republik
Mit der Wahl Mojtaba Khameneis hat sich die Führung der Islamischen Republik seit der Revolution von 1979 zum dritten Mal verändert – ein Machtwechsel, der die Debatte über die Natur des politischen Systems und über die Möglichkeit einer quasi dynastischen Nachfolge an der Spitze des Staates erneut anheizt. Doch vor dem neuen Führer steht nicht nur die Herausforderung der Machtübernahme. Er muss ein Land regieren, das sich neben Krieg und schweren Angriffen der USA und Israels zugleich in einer tiefen politischen, wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Krise befindet.
Angesichts einer Gesellschaft, die in den vergangenen Jahren immer wieder die Legitimität des Systems infrage gestellt hat, bleibt daher eine zentrale Frage offen: Kann ein neuer Führer – noch dazu als Sohn seines Vorgängers – die tiefe Kluft zwischen Staat und Gesellschaft überbrücken? Oder wird auch er von einer zunehmend erschöpften und enttäuschten Bevölkerung zurückgewiesen?
Quelle: Radio Free Europe / Radio Farda – Übersetzung: Iran Journal
