Zwei Wochen danach – was ist geschehen?
Rund zwei Wochen nach der heftigsten Protestwelle in Iran seit der Revolution von 1979 ist noch immer unklar, wie groß ihr tatsächliches Ausmaß war – und wie brutal ihre Niederschlagung. Sicher ist nur: Die Islamische Republik hat die Straßenproteste vorerst unter Kontrolle gebracht. Nach den massiven Demonstrationen am 8. und 9. Januar, die durch Videos und Fotos aus zahlreichen iranischen Städten dokumentiert sind, setzte der Staat offenbar seine gesamte sicherheits- und ordnungspolitische Macht ein. Mit massiver Gewalt wurden Demonstrierende zurückgedrängt, vielerorts auseinandergetrieben, in einigen Regionen regelrecht zerschlagen.
ویدیوی دریافتی: „فتح تهران! فتح #تهران! ۱۸ دی … بیستمتری گلستان“#Iran pic.twitter.com/o1Y1Y3DzKf
— Vahid Online (@Vahid) January 8, 2026
Am 12. Januar inszenierte das Regime eine Machtdemonstration: Unter großem propagandistischem Aufwand mobilisierte es seine Anhänger*innen zu landesweiten Kundgebungen. Ayatollah Ali Khamenei, der Oberste Führer der Islamischen Republik, zog einen historischen Vergleich und setzte die regimetreuen Demonstrationen rhetorisch mit dem 11. Februar 1979 gleich – dem Tag des Sieges der Islamischen Revolution.
Staatliche Medien und regimefreundliche Akteur*innen in sozialen Netzwerken verbreiten seither ein einheitliches Narrativ: Die Lage habe sich normalisiert, Ruhe sei eingekehrt. Nachrichtenagenturen wie die den Revolutionsgarden nahestehende Tasnim, ebenso die staatliche Rundfunkanstalt senden auffallend koordinierte Berichte. Das Internet ist seit rund 13 Tagen landesweit massiv eingeschränkt. Doch die wenigen nicht staatlich kontrollierten Informationen, die trotz der Internetsperren aus dem Land dringen, zeichnen ein anderes Bild.
#Breaking | The first aerial video of the people of Tehran, the capital of #Iran, marching in support of the Islamic Republic of Iran has been released. pic.twitter.com/TcFLQt6b1a
— Islamic Republic of Iran Broadcasting (IRIB) (@iribnews_irib) January 12, 2026
In den Städten, in denen die Proteste besonders heftig waren, sind die Spuren noch nicht verschwunden – weder aus dem Stadtbild noch aus dem kollektiven Gedächtnis der Bewohner*innen. In Teheran zeugen ausgebrannte Verwaltungsgebäude, verkohlte Propagandaplakate, beschädigte Bushaltestellen und die allgegenwärtige Präsenz von Sicherheitskräften vom Ausmaß der Auseinandersetzungen. In Rasht im Norden des Landes gilt der traditionsreiche Basar als nahezu zerstört; Berichte sprechen von Schock und Angst unter der Bevölkerung. In Shiraz haben Sicherheitskräfte weite Teile der Stadt unter Kontrolle gebracht, Kontrollposten der Revolutionsgarden prägen den Alltag. Auch aus den kurdischen Regionen mehren sich Berichte über massive Gewalt.
Images from Rasht bazaar reveal the extensive spread of the blaze and the severe damage to shops and surrounding buildings after the fire.The Rasht bazaar caught fire on Thursday, January 8. According to some reports and eyewitness accounts, the fire was deliberately set by the… pic.twitter.com/xjLN8avpo5
— Iran Human Rights (IHRNGO) (@IHRights) January 18, 2026
Zahl der Toten höher als bislang angenommen?
Wie viele Menschen bei den Protesten ums Leben kamen, lässt sich bislang nicht verlässlich beziffern. Die Organisation Iran Human Rights (IHRNGO) warnt jedoch, dass selbst die höchsten bislang kursierenden Schätzungen hinter der Realität zurückbleiben könnten. Grundlage sind Aussagen von Augenzeug*innen und Angehörigen sowie Bild- und Videomaterial, das trotz der nahezu vollständigen digitalen Abschottung Irans veröffentlicht werden konnte.
Das Regime selbst sprach von „Tausenden Toten“. Einzelne Medien nannten sogar Zahlen von bis zu 20.000 Getöteten. IHRNGO bestätigte am 19. Januar den Tod von etwa 3.500 Demonstrierenden. Die Menschenrechtsorganisation HRANA erklärte am 21. Januar, sie prüfe Berichte, wonach die Zahl der Todesopfer bis zu 4.500 betrage – darunter mindestens 33 Kinder.
Am Mittwochabend äußerte sich das Regime in Teheran erstmals offiziell zu den Todeszahlen der Proteste. In einer Erklärung der Stiftung für Märtyrer und Angelegenheiten der Veteranen – einer staatlichen Behörde, die ursprünglich für die Versorgung der Angehörigen von Gefallenen und Verletzten des Iran-Irak-Kriegs zuständig war – wurde die Zahl der Getöteten mit 3.117 angegeben.
Demnach sollen 2.427 der Todesopfer Zivilist*innen, Passant*innen oder Sicherheitskräfte gewesen sein. Sie erhielten laut Mitteilung den offiziellen Status von „Märtyrern“. Über die Identität und den Hintergrund der übrigen Todesopfer machte die Behörde keine Angaben.
Verdacht auf Verbrechen gegen die Menschlichkeit
Auch auf internationaler Ebene wächst die Sorge. Mai Sato, Sonderberichterstatterin des UN-Menschenrechtsrats für Iran, sprach in einem Interview mit ABC News von mindestens 5.000 getöteten Zivilist*innen. Ärzt*innen innerhalb Irans hätten ihr allerdings berichtet, dass die tatsächliche Zahl bei 20.000 oder sogar darüber liegen könnte. Auf die Frage, ob es sich um Verbrechen gegen die Menschlichkeit handeln könnte, sagte Sato, dies sei möglich, müsse aber untersucht werden.
Die Ermittlung verlässlicher Zahlen bleibt schwierig: Unabhängige Medienarbeit ist im Land nahezu unmöglich, die Internetsperren verhindern systematische Dokumentation im Ausland. Dennoch deuten Aufnahmen aus Krankenhäusern, von Friedhöfen und aus der Rechtsmedizin darauf hin, dass Sicherheitskräfte in großem Umfang und unter Einsatz von Kriegswaffen gegen Demonstrierende vorgingen.
Augenzeug*innen berichten von Kriegszuständen
Menschen, die das Land in den vergangenen Tagen verlassen haben oder über Satelliteninternet und Telefon Kontakt zu Journalist*innen und Menschenrechtsorganisationen hielten, bestätigen die Dimension der Gewalt. Aus Isfahan im zentralen Iran berichteten Augenzeug*innen, dass am 8. und 9. Januar mit Maschinengewehren auf Demonstrierende geschossen worden sei. Bilder aus der Stadt und ihrer Umgebung zeigen zerstörte Straßenzüge – Szenen, die an kriegsgebeutelte Regionen erinnern.
Aus Rasht berichten Zeug*innen von extrem vielen getöteten Demonstrierenden. Während der Eskalation seien Leichen stundenlang auf den Straßen liegen geblieben. Angehörige schildern, dass staatliche Stellen für die Herausgabe der Leichen sogenanntes „Schussgeld“ verlangen würden – Beträge zwischen 5.000 und 10.000 US-Dollar für die angeblich verwendeten Kugeln. Aus Angst, die Leichname ihrer Kinder nicht zurückzubekommen, hätten einige Familien Tote heimlich aus Krankenhäusern geholt.
Enttäuschung, Hoffnungslosigkeit – und neue Drohungen
Bewohner*innen Teherans berichten zudem von tiefer Enttäuschung über die iranische Opposition. Viele fühlten sich ohne konkreten Plan auf die Straße geschickt. Nun richte sich die Hoffnung mancher allein auf äußere Akteure – etwa auf US-Präsident Donald Trump, der dem iranischen Regime zuvor offen mit militärischen Angriffen gedroht hatte.
Ayatollah Khamenei selbst bestätigte am 17. Januar den Tod von „einigen tausend Menschen“. Er machte die USA für die Unruhen verantwortlich und warf Trump vor, die Proteste offen angeheizt zu haben. Zwar betonte er, keinen Krieg anzustreben, doch zugleich drohte er, die „inländischen und ausländischen Kriminellen“ nicht ungestraft zu lassen. Andere Vertreter des Regimes sagten wiederholt, die Getöteten seien Terroristen gewesen oder von Terroristen ermordet worden – Belege dafür legten sie nicht vor.
Diese Rhetorik verstärkt die Sorge um das Schicksal Zehntausender Inhaftierter. Die Islamische Republik hat eine lange Geschichte politischer Hinrichtungen.
Wirtschaftliche Verzweiflung als Auslöser
Die jüngste Protestwelle, die sich über etwa zwei Wochen erstreckte, war eng mit der wirtschaftlichen Not im Land verbunden. Ab dem 28. Dezember gingen Menschen in Teheran und zahlreichen anderen Städten auf die Straße, nachdem die iranische Währung Rial einen neuen historischen Tiefstand erreicht hatte. Was als Protest gegen Inflation und Verarmung begann, entwickelte sich zur blutigsten Erhebung in der Geschichte der Islamischen Republik – und löste scharfe Reaktionen westlicher Regierungen auf das gewaltsame Vorgehen des iranischen Regimes aus.
Was bleibt, ist ein Land unter Kontrolle – und eine Gesellschaft, die sichtbar gezeichnet ist. Die Spuren der Gewalt sind nicht verschwunden. Die Ruhe, die das Regime verkündet, wirkt fragil.
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